Bundeskunsthalle, Gebäude, Bonn, Kunst, Ausstellung, Museum
Bundeskunsthalle © Raimond Spekking (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, Link

Ausstellung

Suche nach individueller und gesellschaftlicher Identität

Die Kunstsammlung der Bundesrepublik soll die aktuellen Entwicklungen in der bildenden Kunst spiegeln. Die Bundeskunsthalle in Bonn präsentiert ab Samstag die Neuerwerbungen der vergangenen fünf Jahre, einer Zeit politischer und gesellschaftlicher Veränderungen.

Von Donnerstag, 05.05.2022, 18:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 06.05.2022, 5:30 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Eine Frau hängt in der Luft: Die afrikanische Migrantin, die Bussaraporn Thongchai mit schwarzer Pastellfarbe zeichnete, verharrt ohne Stuhl in Sitzhaltung. Ihre Hände liegen über Kreuz auf dem Schoß, als ob sie gefesselt wäre. Die Zeichnung der in Berlin lebenden Thailänderin ist Titelbild der Präsentation neuer Ankäufe der Kunstsammlung des Bundes. Die Ausstellung „Identität nicht nachgewiesen. Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland“ zeigt vom Samstag bis zum 3. Oktober rund 170 aktuelle Arbeiten, die in der Zeit zwischen 2017 und 2021 erworben wurden. Zu sehen sind Installationen, Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen, Fotografien und Videoarbeiten.

Der Titel „Identität nicht nachgewiesen“, den Thongchai 2018 ihrer Zeichnung gab, stehe für das Hauptanliegen der Ausstellung, erklärt Kuratorin Susanne Kleine. „In einer Zeit von politischen und damit gesellschaftlichen Veränderungen ist nichts mehr sicher, auch die eigene Identität ist nicht selbstverständlich oder gar belegbar.“ Thongchais Bild gehört zu einer Serie von Arbeiten, mit denen die Künstlerin die Erfahrungen von Migrantinnen in Berlin verarbeitete. Die in der Zeichnung dargestellte Ostafrikanerin scheiterte damit, ein Bankkonto zu eröffnen, weil sie nur eine Aufnahmegenehmigung, aber keinen Pass besaß. Ihr Antrag wurde mit dem Vermerk „Identität nicht nachgewiesen“ abgelehnt.

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Suche nach der individuellen und gesellschaftlichen Identität

Die Suche nach der individuellen und gesellschaftlichen Identität sei ein Thema, das Künstlerinnen und Künstler in den vergangenen Jahren besonders beschäftigt habe, sagt Kleine. Das spiegele sich in den Ankäufen für die Kunstsammlung des Bundes, die die aktuellen Entwicklungen in der bildenden Kunst repräsentieren sollen. Die Neuerwerbungen der 1970 gegründeten Kunstsammlung werden nun zum fünften Mal in der Bundeskunsthalle der Öffentlichkeit vorgestellt. Ausgewählt werden die Werke von einer fünfköpfigen Fachkommission, die alle fünf Jahre neu besetzt wird.

Die Expertinnen und Experten der jüngsten Kommission verfügten insgesamt über 2,5 Millionen Euro, für den sie in den vergangenen fünf Jahren 120 Werke erwarben. Zusätzlich standen 2020 aus dem Sonderprogramm „Neustart Kultur“ zwei Millionen Euro zur Verfügung, von denen bislang 240 Arbeiten gekauft wurden. Damit umfasst die Sammlung mittlerweile insgesamt 2.150 Werke aus allen Bereichen der zeitgenössischen Kunst.

Veränderungen des Einwanderungslandes Deutschland

Ein Thema, das sich als roter Faden durch die Ausstellung ziehe, sei die Frage nach den politischen, kulturellen und sozialen Veränderungen des Einwanderungslandes Deutschland, sagt Kleine. „Gerade durch Migration sind Identitäten multipler und nicht mehr festgelegt und das verändert uns und unsere Gesellschaft.“

Das beschäftigt auch die in Vietnam geborene Berliner Künstlerin Sung Tieu. Sie verwendete ein neunseitiges Antragsformular für die Einbürgerung Minderjähriger in die Bundesrepublik als Hintergrund für ihre Zeichnungen mit Schachzügen: Eine Auseinandersetzung mit der deutschen Bürokratie, in der die Antragssteller sich möglicherweise so hilflos wie Schachfiguren fühlen.

Info – Öffnungszeiten: Dienstag und Mittwoch von 10 bis 21 Uhr und Donnerstag bis Sonntag 10 bis 19 Uhr

Verhältnis zu Ausländerfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Solidarität

Silke Wagner visualisiert mit ihrer Neonschrift „Die Deutsche Bevölkerung“ in welchem Verhältnis Ausländerfeindlichkeit, Rechtsextremismus, Solidarität oder Indifferenz in der deutschen Bevölkerung stehen. Jede der Haltungen wird mit einer anderen Farbe dargestellt. Rosafarbene Buchstaben, die für Solidarität stehen, sind am seltensten vertreten.

Eine prägnante Entwicklung in der Kunstproduktion der vergangenen Jahre sei auch, dass sich Künstlerinnen und Künstler vermehrt auf eine historische, oftmals sehr persönliche Spurensuche begäben, berichtet Kleine. Ein Beispiel ist die Arbeit von Ayala Shoshana Guy. Die in Jerusalem geborene Künstlerin gehört zur zweiten Nachfolgegeneration einer Familie von Holocaust-Überlebenden. Ihr aufwendig produziertes Video „I Will Take Your Shadow“ erzählt mit Hunderten von Monotypien und Schwarz-Weiß-Zeichnungen die Flucht ihres Großvaters und seiner Brüder vor den Nationalsozialisten aus ihrer Heimatstadt Wien. (epd/mig)

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