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Eine Straßenmusikerin mit Dreadlocks (Symbolfoto) © Waldemar_R @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

„Fridays for Furture“

Migrationsexperte plädiert für Gelassenheit im Umgang mit Dreadlocks

Darf eine weiße Frau Dreadlocks tragen, die ursprünglich ein Symbol des Widerstands von Schwarzen waren? „Fridays for Future“ sagt: Nein. Migrationsforscher Aladin El-Mafaalani mahnt mehr Gelassenheit an, Diskussionen über Rassismus seien aber überfällig. Die Betroffene sucht das Gespräch.

Freitag, 25.03.2022, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 25.03.2022, 6:43 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Der Osnabrücker Migrationsforscher und Autor Aladin El-Mafaalani hält die Weigerung der Klimaschutzbewegung „Fridays für Future“, eine weiße Sängerin mit Dreadlocks auftreten zu lassen, für übertrieben und ungerecht, äußert aber zugleich Verständnis für die Aktivisten. Gerade in der Kunst, der Musik und der Jugendkultur vermischten sich Kulturen, und ganz neue Werke entstünden daraus, sagte El-Mafaalani in einem Gespräch mit dem „Evangelischen Pressedienst“. Deshalb sehe er es kritisch, dass die Klima-Aktivisten die Sängerin wieder ausgeladen hätten, zumal diese sich nach eigener Aussage für kulturelle Vielfalt einsetze. „Andererseits haben Aktivisten die Aufgabe, zu übertreiben“, unterstrich der Soziologe am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück.

Unterdessen hat die Musikerin Ronja Maltzahn aus Münster angekündigt, dass sie sich in der kommenden Woche mit Aktivisten von „Fridays for Future“ austauschen werde. Sie wolle auf eine respektvolle Art und Weise mit ihnen ins Gespräch kommen und ausloten, wo Diskriminierung anfange, sagte sie in einer Videobotschaft vom Mittwochabend. Sie wünsche nicht, dass die Organisation schlechtgemacht werde und Opfer eines Shitstorms werde, sagte Maltzahn.

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„Jetzt kommt das, was etwa in den USA seit Jahrzehnten thematisiert wird, in kurzer Zeit geballt auf den Tisch.“

Diskussionen wichtig

Die hannoversche Ortsgruppe der Klima-Aktivisten hatte die für den Klimastreik am kommenden Freitag gebuchte Musikerin am Mittwoch ausgeladen, weil sie als weiße Person Dreadlocks trägt. Dies sei eine „Form der kulturellen Aneignung“. Solche Strähnen verfilzter Kopfhaare seien ein Widerstandssymbol schwarzer Menschen gegen ihre Versklavung. Weiße Menschen bekämen für diese Frisur Komplimente, während schwarze dafür rassistisch angefeindet worden seien.

El-Mafaalani betonte, die Diskussionen um kulturelle Aneignungen, strukturellen Rassismus und Political Correctness seien wichtig. Sie würden in Deutschland aber trotz seiner zutiefst rassistischen Geschichte erst seit etwa 2018 intensiv geführt. Die Gesellschaft sei vor allem durch die Zuwanderung liberaler und vielfältiger geworden. „Jetzt kommt das, was etwa in den USA seit Jahrzehnten thematisiert wird, in kurzer Zeit geballt auf den Tisch“, sagte der Autor des Bestsellers „Wozu Rassismus“.

„In den vergangenen 200 Jahren haben Weiße mit der Kultur der Schwarzen unheimlich viel Geld verdient, während die Schwarzen arm blieben.“

Historische Problematiken

Das löse bei vielen das Gefühl aus, ihnen werde fortwährend vorgeschrieben, was sie sagen und tun dürften und was nicht. Der Grund dafür sei aber nicht weniger, sondern mehr Meinungsfreiheit, betonte El-Mafaalani. Denn immer mehr Menschen könnten ihre Freiheit und ihre Rechte in Anspruch nehmen. „Je mehr Menschen frei werden, desto häufiger ist meine eigene Freiheit eingeschränkt. Das ist der Zustand einer offenen Gesellschaft.“

Kulturelle Aneignung, also etwas aus seinem ursprünglichen kulturellen Kontext abzulösen und in einen neuen einzufügen, sei für sich genommen nicht kritisch, erläuterte El-Mafaalani. Problematisch werde dieses Phänomen aber im Zusammenhang mit der von Rassismus geprägten Geschichte. Ein Beispiel sei der von Schwarzen stammende Rock ’n‘ Roll, mit dem Elvis Presley berühmt geworden sei. „In den vergangenen 200 Jahren haben Weiße mit der Kultur der Schwarzen unheimlich viel Geld verdient, während die Schwarzen arm blieben.“ Er plädiere dafür, solche historischen Problematiken zu thematisieren und zu berücksichtigen, ohne kulturelle Aneignungen per se zu verbieten. (epd/mig)

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