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Ausstellung auf der documenta (Archiv) © HeinzDS @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Antisemitismus

documenta-Generaldirektorin will Ausstellung untersuchen lassen

Die documenta-Generaldirektorin Schormann will nach heftiger Kritik untersuchen lassen, ob auf der Kunstschau weitere judenfeindliche Werke gezeigt werden. Ein Versäumnis bestritt sie. Für das künstlerische Programm sei sie nicht zuständig.

Donnerstag, 23.06.2022, 19:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 23.06.2022, 17:32 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Nach massiver Kritik an antisemitischen Darstellungen auf der „documenta fifteen“ hat die Generaldirektorin Sabine Schormann eine systematische Untersuchung der Werke an den 32 Standorten angekündigt. „Es ist möglich, dass dafür einzelne Ausstellungsteile kurzzeitig geschlossen werden“, teilte sie am Donnerstag mit. „Eindeutig antisemitische Darstellungen werden deinstalliert, bei strittigen Positionen eine angemessene Debatte geführt.“ Die Künstlergruppe Ruangrupa solle ihre Aufgabe als Kuratorenteam und künstlerische Leitung in diesem Prozess wahrnehmen. Unterstützt werde sie von externen Fachleuten wie dem Direktor der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel.

Schormann kündigte darüber hinaus eine Gesprächsreihe an. Als Auftakt werde die documenta gemeinsam mit der Bildungsstätte Anne Frank kommenden Mittwochabend eine Podiumsdiskussion ausrichten. Darüber hinaus werde die Bildungsstätte Anne Frank in Zusammenarbeit mit weiteren zivilgesellschaftlichen Akteuren einen Begegnungs- und Informationsstand auf dem Friedrichsplatz errichten, an dem das am Dienstag abgebaute Kunstwerk der indonesischen Gruppe „Taring Padi“ gezeigt wurde.

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Bei der am Samstag in Kassel eröffneten „documenta fifteen“ war auf einem riesigen Wimmelbild der indonesischen Künstlergruppe ein Mann in Anzug und Krawatte zu sehen, haifischartige Raffzähne ragen aus dem Mund, daneben eine Zigarre. Eine angedeutete Schläfenlocke hängt herunter, auf dem Hut prangt die SS-Rune. Damit werden Juden mit Nazis gleichgesetzt. Auf einem anderen Detail wird unter einem Kanonenrohr eine Person in Uniform gezeigt, sie trägt die Nase eines Schweins, das bei gläubigen Juden als unrein gilt. Auf dem roten Halstuch ist der Davidstern zu sehen, auf dem Helm der Name des israelischen Geheimdienstes Mossad.

Generaldirektorin bestreitet Versäumnis

Nach öffentlichen Protesten wurde das Bild „People’s Justice“ am Montagabend zunächst mit schwarzen Tüchern verhängt, am Dienstagabend dann auf Beschluss des documenta-Aufsichtsrates entfernt. Anschließend wurden auch Rufe nach personellen Konsequenzen laut.

Die Generaldirektorin Schormann bestritt ein Versäumnis: „Ich bin nicht für das künstlerische Programm zuständig, sondern dafür, dem künstlerischen Team den technischen Freiraum für die Umsetzung zu geben“, sagte sie. „Es ist nicht die Zuständigkeit der Geschäftsführung, die Werke vorab in Augenschein zu nehmen und freizugeben.“ Das würde der Kunstfreiheit der documenta ebenso widersprechen wie die Freigabe durch ein Expertengremium.

Jüdische Gemeinde begrüßt Untersuchung

Die Jüdische Gemeinde Kassel und das Sara-Nussbaum-Zentrum für Jüdisches Leben in Kassel begrüßten die angekündigte Untersuchung der ausgestellten Werke. Sie forderten, dass die Beratungskommission ausgeglichen besetzt sein müsse und auch pro-israelische Haltungen einbeziehen müsse. Die Gemeinde und das Zentrum hätten bereits früher der Kuratorengruppe Ruangrupa Unterstützung angeboten. Doch abgesehen von einem Besuch der Kuratoren im Zentrum seien weitere Angebote nicht einbezogen worden. Auch der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, forderte eine rückhaltlose Aufarbeitung der Vorgänge. Die documenta habe „in massiver Weise Vertrauen in Politik und Kunstszene verspielt“, sagte Klein den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Derweil will Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nach dem Skandal auf einen Besuch der „documenta fifteen“ verzichten, wie eine Regierungssprecherin dem „Evangelischen Pressedienst“ bestätigte. Der Bundeskanzler halte das kritisierte Werk von Taring Padi für „abscheulich“ und halte es für völlig richtig und angemessen, es zu entfernen. Die documenta-Leitung sollte sich nach Überzeugung des Bundeskanzlers ihrer Verantwortung für diesen Vorgang stellen und sich prüfen, sagte die Sprecherin. Zuvor hatten verschiedene Medien darüber berichtet. (epd/mig)

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