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Hans-Christian Ströbele

Ein Linker, der ein Linker geblieben ist

Hans-Christian Ströbeles Leben ist Zeitgeschichte: Als Aktivist der außerparlamentarischen Opposition fing er an, als Grüner mit Eigensinn hat er den Bundestag im wiedervereinigten Deutschlands mitgeprägt. Im Alter von 83 Jahren ist er gestorben.

Von Mittwoch, 31.08.2022, 15:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 31.08.2022, 14:55 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Im Dauereinsatz auf dem Fahrrad – blaues Hemd, roter Schal – und bei fast jeder Demo dabei, so kannten viele den Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele. Am 29. August ist er mit 83 Jahren gestorben.

Er war der Anwalt des RAF-Terroristen Andreas Baader, Mitgründer der linksalternativen „Tageszeitung“ und Anfang der 90er Jahre Sprecher der Grünen. Er zog durch seinen Wahlbezirk Berlin-Kreuzberg, um in den Bundestag gewählt zu werden, und stand in der internationalen Öffentlichkeit, als er den Whistleblower Edward Snowden im Exil in Moskau aufsuchte. Noch mit 78 Jahren gehörte er dem Bundestag an. Allein seine nachlassenden Kräfte bewegten ihn 2017 zum Rückzug. Fünf Legislaturperioden hat er absolviert; sieben Jahre regierten SPD und Grüne in einer Koalition.

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Mit beinahe 80 Jahren empfing er noch Gäste im Erkerzimmer eines Gründerzeithauses am Spreeufer in Berlin-Moabit. Auf der anderen Uferseite der Spree sah man von seinem Arbeitszimmer aus die Türme, in denen nach dem Regierungsumzug aus Bonn das Innenministerium untergebracht war. Otto Schily (SPD), Ressortchef unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) in der rot-grünen Koalition, konnte von dort oben in Ströbeles Fenster gucken.

Ein politischer Charakterkopf

Ströbele selbst wies auf die Symbolik hin: Schily und er waren Aktivisten der „Außerparlamentarischen Opposition“ der 68er, Anwaltskollegen, Verteidiger von Mitgliedern der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) und zählten zur Gründergeneration der Grünen – bis ihre politischen Wege sich trennten. Schily wechselte in die SPD und ins Ministeramt, Ströbele blieb an der Basis. So wollte er gesehen werden – und so wurde er gesehen: ein politischer Charakterkopf, ein Linker, der ein Linker geblieben ist.

Wäre er noch im Parlament, würde er die Auseinandersetzung mit der AfD suchen, sagte er vor einigen Jahren: „Da kann man auch mal heftig werden und drastische Worte wählen.“ Dass man die Rechtspopulisten durch Ignorieren zurückdrängen kann, glaubte er nicht. Auch gegen die AfD hatte Ströbele damals demonstriert. Er habe aber zugleich „hinter den Polizeilinien“ das Gespräch mit den Anhängern der Partei gesucht, Ex-SPD-Wählern, erzählte er. Denn die wachsende Unzufriedenheit der Menschen beunruhigte ihn.

Unglaublich, was ans Licht gekommen ist

Die für ihn typische Kombination von linker Überzeugung und pragmatischem Handeln ist oft beschrieben worden. Ströbele scheute keine Auseinandersetzung. Er nutzte den Grünen als Identifikationsfigur der Linken, ließ sich aber nicht disziplinieren. Und er hatte Erfolg bei den Wählern: Viermal gewann Ströbele in seinem Wahlkreis das Direktmandat, mit bis zu 46,8 Prozent der Stimmen.

Gegen die Mehrheit seiner Fraktion lehnte er die Hartz-IV-Gesetze ab und stimmte gegen Militäreinsätze im Kosovo und in Afghanistan. Er war stellvertretender Fraktionsvorsitzender und als Parlamentarier an Pflichtbewusstsein kaum zu übertreffen. Breite Anerkennung erwarb er sich durch seine Detailkenntnis und Hartnäckigkeit bei der Aufklärung politischer Skandale: „Ich bin wahrscheinlich der Abgeordnete mit den meisten Untersuchungsausschüssen“, bilanzierte er fröhlich. NSU, NSA, Kohls Spenden-Affäre: „Unglaublich“, was an politischem und institutionellem Versagen ans Licht gekommen sei, sagte er.

Bei vollem Bewusstsein

Ströbele konnte auf mehr als 50 Jahre eines aktiven politischen Lebens zurückblicken. In seinem Büro mit Holzregalen bis unter die Decke standen und hingen die stummen Zeugen: Aktenordner aus dem RAF-Prozess in Stuttgart-Stammheim, von dem Ströbele als Verteidiger ausgeschlossen wurde, eine Anwaltsrobe, eine Fahne der Grünen, abmontierte Schilder: „Sozialistisches Anwaltskollektiv“ und die Namen seiner damaligen Anwaltskollegen standen darauf.

Bis zuletzt sei er bei vollem Bewusstsein gewesen, ließ Ströbeles Familie den Medien durch Rechtsanwalt Johannes Eisenberg ausrichten. „Nicht der Geist, der Körper wurde ihm zur Qual.“ (epd/mig)

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