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Mutter und Kind kommen vom Arzt (Symbolfoto) © Ministerie van Buitenlandse Zaken @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Kenia

Stirbt das Vieh, folgen die Menschen

In vielen Regionen Kenias herrscht die schlimmste Dürre seit 40 Jahren. Im Norden haben 3,5 Millionen Menschen nicht genug zu essen, 750.000 sind in akuter Not. Die einzige Hoffnung liegt auf ein wenig Hilfe.

Von Donnerstag, 19.05.2022, 16:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 19.05.2022, 15:51 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Logialam Lodia lässt eine seiner letzten Ziegen aus der Hütte, um zu zeigen, wie schwach sie ist. Die Flanken des Tieres sind eingefallen, die Rippen stehen hervor. Der Viehzüchter möchte sie vor dem Verhungern retten, deshalb sperrt er sie ein: Sie soll möglichst wenig Energie verbrauchen. Lodia sammelt Blätter, legt ihr das Futter in die Hütte. Der hagere Anfang-50-Jährige kämpft um jedes Leben in seiner klein gewordenen Herde. „Ich habe nur noch 42 Ziegen“, sagt er bedrückt. „Mehr sind mir von meinen 1.200 Schafen und Ziegen nicht geblieben“.

In der nördlichen Region Turkana, in der Lodia lebt, und vielen anderen Gebieten Kenias herrscht die schlimmste Dürre seit 40 Jahren. Insgesamt 3,5 Millionen Menschen haben im Norden des Landes nicht genug zu essen, 750.000 von ihnen sind in akuter Not. In Äthiopien, Somalia und Kenia zusammen haben laut Unicef 14 Millionen Menschen nicht genug zu essen, die Hälfte davon sind Kinder.

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Zum Überleben auf Tiere angewiesen

Halbnomadische Viehhalter wie Lodia sind zum Überleben auf ihre Tiere angewiesen: Sie trinken die Milch, essen das Fleisch oder verkaufen ein Tier, wenn sie Geld brauchen. Wer seine Herde verloren hat, folgt bald selbst. Es sei denn, er oder sie bekommt kurzfristig Hilfe.

Lodia lebt im Dorf Nalapatui. Obwohl es Sonntag ist, sitzt der stellvertretende Bürgermeister Ngichwae Jones in seinem kleinen Büro am Schreibtisch, notiert die Namen derer, die dringend Hilfe brauchen. „Ich habe schon 30 Namen, das werden noch mehr.“ Auf der Holzbank vor ihm sitzt gerade Apayo Longora, dessen Beine kaum dicker sind als seine hölzernen Krücken. Vor Jahrzehnten erkrankte Longora an Kinderlähmung, später kam ein Unfall beim Ziegenhüten dazu. Auch die Tiere des Mitte-70-Jährigen sind verdurstet, der stellvertretende Bürgermeister nimmt ihn in die Liste der besonders Hilfsbedürftigen auf.

40 Prozent des Viehs hat Dürre nicht überlebt

Wann die Nahrungsmittelhilfe in Nalapatui ankommen wird, ist allerdings offen. „Die Hilfsgüter sind schon in der Region, jetzt geht es nur noch darum, sie hierher zu bringen“, erklärt Jones. Das sei schwierig, denn die Treibstoffpreise seien extrem gestiegen, die wirtschaftliche Lage in Kenia schlecht. Es könne also eine Weile dauern, bis die Menschen in Nalapatui etwas zu Essen bekämen.

Die Not in den anderen Dörfern und Weilern ist nicht geringer. 40 Prozent des Viehs habe bisher die Dürre nicht überlebt, schätzt Benedict Mailu, Projektleiter der Welthungerhilfe in Turkana. Er glaubt, dass noch mehr Tiere sterben werden, obwohl es in Turkana in den vergangenen Tagen hier und da geregnet hat.

Starkregen, Segen und Fluch

Sollte der Regen anhalten, werde das Gras in den nächsten Wochen nachwachsen und die Flüsse könnten bald wieder mehr Wasser führen, erwartet Mailu. Andererseits sei der Regen auch eine Gefahr für die Tiere, die durch die Dürre sehr geschwächt sind: „Einige überleben die Nässe und Kälte womöglich, andere werden vermutlich durch den Regen sterben.“

Die Welthungerhilfe hat angefangen, Kraftfutter für die schwächsten Tiere zu verteilen. Außerdem unterstützt sie die Regierung logistisch dabei, Zusatznahrung für schwer unterernährte Kinder, schwangere und stillende Mütter zu verteilen. Allein in Turkana seien fast 64.000 Menschen unternährt, tausende davon schwer.

Kinder schwer unterernährt

Unter einem großen Baum in Naduat, rund hundert Kilometer von Nalapatui entfernt, herrscht Hochbetrieb: Helferinnen und Helfer haben eine mobile Klinik errichtet. Kleinkinder werden gewogen und gemessen, der Umfang ihres Oberarms notiert. An ihm lässt sich ablesen, ob ein Kind unterernährt ist oder nicht. Wenn nötig, bekommen die Mütter therapeutische Zusatznahrung für zwei Wochen mit nach Hause, dann sollen sie wiederkommen, kriegen die nächste Ration und die Helfer kontrollieren, ob die Kinder kräftiger sind.

Eine Helferin legt dem kleinen Lopeto Ebenyo das Maßband um den Oberarm, es zeigt rot: Der Zweijährige ist schwer unterernährt. Seine Mutter ist besorgt, aber nicht überrascht: „Das liegt an der Dürre“, sagt sie. „Alle unsere Ziegen sind tot, wir haben keine Milch und nichts zu essen.“

Ernährungsprogramm nur für Kinder unter fünf

Ihren sieben anderen Kindern gehe es nicht besser, sagt die Mutter. Aber sie seien älter als fünf, deshalb habe sie sie gar nicht erst mitgebracht: Das Ernährungsprogramm richtet sich nur an Kinder unter fünf Jahren, außerdem an schwangere und stillende Frauen. Schon für sie reicht die verfügbare Hilfe nicht.

Benedict Mailu von der Welthungerhilfe schätzt, dass die Anstrengungen von Regierung und Hilfsorganisationen zusammen bisher vielleicht der Hälfte derjenigen erreicht, die in Not sind. „Aber längst nicht alle Hilfsbedürftigen.“ Die anderen müssen sehen, wie sie überleben. (epd/mig)

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