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Sich selbst kennen!

Es gibt keine Alternative zum Gedenken an Auschwitz

Wie sähe ein 8. Mai aus, der von Flüchtlingen in Deutschland gestaltet wäre? Was würde uns das zeigen? Vielleicht, dass wir hier gar nicht mehr wissen, wie eine Befreiung sich anfühlt? Und was ist mit den Kapitulierenden?

Von Donnerstag, 05.05.2022, 17:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 05.05.2022, 14:56 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |  

Ein Selbst haben, es zu kennen, ebenso es nicht zu kennen, und die Möglichkeit daran zu verzweifeln, dieses Selbst nicht sein zu wollen. Mit diesen Fragen schlug sich der dänische Philosoph und theologische Publizist Sören Kierkegaard im ausgehenden 18. Jahrhundert herum. Er tat dies zudem nicht alleine, sondern vor einem kleinbürgerlichen Publikum, das umgeben von Dienern, Handwerkern, Arbeitern, Landwirten, aber auch kirchlichen Würdenträgern und Politikern, die die Polemiken des Denkers ebenso spitz zurückwies. Und vor allem geschah dieses Fragen über das Medium der Schrift.

Heute würde man Kierkegaard vielleicht fast als Influencer auf YouTube wiederfinden, der sich zudem unter Pseudonymen immer wieder an eine Öffentlichkeit wendet, von dem er nur durch die Reaktion der Medien weiß, dass sie ihn rezipieren. Und er kritisiert, dass diese Medien sich ja selbst der Obrigkeit, ob Kirche oder Politik, in brisanten Fragen unterwerfen. Heißt also sich selbst kennen, seine Geschichte zu kennen; oder eben den Standpunkt, der gerade eingenommen ist.

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Auf eine solche Feststellung könnte mit Ernst Pipers aktuellen Titel geantwortet werden: „Diese Vergangenheit nicht zu kennen, heißt, sich selbst nicht zu kennen.“ Das Selbst konstituiert sich also neben dem aktuellen Standpunkt, vor allem aus der jeweiligen Geschichte. Für Migranten wäre das also jeweils mal zwei – oder mehr -, umso schwieriger die Feststellung: „Es sei doch auch mal gut“. Ernst Piper macht es in dieser Frage kompakt: Er antwortet deutschen, mit und ohne Migrationshintergrund: „Es gibt keine Alternative zum Gedenken an Auschwitz“. Der Autor arbeitet mit bekannten Eckpunkten der Geschichte des dritten Reiches, vergisst nicht die V-Mann Tätigkeit Hitlers zu nennen, und zitiert den ideologischen Unterbau, der den Hitler-Staat unterfütterte. Übrigens hat der Autor zum heutigen V-Mann-System nichts zu sagen1.

Ernst Pipers beschreibt zudem, wie die ersten Nachkriegsjahrzehnte von allem anderen als von Erinnerungsarbeit bestimmt wurde. Und wenn diese Erinnerungsarbeit öffentlich sichtbar wurde, sie zumeist von den Opfern dahingeschleppt werden musste. Oft bis zur völligen Selbstaufopferung. Hier wird ein Selbst offenbar, dass permanent mit Opfern und Opferungen zu tun hat. Das Leben ist kein Zuckerschlecken, sagen die Siebziger. Wie wird ein Land, das zunächst gar nicht so gedenkbereit war, zu einer moralischen Instanz und heute Waffen liefert in Kriegs- und Krisengebiete, obwohl die Verfassung dieses Landes als Erfahrung aus seiner „selbstgewussten“ Geschichte genau dies verboten hatte. Derjenige der diesen Stein ins Rollen brachte, steht heute wiederum unfreiwillig, aufgrund dieser Frage, im Zentrum dieser Fragestellung. Ist der ehemalige Kanzler Gerhard Schröder noch ein deutscher? Ist er noch ein Sozialdemokrat? Weiß er noch, wer er ist, also zu wem er gehört?

Ist es also allzu leicht, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben, oder sich dafürzuhalten, ohne sich bewusst werden zu können, was das bedeutet? Wie wird über dieses Thema in migrantischen Zirkeln gesprochen? Haben Lesereisen nicht eher in Kreisen etwas bewirkt, die sowieso an diesem Thema arbeiten, als bei denen, die vor Kurzem ihren Deutschennachweis erhalten haben? Interessiert das Thema Holocaust in migrantischen Kreisen jemand? Und wenn, wie? Angesichts der diversen Herkünfte und der noch diverseren Deutungen, wer denn nun als integriert und nicht integriert gilt, eine Frage, die mit Pipers Titel eine noch düsterere Brisanz bekommt. Sind wir durch das nicht-kennen zum Wiederholen verdammt?

„Seit die Migration zur Mutter aller Themen gekürt wurde, ist eine Menge passiert.“

Seit die Migration zur Mutter aller Themen gekürt wurde, ist eine Menge passiert. Ein winzig kleines Wesen sperrte die Menschheit in einen nie dagewesenen Lockdown, und machte uns mit eben diesem Umstand bekannt. Wir waren alle eingesperrt und zunächst gleich. Zwei Jahre später läuft man durch die Straßen und fragt sich: war was? Fast alles geht seinen gewohnten Gang.

Weder Andeutungen, noch Metaphern erzielen ihre Wirkung, wenn „…es die dümmsten nicht raffen“ rappt der deutsche Künstler Yassin (2). Noch mal, Rassismus bedeutet nicht Aus-, sondern erstmal Abgrenzung. Rassismus in diesem Sinne ist eine Regierungsart. Es bestimmt, wer dazu gehört und wer nicht2. Es bestimmt, wer regiert und wer regiert wird. Die Kritik der sogenannten neuen Rechten ist in dieser Hinsicht eine Kritik am (angeblichen) Rassismus (gegen sie), denn sie wollen ja als Rechte mitregieren „dürfen“, denn es gibt ja diejenigen die sie, und ihre Parolen, wählen. Rassisten kritisieren also Rassisten. Und der oben zitierte Künstler beginnt seinen Song mit den Worten „In Zeiten des Krieges, sehnt man sich nach Frieden“. Schon wieder dieses „man“. Was unterscheidet dieses „man“, von dem „man“, das wieder wer sein will, seine präventive Haltung aus der Erfahrung seiner Geschichte ad acta legt und wieder ins Kriegsgeschehen eingreifen will. In einer europäischen Schicksalsstunde steht dieses Land, das einmal als selbstbewusst gelobt wurde und hinsichtlich seiner Erinnerungsarbeit als einzigartig galt, als unsichtbarer Gegner eines wildgewordenen Kriegsherren, den man, hätte man seiner Geschichte nach selbstbewusst präventiv agiert, lange vor Ausbruch eines weiteren sinnlosen Krieges hätte aufhalten können. Fragen wir den Rapper, der anscheinend weiß, was das „man“ denkt:

„Hass, der keine Gründe braucht, sucht sich den schwächsten Feind
Bis selbst die dünnste Haut wie eine Rüstung scheint
Doch was nützen die schönsten Metaphern
Wenn`s die Dümmsten nicht raffen, es wird dunkel im Abendland.“

Wenn also es Politiker, und etablierte Medien, sind, die ein Selbstbewusstsein, Zugehörigkeit und Ausschluss, also In- und Exklusion, bestimmen, wissen wir dann, wen diese Medien zitieren? Am Beispiel „Curveball“ zeigt sich, wie so etwas vor sich geht. Ein Flüchtling der bei Einreise falsche Angaben macht, ist im Nachhinein manipulierbar und kann durch Falschaussagen selbst manipulieren3, und von dem ihn nutzenden Geheimdienst noch viele Jahre weiter alimentiert werden4.

„Wir machen die Wahrheit. Wäre ja auch noch schöner, wenn sich die Zivilgesellschaft einmischen würde.“

Im 1. Untersuchungsausschuss des Stuttgarter Landtages identifizierte ein libanesisch-stämmiger Zeuge eindeutig die Täter am Tatort Theresienwiese, bei der eine Polizistin ums Leben kam, und ein weiterer Beamter schwer verletzt wurde. Der Zeuge berichtet darüber hinaus sehr freimütig von seinen Kontakten zum Verfassungsschutz. Wenn dieses Netz von Informant:innen von Hitler bis Curveball, also bestimmen, wer wir sind, und wer nicht dazu gehört, was wissen wir darüber, wie dieses Wissen entsteht, und wie können wir es kritisieren, wenn wir es gar nicht wissen können. Können wir in diesem Sinne das „Wissen dekolonisieren“, wie es manche Aktivisten fordern, und wissen diese, was sie da fordern? Die oben zitierte Filmproduktion zu „Curveball“ offenbart schon im Untertitel, wer diese (noch) kolonisierte Wahrheit bestimmt: Wir machen die Wahrheit. Wäre ja auch noch schöner, wenn sich die Zivilgesellschaft einmischen würde.

  1. Persönliche Frage an den Autor
  2. Johann, Claudia: Exklusive Einheit. Mediale Einheitsdiskurse und Ausschlüsse aufgrund natio-ethno-kultureller Zuschreibungen. Masterarbeit. Berlin 2011
  3. West, Nigel: CURVEBALL Chaos. International Journal of Intelligence and Counter-intelligence, 20:3, S. 527 – 532 (DOI: 10.1080/08850600701249865), ebenso die deutsche Filmproduktion „Curveball – Wir machen die Wahrheit 2020
  4. Kriegslüge – BND bezahlte irakischen Betrüger, in. Panorama, 02.12.2010 ARD
Meinung
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