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Eine koreanische Pop-Gruppe auf der Bühne © KOREA.NET - Official page of the Republic of Korea @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Koreanische Welle

K-Pop-Boom und Serien-Manie: Südkoreas sanfte Macht

Videogames, Filme, das Format „The Masked Singer“, „Squid Game“ auf Netflix und natürlich der K-Pop: „Hallyu“, die Erfolgswelle der südkoreanischen Popkultur läuft um den Globus, wie das K-Pop-Festival in Frankfurt zeigte.

Von Donnerstag, 19.05.2022, 17:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 19.05.2022, 17:17 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Wie konnte das passieren? Im November vergangenen Jahres wurde die US-amerikanische Unterhaltungsindustrie bei einem ihrer wichtigsten Heimspiele geschlagen. Eine südkoreanische Jungstruppe mit sieben Mitgliedern, die ihre echten Haarfarben vermutlich in der dritten Klasse zuletzt gesehen haben, gewann den Hauptpreis der American Music Awards. Tatsächlich hatten BTS, früher Bangtan Boys, schon im Jahr zuvor mehr Platten verkauft als Top-Stars der westlichen Hemisphäre wie Taylor Swift, Ariana Grande oder Billie Eilish. Bei einem Online-Konzert sollen sich über 100 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer eingeschaltet haben.

Koreanische Bands – inzwischen spricht man von der „vierten Generation“ – arbeiten hart für ihren Ruhm, sie singen, tanzen, performen auf höchstem Niveau. Und meist alles gleichzeitig: „Insane“, irre, nennen Anhänger die dynamischen, kompliziert choreografierten, von Hip-Hop, Pop und Technosound getriebenen Auftritte. Am 14. und 15. Mai konnten die Fans auch in Deutschland davon einen Eindruck bekommen: Da fand im Deutsche Bank Park in Frankfurt am Main das erste deutsche K-Pop-Großevent statt – „KPOP Flex“ mit zehn Acts, darunter sehr bekannte wie die Boyband Monsta X und die Girlgroup Mamamoo. Das Konzert war ursprünglich für einen Tag geplant und wurde wegen der großen Nachfrage verlängert.

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K-Pop ist aber nur der sichtbarste Teil des Phänomens „Hallyu“ – der koreanischen „Welle“. Die läuft bereits seit mehr als 20 Jahren um den Globus. Es war in den 90ern, nach der asiatischen Finanzkrise und unter dem wachsenden Druck westlicher Entertainment-Konzerne, als die Republik Korea begann, die heimische Kultur regierungsamtlich zu fördern und zu promoten. Das Stichwort lautet „nation branding“, den Staat zu einer Marke zu machen.

Gangnam Style

Koreanische Fernsehserien eroberten zunächst den ostasiatischen Markt. Ihr Exportwert stieg zwischen 1995 und 2007 von 5,5 Millionen auf 151 Millionen Dollar. In den Nullerjahren zündete mit der Etablierung der sozialen Medien die nächste Stufe: Hallyu 2.0. K-Pop explodierte auf Youtube mit dem „Gangnam Style“-Video des Rappers Psy, es entstanden spezielle Web-Serien und -Comics. Alles befeuert von der technisch versierten Medienfan-Szene und den K-Pop-Anhängern, die nun Kanäle fanden, um ihre eigenen Bühnenvideos – Fancams – zu verbreiten.

Längst ist die Soft Power Südkoreas im gesamten Konsumsektor zu spüren: Smartphones, Videogames, Kosmetik, Film, Popmusik, nicht zu vergessen das Kimchi vom Koreaner um die Ecke und die Pro7-Talentshow „The Masked Singer“ – ein international erfolgreiches koreanisches Format. Relativ neu ist, dass koreanische Film- und Fernsehproduktionen aus der Arthouse- und Fanzone in den westlichen Mainstream vordringen. Abzulesen ist das etwa an dem Oscar-Sieg von Bong Joon-hos Gesellschaftssatire „Parasite“ und dem Erfolg der drastischen, sozialkritischen Netflix-Serie „Squid Game“.

Netflix investiert

Überhaupt Netflix: Der Streaminggigant hat wesentlich zur K-Drama-Manie beigetragen und allein im vergangenen Jahr 500 Millionen Dollar in Südkorea investiert. Er setzt auch weiterhin auf Serien aus der Region. Manche Netflix-Titel sind so ruppig wie „Squid Game“, die meisten aber sind alltagsnah, verspielt oder hochromantisch: Typischerweise setzt die koreanische Serienproduktion nicht auf Blut, sondern auf Tränen.

Und während „Parasite“ oder „Squid Game“ das Bild eines hoffnungslos zerrissenen, brutalisierten Landes entwerfen, erscheinen die Konflikte im klassischen K-Drama allemal verhandelbar, die moralischen Maßstäbe intakt. Medienwissenschaftler wie Dal Yong Jin führen das auf traditionelle, aus dem Konfuzianismus gespeiste Normen zurück: Wertschätzung der Familie, Streben nach Menschlichkeit, das geordnete Kollektiv als Voraussetzung der Freiheit des Einzelnen. Immerhin belegt die Republik Korea im Demokratie-Index des „Economist“ einen ansehnlichen 16. Platz – hinter Deutschland, deutlich vor den Vereinigten Staaten (26).

Kapitalistische Verwerfungen

Was nicht heißt, dass es keine „kapitalistischen“ Verwerfungen gäbe. Zeitgenössische K-Dramen und K-Pop sind natürlich Waren, mit einem hinreißend inszenierten Rendezvous wird gern auch die passende Abendkleidung verkauft. Und es steckt eine Industrie dahinter, die ihren Stars extreme Disziplin abverlangt – vor wenigen Jahren sorgten mehrere Suizide von jungen K-Pop-Stars für Entsetzen.

Jenseits der oft als gelackt oder kitschig empfundenen Oberfläche, hinter der Perfektion koreanischer Pop-Videos und Dramaserien wirkt aber ein Impuls, der ihre Anziehungskraft auf gestresste, von Hardcore-Thrillern und Apokalypse-Serien zermürbte West-Konsumenten erklären könnte: K-Culture will emotionalisieren, auf eine tröstliche Art. (epd/mig)

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