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Die Stadt Irpin in der Ukraine nach einem russischen Angriff © 123rf.com

Ukraine-Krieg

„Da geht viel Geschichte und kulturelle Identität verloren.“

Der Krieg in der Ukraine verursacht schon jetzt irreparable Schäden an den Kulturgütern des Landes. Internationale Kulturorganisationen wollen helfen, Kunstschätze vor der Zerstörung zu bewahren.

Von Dienstag, 19.07.2022, 20:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 19.07.2022, 7:29 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

März 2022. Schwere Kartonverpackungen, Luftpolsterfolie, Tesafilm, Abdeckband, Truhen, Spanplatten, Sperrholz, Montageschaum und feuerfeste Materialien – das alles steht auf der Liste des Zentrums zur Rettung des kulturellen Erbes der Ukraine in Lwiw (Lemberg). Dort wird der Schutz oder die Evakuierung von Kunstschätzen vor der Zerstörung durch den russischen Angriffskrieg vorbereitet. Auch aus Deutschland sollen Transporte mit konservatorischen Materialien in Richtung Lwiw aufbrechen. Seit der Krieg begonnen hat, gibt es Nachrichten, dass unter anderem Kirchen, Museen und Denkmäler zerstört werden.

Für die ukrainischen Restauratoren ist es eine Herausforderung, Kulturschätze zu retten – nicht nur, weil es bestenfalls teures konservatorisches Verpackungsmaterial dazu braucht, sondern auch, weil sie nicht viel Zeit haben, die Stücke zu verpacken und zu evakuieren.

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Leitfaden gegen Hektik

Nach dem, was sie Berichten und Listen der ukrainischen Kolleginnen und Kollegen entnehme, scheine es zumindest in den Museen Konzepte und Notfallpläne zu geben, erzählt Alexandra Jeberien. Jeberien ist Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und Expertin für Notfallplanung und Katastrophenprävention.

Am besten kläre man vor dem Katastrophenfall die Fragen, was, wie und wohin man die Kunstschätze rettet. Zur Vorbereitung gehöre, Inventarlisten zu erstellen, Bestände zu dokumentieren, die Suche eines sicheren Ortes und die Priorisierung der wertvollsten Stücke. Sei das nicht geschehen, breche nun wahrscheinlich Hektik aus. In solchen Fällen können Leitfäden für die Evakuierung helfen, die beispielsweise die Unesco erstellt hat.

Feuchte Keller kein Lagerort

Auch für Kulturgüter, die sich nicht in professionellen Institutionen befinden, gibt es Möglichkeiten. „Es ist jetzt auch Improvisation gefragt“, erklärt Restauratorin Maria Lörzel. Sie arbeitet als Notfallbeauftragte für das Amt für Denkmalpflege des Landschaftsverbands Rheinland und beriet bei der Flutkatastrophe im vergangenen Juli. Bücher oder Archivalien könne man in Wäschekörben an einem trockenen Ort einlagern. Feuchte Keller hingegen seien nicht gut als Lagerort geeignet, sagt Lörzel.

Kunstgegenstände seien an Ort und Stelle mit Sandsäcken gut zu schützen. Auch immobiles Inventar wie Altäre könne man mit Sandsäcken abdecken. Wandmalereien wie die Ikonografien in orthodoxen Kirchen ließen sich auch mit einem Vlies notdürftig verhängen, rät Lörzel. So ließen sich Schäden von Trümmerteilen oder Schrapnell abmildern. Um zu verhindern, dass zerbrochene Fensterscheiben Beschädigungen verursachen, könne man diese abkleben oder mit Holzplatten sperren. Feuerlöscher in Reichweite können Brandschäden eindämmen.

Sieben Weltkulturerbe-Stätten in der Ukraine

Schwieriger ist die Bewahrung von immobilen Denkmälern. Die Unesco macht sich Sorgen um die sieben Weltkulturerbe-Stätten in der Ukraine, wie etwa der Höhlenkloster-Komplex in Kiew. Die Kulturorganisation der Vereinten Nationen wies daher auf die Kennzeichnungspflicht kultureller Stätten mit dem blauen Schild hin. Gebäude oder Denkmäler, die mit dem blau-weiß karierten Schild gekennzeichnet sind, sind nach der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten von 1954 vor Zerstörung geschützt.

Die internationale Organisation Blue Shield, die der Unesco zugeordnet ist, beobachtet weltweit in Konflikten den Zustand von Kulturgütern, teilweise aus der Ferne, teilweise auch in neutralen Beobachtungsmissionen, wie Alexander Gatzsche vom deutschen Nationalkomitee der internationalen Organisation Blue Shield erklärt. Die Unesco teilte vergangene Woche mit, sie beobachte gefährdete Weltkulturerbe-Stätten per Satellitenbild in der Ukraine. „Wir verfolgen auch den Frontverlauf, soweit das möglich ist, um einschätzen zu können, welche Kulturgüter betroffen sind“, sagt er.

„Da geht kulturelle Identität verloren.“

Bei Anfragen von offizieller staatlicher Seite für einen Abtransport von Kulturgut und die Evakuierung ins Ausland könne Blue Shield, ähnlich wie bei den Krankentransporten des Roten Kreuzes, gesicherte Transporte unterstützen.

Doch auch, wenn Kulturschätze vor Ort oder im Ausland in Sicherheit gebracht sind, kann man nicht alles retten. Bisher unentdeckte Gegenstände im Boden oder auch antike oder prähistorische Zeugnisse seien besonders durch Raubgräber bedroht, befürchtet der Reserveoffizier Gatzsche. „Da geht viel Geschichte und kulturelle Identität verloren.“ (epd/mig)

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