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Ausstellung auf der documenta (Archiv) © HeinzDS @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Konsequenzen gefordert

Kritik an antisemitischen Darstellungen auf documenta

Ein antisemitisches Werk auf der „documenta fifteen“ sorgt für Empörung. Kultusministerin äußert große Besorgnis, der Antisemitismusbeauftragte fordert Entfernung. Bereits im Vorfeld war die Kunstausstellung in die Kritik geraten.

Montag, 20.06.2022, 17:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 21.06.2022, 7:45 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Bundesregierung, hessische Landesregierung und Verbände haben am Montag scharfe Kritik an antisemitischen Bildmotiven auf der „documenta fifteen“ geäußert. Kulturstaatsministerin Claudia Roth und die hessische Kunstministerin Angela Dorn (beide Grüne) kritisierten eine „antisemitische Bildsprache“. „Die Menschenwürde, der Schutz gegen Antisemitismus, wie auch gegen Rassismus und jede Form der Menschenfeindlichkeit sind die Grundlagen unseres Zusammenlebens und hier findet auch die Kunstfreiheit ihre Grenzen“, sagte Roth. Die documenta müsse die notwendigen Konsequenzen ziehen.

Zwei Tage nach Eröffnung der „documenta fifteen“ in Kassel ist ein Werk des indonesischen Künstlerkollektivs „Taring Padi“ in die Kritik geraten. Auf einem Detail ist ein Mann in Anzug und Krawatte zu sehen, haifischartige Raffzähne ragen aus dem Mund, daneben eine Zigarre. Eine angedeutete Schläfenlocke hängt herunter, auf dem Hut prangt die SS-Rune. Auf einem anderen Detail ist unter einem Kanonenrohr eine Person in Uniform zu sehen, sie trägt die Nase eines Schweins, das bei gläubigen Juden als unrein gilt. Auf dem roten Halstuch steht der Davidstern, auf dem Helm der Name des israelischen Geheimdienstes Mossad.

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Kunstministerin äußert „große Besorgnis“

Kritisch diskutiert wird auch die Arbeit „Guernica Gaza“ der palästinensischen Künstlergruppe „The Question of Funding“, die israelische Soldaten zeigt, die palästinensische Bauern angreifen – in Anlehnung an Pablo Picassos Bild „Guernica“.

Die hessische Kunstministerin Dorn als Mitgesellschafterin der documenta äußerte „große Besorgnis“. „Ich habe immer gesagt, dass antisemitische Ressentiments und Antisemitismus auf der documenta nicht zum Ausdruck kommen dürfen; das haben auch die documenta und das Kuratorenkollektiv ruangrupa selbst immer wieder betont“, sagte sie. Sie habe Kontakt zur Generaldirektorin der documenta, Sabine Schormann, aufgenommen, um „schnellstmöglich eine Klärung herbeizuführen“. Bis zum Nachmittag antwortete diese nicht auf Nachfrage.

Antisemitismusbeauftragter fordert Entfernung

Unterdessen forderte der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker die Entfernung des Werkes von „Taring Padi“. „Antisemitismus bleibt Antisemitismus, ob gesprochen, gemalt oder gesungen. Die gewählten Motive des Künstlerkollektivs lassen keinen Spielraum für Interpretationen zu, sondern haben eindeutig antisemitischen Charakter“, sagte Becker.

„Offensichtlich hat die documenta-Leitung beim Thema Antisemitismus versagt“, teilte der Zentralrat der Juden am Montag mit. Entgegen aller Zusicherungen würden auf der „documenta fifteen“ eindeutig antisemitische Motive in einem Werk des indonesischen Künstlerkollektivs „Taring Padi“ verwendet. „Es spielt jedoch keine Rolle, woher Künstler stammen, die Antisemitismus verbreiten. Kunstfreiheit endet dort, wo Menschenfeindlichkeit beginnt“, sagte der Zentralratpräsident Josef Schuster. Auf der documenta sei diese rote Linie überschritten worden.

Kulturrat: „vollkommen unverständlich“

Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, erklärte, es sei vollkommen unverständlich, wie die documenta-Verantwortlichen es zulassen konnten, dass diese antisemitischen Werke trotz aller Diskussionen im Vorfeld ausgestellt wurden. Zimmermann forderte die Stadt Kassel und das Land Hessen als Gesellschafter der documenta dazu auf, für Klarheit zu sorgen.

Am Samstag hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnungsfeier der „documenta fifteen“ die Verantwortlichen für ihren Umgang mit den seit Monaten erhobenen Antisemitismus-Vorwürfen kritisiert. „Die Freiheit der Meinung und die Freiheit der Kunst sind Wesenskern unserer Verfassung. Kritik an israelischer Politik ist erlaubt“, erklärte das deutsche Staatsoberhaupt. „Doch wo Kritik an Israel umschlägt in die Infragestellung seiner Existenz, ist die Grenze überschritten.“

Update

Nach den Antisemitismusvorwürfen wurde eines der gezeigten Werke verhüllt. Das für die Arbeit „People’s Justice“ verantwortliche indonesische Künstlerkollektiv „Taring Padi“ habe gemeinsam mit der Geschäftsführung und der Künstlerischen Leitung entschieden, das betreffende Banner am Friedrichsplatz zu verdecken und eine Erklärung dazu zu installieren, teilte die documenta am Montagabend mit. „Taring Padi“ erklärte, ihr Werk stehe „in keiner Weise mit Antisemitismus in Verbindung“. „Wir sind traurig darüber, dass Details dieses Banners anders verstanden werden als ihr ursprünglicher Zweck. Wir entschuldigen uns für die in diesem Zusammenhang entstandenen Verletzungen“, heißt es in der Erklärung vom Montagabend. (epd/mig)

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