Sonnenblumenhaus, Rostock, Lichtenhagen, Rassismus, Rechtsextremismus
Das "Sonnenblumenhaus" im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen © Anne Roth @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Brandanschlag zum Jahrestag

Tausende demonstrieren gegen Rassismus in Rostock-Lichtenhagen

30 Jahre nach den rassistisch motivierten Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen haben sich an gleicher Stelle mehrere Tausend Menschen zu einer Gedenkveranstaltung getroffen. Derweil verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf eine Geflüchtetenunterkunft in Leipzig.

Sonntag, 28.08.2022, 15:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 28.08.2022, 14:19 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen haben am Samstag mehrere Tausend Menschen friedlich an die rassistisch motivierten Ausschreitungen vor 30 Jahren erinnert. Die Polizei Rostock sprach von rund 3.600 Teilnehmenden, die Veranstalter schätzten die Zahl zunächst auf 10.000, später sprachen sie von 5.000 Teilnehmenden. Auch ein „Schwarzer Block“ formierte sich, innerhalb des Blocks kam es zur Zündung eines Nebeltopfes.

Zahlreiche Rostocker Vereine beteiligten sich, ebenso verschiedenste Gruppen von „Jugendliche ohne Grenzen“ bis hin zu „Omas gegen Rechts“, die extra anreisten. Die Veranstaltung stand unter dem Titel „Erinnern heißt verändern“, aufgerufen hatte das Bündnis „Gedenken an das Pogrom. Lichtenhagen 1992“. Demonstration und Kundgebungen verliefen nach Polizeiangaben friedlich. Die Demonstrationsroute verlief durch die Rostocker Stadtteile Lichtenhagen und Lütten Klein.

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Politik und Polizei haben versagt

Şeyhmus Atay-Lichtermann, Vorsitzender des Migrantenrats Rostock, sagte im Rückblick auf die Ausschreitungen in Lichtenhagen, Politik, Polizei und weitere Verantwortliche hätten damals versagt. Die Erinnerung an das Pogrom müsse wachgehalten werden, um erneute Anschläge zu verhindern. Menschen müssten sich entschieden gegen Rassismus, Antiziganismus, Islamophobie stellen.

Die Abschlusskundgebung fand auf der Wiese am „Sonnenblumenhaus“ statt, dem elfstöckigen Plattenbau-Gebäude, in dem sich damals die Aufnahmestelle für Asylsuchende befunden hatte und an dem die Ausschreitungen vor 30 Jahren begonnen hatten.

Brandanschlag auf Geflüchtetenunterkunft in Leipzig

Dort sagte Cornelia Kerth, Bundesvorsitzende der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten“ (VVN-BdA), damals seien Opfer alleingelassen worden. Dass keine massive Kampagne gegen Rechts ablaufen sei, dass das Asylrecht verschärft worden sei, habe die rechten Kräfte gestärkt. „Es ist nicht vorbei“, so Kerth. Rassismus gehöre in Deutschland zum Alltag.

Tatsächlich haben Unbekannte in der Nacht zum Samstag mehrere Brandsätze auf eine Gemeinschaftsunterkunft in Leipzig geworfen, in der 225 Geflüchtete leben. Den Angaben zufolge konnte das Feuer schnell gelöscht werden. Verletzt worden sei niemand. Die Täter flüchteten. Die „Task Force Gewalt“ im Landeskriminalamt habe die Ermittlungen übernommen. Eine politisch motivierte Tat wird nicht ausgeschlossen. Die Leipziger Linken-Politikerin Jule Nagel nannte den Anschlag 30 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen erschreckend. Der sächsische Innenminister Armin Schuster (CDU) sprach von einem Alarmzeichen.

Ein weiterer Vorfall sorgte am Wochenende für Entsetzen. Unbekannte haben am Samstag gegen 23 Uhr einen Anwohner des „Sonnenblumenhauses“ mit einer noch unbekannten Flüssigkeit übersprüht. Ob das Tatmotiv im Zusammenhang mit einem Zwischenfall am Rande der Demonstration steht, werde derzeit überprüft, teilte die Polizei am Sonntag mit. Die linke Gruppierung „Alerta Berlin“ hatte am Samstag gegen 18.15 Uhr auf Twitter behauptet, ein Mann habe aus einer Wohnung im „Sonnenblumenhaus“ heraus einen Hitlergruß gezeigt.

Einknicken vor den Nazis

Vom 22. bis zum 26. August 1992 gab es im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen schwere rassistisch und fremdenfeindlich motivierte Ausschreitungen. Im Verlauf der vier Tage gerieten dabei 150 Menschen in akute Lebensgefahr, nachdem ein Wohnhaus ehemaliger vietnamesischer DDR-Vertragsarbeiter in Brand gesetzt worden war. In der Folgezeit wurden viele der Opfer aus Deutschland abgeschoben und das Asylrecht wurde verschärft. Nur wenige Täter kamen teilweise Jahre später mit milden Strafen davon. Kritiker sprechen von einem Einknicken des Staates vor den Nazis.

Die Demonstration bildete den Höhepunkt eines Gedenkjahres, das die mehr als 30 Bündnispartner aus Rostock und Umgebung anlässlich des 30. Jahrestages des Pogroms bereits seit Ende Februar gestalteten. (epd/mig)

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