Buch, Die Schönheit der Differenz, Hadija Haruna-Oelker, Rassismus, Diskriminierung
"Die Schönheit der Differenz" von Hadija Haruna-Oelker © btb Verlag

„Mir stockte der Atem“

Exklusivauszug aus dem Buch „Die Schönheit der Differenz“

Hadija Haruna-Oelker erzählt in ihrem Buch „Die Schönheit der Differenz“ ihre persönliche Geschichte und verbindet sie mit gesellschaftspolitischem Nachdenken. MiGAZIN veröffentlicht exklusiv einen Auszug daraus. Darin nimmt uns die Autorin mit in eine Redaktionsbesprechung einer deutschen Zeitung.

Von Freitag, 25.03.2022, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 24.03.2022, 15:29 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Wie problematisch es um den Wissensstand in Sachen Rassismus und im konkreten Fall um antimuslimischen Rassismus in vielen Redaktionen stand und wie das für mich zum Problem werden könnte, wurde mir eindringlich bewusst, als ich 2011 eine Reportage über eine neu eröffnete Boutique für muslimische Frauenmode in Berlin schrieb. Der Begriff „Modest Fashion“ existierte damals noch nicht in Deutschland. Und Artikel in der deutschen Vogue über die Ästhetik einer ganzen Generation junger, weltoffener und social-media-kundiger Konsument:innen waren noch nicht geschrieben: über eine heute milliardenschwere Branche, der das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt 2019 eine Ausstellung widmete, deren Rahmenprogramm ich moderierte.

Modest Fashion bezeichnet dezente, wenig körperbetonte Mode, die in ihrer Art in verschiedenen Ländern von Designer:innen unterschiedlich interpretiert wird. Selbstbestimmte Fashionistas setzen mit ihrem Style den einschlägigen Stereotypen etwas entgegen. Die Träger:innen (übrigens nicht nur Muslim:innen) sehen keinen Widerspruch zwischen ihrem Glauben und modernem Lebensstil, und sie gehen gerne shoppen – schon damals 2011 in Neukölln. Dort hatte eine Boutique neu eröffnet und war der Boulevardpresse einen Aufreger wert gewesen, weil eine weiße, deutsche Konvertitin sie eröffnet hatte und weil der Laden auf seiner Fassade mit einem ins Deutsche übersetzten Koranvers die Verhüllung der Frau mit den Worten thematisierte: „… Sie sollen ihre Tücher auf den Schlitz ihres Gewandes schlagen und ihren Schmuck vor niemand anderem enthüllen als vor ihrem Ehemann.“ Mein Auftrag als Reporterin sollte sein: den Laden besuchen, recherchieren und ein Hintergrundstück schreiben.

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Als ich ankam, war der Laden gut besucht. Im Schaufenster waren Modepuppen ausgestellt, die lange Gewänder und Kleider trugen sowie bunte Kopftücher mit farbigen Stickereien und Strass-Steinen. Es gab auch eine große Auswahl an verzierten Nadeln, mit denen die Klamotten und Schleier befestigt werden konnten. Ich sprach mit der Besitzerin, die mir ihr Vertrauen schenkte. Sie erklärte mir Konzept und Idee: dass der arabische Koranvers auf Deutsch übersetzt worden sei, weil sie damit die zweite und dritte Generation in Deutschland geborener Frauen mit Migrationsgeschichte ansprechen wollte, die kein oder nur noch schlecht Arabisch sprechen. Sie erklärte mir ihren Blick auf weiblich wahrgenommene Körper und Bekleidung, warum ihre Auswahl ausgefallener sei als die in anderen Läden in Neukölln, was ihn besonders machte.

Info
Hadija Haruna-Oelker: Die Schönheit der Differenz. Miteinander anders denken

Originalausgabe | 555 Seiten | ISBN 978-3-442-75946-0
€ 24,00 (D) | € 24,70 (A) | CHF 33,90 (UVP)

Nominiert für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch.

Ich schrieb alles auf, sammelte Stimmen für einen Kiez-Report. Kontaktierte den damaligen Bezirksbürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky, um ihn nach seiner Meinung zu fragen. Als ich ihn anrief, hatte er noch nichts von dem Laden gehört, dennoch verlangte ich ihm ein Zitat ab, schließlich sollte mein Bericht ausgewogen sein. Dazu Stimmen von der Straße und von Kund:innen, die mir erklärten, was den Laden so attraktiv für sie mache und dass es zwar verschiedene Auslegungen der Sure gebe, aber sie sich auch nicht daran störten, weil es einfach schön sei, dass es diesen Laden für sie gebe.

Ich formulierte meinen Text und war ganz zufrieden damit – bis zum nächsten Morgen. Was war passiert? Ohne Absprache war die Dramaturgie verändert worden, Textbausteine waren umgebaut und einen wertenden Unterton gesetzt. Buschkowskys Antwort wurde, quasi als Aufreger, fälschlich als Anlass für meinen Besuch im Laden inszeniert. Als ich in der Redaktionskonferenz meine Kritik an diesem Vorgehen formulierte, stockte mir der Atem vor Scham. Ich musste vor großer Runde dramaturgische Zwischentöne kritisieren, die nun aus dem Text herauszulesen waren, Subtiles, das nicht meiner Handschrift entsprach. Es war heikel, dieses Thema anzusprechen, zumal ich nicht vorbereitet war und innerlich total aufgewühlt. Als freie Autorin hatte ich das Gefühl, wenig zu sagen zu haben, aber es gab Kolleginnen, insbesondere die jüngeren, die mich verstanden. Texte zu ändern ohne Absprache sei ein No-Go, sagte ein älterer Kollege vor allen anderen, was mich zunächst erleichterte. Später aber zerriss die Person, die das Stück „redigiert“ hatte, meinen eingereichten Text.

Sie zitierte mich zu einem Zweiergespräch ins Büro unseres Chefs. Setzen sollte ich mich. Sie blieb stehen und wetterte. Einfach unmöglich sei es, dass ich einen so positiven Text über islamische Frauenmode geschrieben hätte, in dem es so geklungen hätte, als sei das Kopftuch ein stylisches Trendaccessoire, obwohl Frauen damit unterdrückt würden. Ich solle der Person mal eine Frau nennen, die das Kopftuch gerne trage. Ich konterte, dass ich diese Frauen persönlich kenne, sie Teil meiner Familie seien. Und was das bitte mit meinem Text zu tun habe.

Ich war sprach- und fassungslos, den Tränen nahe, eingeschüchtert saß ich wie auf meinen Stuhl gefesselt, versuchte mich zu verteidigen, aber es schien aussichtslos. Ich hatte keinen Fehler gemacht, sondern abgebildet, was war. Ich hatte von einer Boutique und aus einer Szene berichtet, der sich bis dato kein Mensch auf diese Art genähert hatte. Das war eine Welt, die diese:r Redakteur:in nicht kannte.

Ich hatte keine Partei für überhaupt nichts genommen, es ging mir nicht um Agenda-Setting, sondern darum, meinen Job zu machen, nämlich Lebensrealitäten abzubilden, die schon damals viele nicht als solche sehen wollten. Es war die Geschichte einer Ladenbesitzerin, die niemanden provozieren wollte, sondern deren Zielgruppe gläubige Frauen waren, die gern ihr Haar und ihre Körper verhüllten. Bis heute habe ich diese Situation nicht vergessen. Sie steht für mich exemplarisch für die Vorbehalte, mit denen Frauen mit Hijab konfrontiert sind. Meinen Namen habe ich aus dem veränderten Online-Artikel entfernen lassen.

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