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Die Flagge von Venezuela © AlejandroAndres @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Venezuela

Täglicher Kampf ums Überleben

Der Mindestlohn im einst wohlhabenden Venezuela reicht nicht mal für ein Mittagessen. Über drei Viertel der Venezolaner leben in extremer Armut, Millionen haben das Land verlassen. Viele profitieren von staatlicher Hilfe - was der Regierung auch als Druckmittel dient.

Von Dienstag, 18.01.2022, 5:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 17.01.2022, 17:33 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Die Bars sind gut gefüllt im Ausgehviertel El Rosal in Caracas. Am Wochenende ertönt hier überall Musik, Feiernde stoßen mit einheimischem Bier und Rum an. Es scheint fast, als sei Venezuelas Hauptstadt eine pulsierende Metropole wie jede andere in Lateinamerika. Doch der Schein trügt. Kaum jemand kann sich solche Vergnügungen leisten. Mehr als drei Viertel der Bevölkerung lebt in extremer Armut.

„Meine Tochter ist eigentlich Rechtsanwältin, arbeitet aber in einem Hotel. Die Familie überlebt nur, weil sie von dort Essen mit nach Hause nehmen darf“, erzählt Miguel Torres, ein pensionierter Soldat. Nach 45 Jahren Militärdienst ist er enttäuscht und verzweifelt. „Meine Rente reicht nicht einmal für Lebensmittel. Ich bin im Alter von meinen Kindern abhängig, dass sie mich versorgen. Das ist unwürdig“, erbost er sich.

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Corona hat Krise verschärft

In keinem Land in Lateinamerika geht die Schere zwischen Arm und Reich derzeit so weit auseinander wie in Venezuela. Mitte 2019 gab Staatschef Nicolás Maduro den US-Dollar als offizielles Zahlungsmittel frei und schaffte damit de facto die Preiskontrollen für zahlreiche Produkte des täglichen Bedarfs ab. Die Folge: Die Supermarktregale sind wieder voll, doch mit importierten Waren zu horrenden Preisen – sogar für Grundnahrungsmittel. Der monatliche Mindestlohn beträgt umgerechnet drei Dollar. Das reicht nicht einmal für ein Mittagessen.

Die Corona-Pandemie hat die dramatische wirtschaftliche und humanitäre Krise noch verstärkt. Die Armutsrate liegt laut einer aktuellen Umfrage der renommiertesten Universitäten Venezuelas (Encovi) bei unfassbaren 94,5 Prozent. 76,6 Prozent der Bevölkerung verdienen weniger als 1,20 Dollar pro Tag, gelten damit als extrem arm. Das einst wohlhabende Land kämpft seit Jahren gegen Hyperinflation. Im Oktober ließ die Zentralbank sechs Nullen von der Währung streichen, die dritte Abwertungsrunde seit 2008 mit insgesamt 14 Nullen. Die Inflation konnte damit nicht aufgehalten werden, 2021 lag sie bei rund 2.700 Prozent.

„Jeder Tag ist ein Überlebenskampf“

Der pensionierte Soldat Miguel Torres profitierte während seiner Dienstzeit von Privilegien wie Lebensmittel- und Benzinkontingenten. Das ist jetzt vorbei. „Seit drei Jahren habe ich nicht einen Tropfen Benzin bekommen.“ Venezuela gilt als Land mit den größten Erdölreserven weltweit. Dennoch ist Benzin so knapp, dass Privatpersonen nur wenige Liter für Dollar bekommen – natürlich nicht offiziell. Das Militär kontrolliert an vielen Tankstellen die Abgabe des begehrten Kraftstoffs.

Wie überleben die Menschen in einem Land, das von den internationalen Märkten abgekoppelt und zahlungsunfähig ist? Torres zuckt nur mit den Schultern. „Jeder Tag ist ein Überlebenskampf“, sagt der drahtige Mittsechziger. In fast jeder Familie gibt es Verwandte, die im Ausland leben und Geld schicken.

5,6 Millionen Venezolaner haben Land verlassen

Nach UN-Angaben haben etwa 5,6 Millionen Venezolaner und Venezolanerinnen in den vergangenen Jahren ihr Land verlassen, rund 18 Prozent der Bevölkerung. Die Mehrheit von ihnen lebt im Nachbarland Kolumbien, aber auch in Peru, Chile und Brasilien. Wer mehr Geld hat, ist meist in die USA oder nach Europa umgesiedelt.

Lange galt in Venezuela Erdöl als Versprechen für Wohlstand. Misswirtschaft und der fallende Rohölpreis haben die einseitige Abhängigkeit jedoch zu einem wirtschaftlichen Albtraum werden lassen. Um vier Fünftel brach die Wirtschaft in den vergangenen Jahren ein. Inzwischen müssen fast alle Güter – auch raffiniertes Erdöl – importiert werden.

„Imperialistische Aggression“

So versucht die Regierung auch, aus aller Welt Lebensmittel zu beschaffen. Viele Waren kommen aus der Türkei und Mexiko, Medikamente aus dem Iran und Kolumbien. Die Regierung macht für die Lebensmittelknappheit die US-Sanktionen verantwortlich und spricht von einer „imperialistischen Aggression gegen das venezolanische Volk“.

Staatliche Lebensmittelpakete werden über sogenannte „lokale Komitees für Versorgung und Produktion“ (CLAP) an besonders Bedürftige verteilt, 74 Prozent der Bevölkerung sind dafür registriert. Doch die Essenstüten sind ein Instrument politischer Kontrolle geworden. So machte der Vizepräsident der Regierungspartei, Diosdado Cabelllo, vor den Regionalwahlen im November unmissverständlich klar, dass nur Essen erhält, wer wählen geht – und zwar die Sozialisten. (epd/mig)

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