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Ozan Zekeriya Keskinkılıç, Buch, Cover, Islamdebatte gehört zu Deutschland
"Die Islamdebatte gehört zu Deutschland" von Ozan Zekeriya Keskinkılıç © AphorismA Verlag, Montage: MiG

Rezension zum Wochenende

Mit einem Schluck Çay die Islamdebatte runterspülen

Das Buch von Ozan Zakariya Keskinkılıç „Die Islamdebatte gehört zu Deutschland" bietet einen guten Einstieg über das historische Wachsen antimuslimischen Rassismus und seine Einbettung in aktuelle Islamdiskurse.

Von Freitag, 25.09.2020, 5:19 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 18.10.2020, 18:08 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Das von Ozan Zakariya Keskinkılıç im AphorismA Verlag erschienene Taschenbuch „Die Islamdebatte gehört zu Deutschland. Rechtspopulismus und antimuslimischer Rassismus im (post-)kolonialen Kontext (2019)“ bietet einen sehr guten Einstieg über das historische Wachsen antimuslimischen Rassismus im Laufe der letzten Jahrhunderte und seine Einbettung in aktuelle Islamdiskurse in Deutschland. Seine Forschung ist eine dringend benötigte Erinnerung an ein deutsches und europäisches Selbstverständnis das bis in sein Fundament antimuslimisch ist.

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Anhand von Beispielen macht Keskinkılıç deutlich, dass rechtspopulistische Argumentationsstrategien gegenüber Muslim:innen heute genauso hemmungslos und im ähnlichen Wortlaut aufgegriffen werden, wie auch schon zu Zeiten der sogenannten Reconquista.

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Antimuslimischer Rassismus ist en vogue und salonfähig wie eh und je und die AfD sowie große Teile der weißen Mehrheitsgesellschaft sind wieder selbsternannte Expert:innen schlechthin, wenn es um das Wissen über Minderheiten geht. Es ist daher nicht verwunderlich, dass muslimische Stimmen in dieser sogenannten Debatte kaum auftauchen, denn die weiße Mehrheitsgesellschaft – und so geht es auch aus Keskinkılıç Buch hervor – brauchen Muslim:innen nicht, um rassistische Argumente aufzustellen.

„Der antimuslimische Rassismus ist, wie der Orientalismus, eine Karriere und Leidenschaft, die sich nicht für die Wahrheit der Anderen interessiert, sondern jene Wahrheit produziert, die es ermöglicht, ihre Kontrolle und Ausgrenzung, ihre Diskriminierung und Benachteiligung zu legitimieren. Er dreht sich in anderen Worten um sich selbst.“

In einem leider recht kurzen aber sehr interessanten Kapitel behandelt Keskinkılıç intersektionale Verstrickungen, die sich auf Religion, Kultur und Geschlecht beschränken, deren Wirkmächtigkeit aber eine überaus große Rolle spielt, in der Weise wie Muslim:innen gelesen, bewertet und verhandelt werden. Mit Blick auf die sogenannte „Kölner Silvesternacht“, Auszügen aus Reden der AfD und Blick auf den europäischen Orientalismus kann festgehalten werden, dass muslimische Körper immer ein Politikum sind und je nach Zuschreibung durch den weißen Blickes als hypersexuell, gefährlich, unterdrückt, frauen-/homo/- oder transfeindlich konstruiert werden.

Nicht zuletzt unternimmt Keskinkılıç in seinem Buch auch einen historischen Exkurs, um Wechselwirkungen und Ähnlichkeiten zwischen antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus und deren Verfolgung durch ein christlich konstruiertes Europa darzustellen. So sehr auch Bekundungen eines christlich-jüdischen Abendlandes in jüngster Zeit gemacht werden, scheinen sie doch mindestens zwei Ziele zu verfolgen: 1. Jüd:innen und Muslim:innen gegeneinander auszuspielen und 2. Muslim:innen auszuschließen.

Zwischen der Darstellung von rechtspopulistischen Argumentationsstrategien, Auszüge zur Entstehung und Funktion des Orientalismus sowie der Beziehungssetzung mit dem Antisemitismus, repräsentiert das Buch aber genau jene Gruppe die von Nicht-Muslim:innen objektiviert wird, leider sehr wenig. Nämlich Muslim:innen selbst.

Es lässt zeitgenössische muslimische Stimmen missen, die sich nicht überwiegend an hegemonial geführten Diskursen entlanghangeln, sondern die sich frech und unapologetic mit sich beschäftigen. Die sogenannte Islamdebatte in der verschiedene Schattierungen hegemonialer Stimmen darüber verhandeln, wie „der“ Islam und seine „Gefahren“, seine „Nützlichkeit“ oder seine „Reformfähigkeit“ zu definieren sind, ist also keine Debatte, sondern eher ein zeitgenössisches Kapitel in einem erweiterten deutsch-europäischen Monolog über die Reproduktion des eigenen hegemonialen „Selbst“. So gesehen gehört die sogenannte Islamdebatte schon lange zu Deutschland.

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