Rassismus, Gewalt, Berlin, Polizei, Medien
Dilan Sözeri (17) erzählt im Krankenhaus vom rassistischen Angriff.

Video empört Netz

Polizei und Medien machen aus Rassismus-Angriff einen Corona-Streit

Eine 17-jährige Berlinerin wird in der Öffentlichkeit von mehreren Personen rassistisch beleidigt und ins Krankenhaus geschlagen. Die Polizei gibt das Geschehen falsch wieder. Medien berichten von einem Corona-Masken-Streit.

Mittwoch, 09.02.2022, 16:56 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 09.02.2022, 17:08 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Das Video der 17-jährigen Dilan Sözeri wurde im Netz binnen weniger Tage Millionenfach angeklickt. Es wirft Fragen auf: Wie geht die Gesellschaft mit Rassismus um? Wie gehen Medien mit Rassismus um? Wie geht die Polizei mit Rassismus um? Und wie geht Deutschland mit Opfern rassistischer Gewalt um? Folgendes ist geschehen.

Die 17-Jährige steigt am vergangenen Samstag gegen 20 Uhr in eine Berliner Tram. Wenig später wird sie nach eigener Darstellung von mehreren alkoholisierten Personen rassistisch beleidigt. Sie ist die Einzige unter den Beteiligten, die eine Mund-Nasen-Bedeckung trägt. Die Situation eskaliert. Nach dem Verlassen der Bahn wird die 17-Jährige an den Haaren gezogen, geschubst und mehrmals geschlagen. Auf ihre Hilferufe reagieren umstehende Passenten nicht. Sie muss zwei Tage im Krankenhaus verbringen.

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Die Berliner Polizei schildert am nächsten Tag in einer Mitteilung an die Presse einen anderen Tathergang. Danach soll es zum Streit gekommen sein, weil die Angreifer „die Jugendliche auf ihre fehlende Mund-Nase-Bedeckung angesprochen hätten.“ Dass die 17-Jährige gegen die Corona-Maskenpflicht verstoßen habe, wisse die Polizei von Dilan Sözeri. Laut Mitteilung hat die 17-Jährige ihren Verstoß gegen die Corona-Schutzauflagen selbst angezeigt. Dass es bei dem Streit um Rassismus und nicht um die Einhaltung von Corona-Schutzmaßnahmen geht, wird nicht deutlich. Die rassistische Beleidigung erwähnt die Polizei in ihrer Mitteilung beiläufig.

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Medien lassen Rassismus weg

Entsprechend greifen Medien den Fall auf. Dass das Tatmotiv Rassismus sein könnte, wird gar nicht oder nur nebenbei erwähnt. Die Schlagzeilen lauten:

  • Fehlende Mund-Nasen-Bedeckung: Jugendliche von Erwachsenen krankenhausreif geschlagen (rbb24)
  • 17-jähriges Mädchen in Berlin zusammengeschlagen – Motiv ist unklar (RND)
  • Nach Fahrt mit Straßenbahn: Erwachsene verprügeln 17-Jährige, weil sie keine Maske trägt (Focus)
  • Angriff an Tramstation: 17-Jährige trägt keine Maske – und wird attackiert (t-online)
  • Straßenbahn in Berlin: Jugendliche in Berlin im Streit um Maskenpflicht zusammengeschlagen (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
  • Berlin & Brandenburg: Jugendliche wegen fehlender Corona-Maske attackiert (Welt)
  • Jugendliche wegen fehlender Corona-Maske attackiert (Süddeutsche Zeitung)

Dilan Sözer ist aufgrund dieser Berichterstattung verärgert. Sie schildert den Vorfall in einem Instagram-Video. Darin ist Dilan Sözeri sichtlich enttäuscht: „Ich habe gebettelt um Hilfe. Warum hilft mir denn keiner?“ Sie sei doch in Deutschland geboren und deutsche Staatsbürgerin – „und selbst wenn nicht“. Mehrmals kämpft die 17-Jährige mit den Tränen.

Chebli: Das Schweigen macht mir Sorgen

In den sozialen Medien sorgt das Video für Empörung. Die Polizei steht ebenso in der Kritik, wie die Medien. „Es ist schade, dass große Medien bei der Berichterstattung zu mutmaßlichen rassistischen Übergriffen so versagen“, schreibt Journalist Leon Enrique im Kurznachrichtendienst Twitter. Sawsan Chebli sieht das ähnlich: „Viele Medien schreiben, dass sie wegen fehlender Maske zusammengeschlagen wird oder schreiben ‚Motiv unklar‘. Ihre Geschichte kann klarer sind sein.“

Chebli ist aber auch enttäuscht von der mangelnden Zivilcourage im öffentlichen Raum. „Ein Mädchen wird auf offener Straße zusammengeschlagen, weil sie aus Sicht der Täter keine Deutsche ist. Sie schreit, bittet um Hilfe. Alle schauen zu oder weg. Es ist nicht nur der Rassismus, der mir Sorgen macht. Es ist das Schweigen“, schreibt sie im Twitter.

Polizei: „Missverständliche Formulierung“

Am Mittwoch erklärte die Polizei dem MiGAZIN, wie die irreführende Pressemitteilung zustande kam. Die Ermittlungen hätten ergeben, dass die vor Ort aufgenommenen Strafanzeigen „missverständlich formuliert waren“. Nach Sichtung von Videomaterial habe die Polizei festgestellt, „dass die Jugendliche beim Ein- und Aussteigen aus der Tram eine Mund-Nase-Bedeckung trug“. Die sechs Tatverdächtigen hingegen hätten „überwiegend keine Mund-Nase-Bedeckungen“ getragen.

Drei von ihnen, polizeibekannte Männer, 42, 44 und 51 Jahre alt, hatte die Polizei bereits kurz nach der Tat in einer Kneipe alkoholisiert aufgefunden. Zu den Frauen hätte keiner der Männer Angaben machen wollen. „Anschließend wurden sie wieder entlassen“, heißt es in der Polizeimeldung. Aufgrund des rassistischen Hintergrundes ermittelt inzwischen der Staatsschutz. (mig)

Leitartikel Panorama
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