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Synagoge in Prag/Tschechien © de.depositphotos.com

Einem Geheimnis auf der Spur

Auf dem Dachboden alter böhmischer Synagogen

Im Licht von Taschenlampen haben Forscher jahrelang die Dachböden alter Synagogen in Tschechien durchsucht. Sie fanden Ritualgegenstände, Dokumente, Kleidung, teils Jahrhunderte alt: eine Zeitmaschine in den vergangenen Alltag jüdischer Gemeinden.

Von Dienstag, 19.07.2022, 17:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 18.07.2022, 16:49 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Es ist eine kleine Sensation, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Jüdischen Museum in Prag aufgespürt haben: Sie durchsuchten die Dachböden von 13 Synagogen in Tschechien und fanden Tora-Rollen, Gebetsriemen, besondere Kleidung – die ältesten Gegenstände stammten aus dem 16. Jahrhundert. Jahrelang haben sie sich in den uralten, zumeist ländlichen Synagogen gründlich durch Weggeworfenes gewühlt und dabei Details aus dem jüdischen Leben entdeckt, die bislang noch nicht bekannt waren.

„Wir sind da im Schutzanzug reingegangen“, erzählt Lenka Ulicna vom Jüdischen Museum Prag, die das Projekt leitet. Ein Hauch von Abenteuer wehte dort oben im Licht von Taschenlampen, wie sie erzählt: „Ich kam mir vor wie die Erste, die einem Geheimnis auf die Spur kommt.“

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Ausstellung „ausgedienter Gegenstände“

Vielerorts hatte seit Jahrzehnten niemand mehr die Dachböden betreten. Sie dienten als Geniza – das ist die hebräische Bezeichnung für Lagerräume für ausgediente Gegenstände wie Schriften, Kultgegenstände, Textilien, die wegen ihres religiösen Charakters nicht auf den Müll geworfen werden dürfen. Auf dem Dachboden sollten die Dinge langsam zerfallen.

Die Ausstellungsstücke mitsamt vieler Erklärungen zu ihrer Herkunft wurden jetzt im Regionalmuseum Chrudim ausgestellt, etwa eine Stunde östlich von Prag. Die Stadt war vor dem Zweiten Weltkrieg bekannt für ihr reichhaltiges jüdisches Leben. Immer wieder, berichtet Lenka Ulicna, habe man Hinweise auf Brauchtümer gefunden, die sowohl innerhalb als auch außerhalb der Synagogen gepflegt wurden – etwa auf Kleidung, die aus den gleichen Materialen hergestellt und mit den gleichen regionaltypischen Mustern verziert worden war, ob sie nun Juden gehörte oder nicht.

Zeitmaschine in die Lebensrealität der jüdischen

In Tschechien schließt das Forschungsprojekt eine Lücke: Das Jüdische Museum in Prag verfügt über einen gewaltigen Schatz an Judaica aus allen Epochen – aber dort sind eben nur die besonders kunstvollen Gegenstände erhalten; jene, die zu ihrer Zeit als erhaltungswürdig erachtet wurden. Auf den Dachböden hingegen fahndeten die Forscherinnen und Forscher buchstäblich nach Abfall.

Sie dienen der Wissenschaft gewissermaßen als Zeitmaschine in die Lebensrealität der jüdischen Gemeinden auf dem böhmischen und mährischen Land. „Für mich waren etwa die Zeugnisse über sprachliche Änderungen interessant“, sagt Lenka Ulicna: „Die Funde zeigen sehr authentisch, welche Sprachen in den Gemeinden gesprochen wurden. Wir wissen, dass früher Jiddisch gesprochen wurde, später ging es dann ins Deutsche über, danach gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam auch Tschechisch dazu.“

Verschiebungen in den Sprachen

Wenn auf den Dachböden etwa hebräische Lehrbücher aus einer bestimmten Epoche zu finden waren, lassen sie darauf schließen, dass sie ausgemustert wurden, weil die Texte in den Schulen nicht mehr einsetzbar waren. Aus einer späteren Epoche kamen dann Lehrbücher auf Deutsch hinzu. „Wir konnten also ermitteln, wie in der Realität die Verschiebungen in den Sprachen stattgefunden haben“, bilanziert Lenka Ulicna.

Auf Fotos ist zu sehen, wie Lenka Ulicna und ihr Team mit Handschuhen und Atemmasken auf den Dachböden unterwegs sind. Auf nacktem Holzboden liegen hunderte Papierschnipsel und andere Artefakte, oft in mehrere Teile zerfallen und in fortgeschrittener Zersetzung. „Wir haben Gerichtsentscheidungen und Eheverträge dort gefunden, also auch Unterlagen für Genealogen. Die können jetzt in unseren Sammlungen Hinweise auf bestimmte Namen und Daten finden, die früher nicht bekannt waren – etwa, weil es um Leute ging, die nicht bedeutend waren.“

Schwieriger Umgang mit Gegenständen

Der Fokus des Forschungsteams lag aber nicht nur auf den schriftlichen Zeugnissen, sondern auch auf Alltagsgegenständen: Masken etwa wurden gefunden, ein Schofar-Horn und andere Artefakte, von denen einige rund 500 Jahre alt sind. Es dürfte vor bevorstehenden Renovierungen der alten Synagogen die letzte Gelegenheit gewesen sein, in unversehrte Dachkammern hineinzuschauen.

Schwierig war allein schon die Überlegung, wie mit den Funden umzugehen sei, erzählt Ulicna: „Wir haben im jüdischen Museum zwar Werkstätten für Papier, für Textilien, auch für metallene und hölzerne Gegenstände. Wir haben wirklich erfahrene Restauratoren. Aber auch die haben lange überlegt, wie sie mit den Gegenständen verfahren sollen – mit Gegenständen, bei denen klar ist, dass sie eigentlich für den Verfall bestimmt waren.“

„Der Vergessenheit entrissen“

Die Restauratoren hätten sie natürlich in einen guten Zustand zurückversetzen können, aber das sei gar nicht das Ziel gewesen. Stattdessen entwickelten sie eine Strategie, nach der die Gegenstände zwar konserviert wurden, aber den Besuchern nicht vorgaukeln, dass sie neu seien.

„Man soll sehen, woher sie stammen“, so heißt beim jüdischen Museum dieser Zugang, und der Direktor Leo Pavlat ist überzeugt, dass genau das der richtige Weg sei: „Alle Gegenstände wurden der Vergessenheit entrissen. Ich finde, damit wird der Charakter der Geniza nicht verändert, der Name Gottes nicht entheiligt. Im Gegenteil: Alle die Gegenstände erinnern an die jüdischen Gemeinden, an jüdische Traditionen und Gebräuche und ehren dadurch ihr Andenken. Die Ausstellung ist eine Feier des religiösen Judentums.“ (epd/mig)

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