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Beratungsgespräch (Symbolfoto) © de.depositphotos.com

Eigenwillige Klienten

Wie Corona-Leugner und Flüchtlingsgegner Sozialarbeiter herausfordern

Im privaten Umfeld ist es oft möglich, Menschen aus dem Weg zu gehen, die einem unangenehm sind. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter können das eher nicht. Sie müssen ein professionelles Verhältnis zu nervenden Klientinnen und Klienten finden.

Von Donnerstag, 30.06.2022, 20:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 30.06.2022, 16:23 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Sozialarbeiter begleiten ihre Klienten oft sehr lange. Manchmal über Jahre. So ist das in der Suchtberatung, in der Straffälligenhilfe oder in der Erziehungsberatung. Während der langen Beratungszeit kommen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter ihren Klienten sehr nahe. Sie erfahren von intimsten Problemen – und von Meinungen, die mitunter befremdlich sind. Dann sind Sozialarbeiter gefordert, sie müssen mit Andersdenkenden professionell umgehen.

Seit Corona habe sich die Situation noch einmal verschärft, berichten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. „Wir haben Frauen, die von der Impfung sagen, die sei ’nur ein Scheiß’“, berichtet Bärbel Marbach-Kliem vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Augsburg, die straffällig gewordene Frauen im Gefängnis und nach ihrer Entlassung berät. „Teilweise glauben Frauen, dass die Impfung unfruchtbar macht.“ Eine Haftentlassene verweigerte unlängst sowohl eine Covid-19-Impfung als auch einen Test vor Betreten der Beratungsstelle: „Diese Frau haben wir leider als Klientin verloren.“

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Darauf hinzuweisen, was Experten sagen, bringt laut Marbach-Kliem nicht viel: „Ich entgegne lediglich, dass ich selbst die Impfung gut und wichtig finde.“ Sie habe aber kein „Sendungsbewusstsein“. Anders verhält es sich, wenn Frauen faschistoides Gedankengut äußern. Was immer wieder vorkomme: „Es ist schon passiert, dass schwarze Frauen in unserer Beratungsstelle angemacht wurden.“ Das gehe gar nicht. Dann schreite das SkF-Team ein.

Sozialarbeit mit Empathie

Sozialarbeit funktioniert nur mit Empathie, sagt Stefan Wenger von Condrobs, einem Verein in München, der sich um Suchtkranke kümmert und Jugendhilfe anbietet. Natürlich werden immer mal wieder Themen im Kontext der Corona-Pandemie gestreift, sagt Wenger: „Doch die sind ja nicht der Grund, warum jemand unsere Hilfe in Anspruch nehmen möchte.“ Darum werden „abweichende“ Ansichten zu Corona meist nicht vertieft: „Wir verstehen uns nicht als Meinungspolizei.“ Die Corona-Impfung werde als individuelle Entscheidung betrachtet.

Nicht toleriert werden auch hier Thesen, die Ausgrenzung zur Folge haben: „Dann müssen wir Stellung beziehen.“ Wenger denkt dabei an junge Leute mit Ressentiments gegenüber Geflüchteten. Da werde etwa behauptet, dass Geflüchtete höhere Leistungen vom Staat bekämen als Einheimische. Solche Überzeugungen werden mit Fakten korrigiert: „Wir klären darüber auf, wie es gesetzlich ausschaut.“ Damit rassistische Äußerungen gar nicht erst aufkommen, werde den Klienten zu Beginn der Kooperation verdeutlicht, dass Condrobs ausdrücklich für Vielfalt stehe und dass Vielfalt bei Condrobs akzeptiert werden müsse.

Meinungen aushalten

Widersprüchliche Meinungen auszuhalten, hat Peter Winkler von der Erziehungsberatungsstelle der Caritas im unterfränkischen Miltenberg schon vor langer Zeit gelernt. „Man müsse akzeptieren, dass es kein ‚richtig‘ und ‚falsch‘ gibt“, betont er. Wird Winkler mit einer abweichenden Meinung konfrontiert, etwa mit der Überzeugung – was bereits mehrmals vorkam -, Microsoft-Gründer Bill Gates strebe danach, die ganze Welt zu unterjochen, fragt er seinen Klienten: „Warum ist Ihnen das so wichtig?“ Die Frage irritiert. Genau das wird mit ihr auch bezweckt: „Durch Irritationen lassen sich verkrustete Denkweisen aufbrechen.“

Unnachgiebig ist das Team, wenn es um festgesetzte „Spielregeln“ geht. Wer direkt beraten werden möchte, muss eine Maske aufsetzen. Kürzlich stand eine 17-Jährige vor der Tür, die das nicht tun wollte: „Sie hielt uns ein Maskenbefreiungsattest hin.“ Die Jugendliche wurde darauf hingewiesen, dass sie damit keinen Zugang erhalten würde. „Hier gibt es keine Diskussionen.“ Was nicht bedeutete, dass sie unverrichteter Dinge hätte gehen müssen. Das Team bot ihr an, sich telefonisch beraten zu lassen oder eine Videokonferenz zu schalten. (epd/mig)

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