Sophia Hiss, MiGAZIN, Rassismus, Freiburg, Kommentar
Sophia Hiss © privat, Zeichnung: MiG

Postkolonialismus

Europapark baut Attraktion um: Ein paar Gedanken

Ich studiere Islamwissenschaft und Ethnologie und habe ein Problem angesprochen: Rassismus im Kontext unserer Kolonialgeschichte. Was folgte, hätte ich nicht für möglich gehalten.

Von Donnerstag, 04.11.2021, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 03.11.2021, 15:00 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |  

Ich schreibe diese Zeilen nach anstrengenden Wochen. Ich bin „die Studentin“, „die 21-jährige“, „angehende Kulturwissenschaftlerin“, aber auch die „Links-grün-geimpfte“ „Dame, die dankbar sein sollte“ und die in der Uni wohl nichts Besseres zu tun hatte, als sich mit einem Projekt zum Thema „Postkolonialismus in Freiburg“ in den Europapark zu begeben und vor Ort ein Fahrgeschäft kritisch zu diskutieren. Ich bin Teil des Studierendenduos, das es gewagt hat, sich mit dem Projekt an die Presse zu wenden. Ich bin die, die dem Thema ein bisschen öffentliche Aufmerksamkeit geschenkt hat. Und ich bin die, die anschließend massiv angefeindet wurde – oder „gemobbt“. Ich sei mitverantwortlich dafür, dass jetzt eine Attraktion im Europapark umgestaltet wird und „Bananen entfernt werden“.

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Ich möchte hier festhalten, was in den letzten Wochen passiert ist und dazu Stellung beziehen. Daher an dieser Stelle ein dickes Sorry an alle, die dachten, sie hätten mich mit ihren postfaktischen Posaunen in Grund und Boden geschimpft.

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Beginnen wir mit dem Artikel „Darstellung schwarzer Menschen im Europa-Park sorgt für Kritik“ – leider nicht mehr frei zugänglich. Der Text wurde auch auf Facebook entfernt aufgrund der vielen rassistischen und beleidigenden Kommentare, die nicht mehr „moderierbar“ waren. Ich fasse deshalb kurz zusammen: Zwei Freiburger Studierende hatten die Aufgabe für ein Seminar, das sich mit der Ausstellung ethnologischer Forschung in Museen beschäftigt, zu den Themenfeldern „Postkolonialismus“, „Exotisierung“, „Othering“, „Rassismus“ – ja, hier darf gegoogelt werden- eine Übungsforschung zu tätigen und deren Resultat in ein Museumsmodul zu verpacken – so, als würde das Ergebnis der Forschung in einem Museum präsentiert werden.

Überlegen und weiß

Die Übungsforschung bestand darin, Parkbesucher:innen im Themengebiet „Abenteuerland“ zu ihrer Wahrnehmung des dortigen Fahrgeschäfts „Dschungelfloßfahrt“ zu befragen und aus den Interviews einen Film zu machen, der im Museum zu sehen sein sollte. Die Fahrt ist für Adrenalinjunkies wahrscheinlich das Langweiligste, was der Park zu bieten hat. Für uns Ethnologie-Studierende hingegen war es das Spannendste, was die Freiburger Umgebung zu postkolonialer Diskussion hergibt. Im besagten Themenbereich gibt es neben der Floßfahrt auch die „Colonial Food Station“ und die „Crocodile Bar“. Fährt man mit dem Floß und seinen gefühlten 4 km/h über den See und durch das Arrangement kann man „Schwarze Puppen in bunter Kleidung vor hölzernen Hütten, die irgendetwas unverständliches brabbeln, beobachten. Hin und wieder sieht man zwischen diesen auch „Weiße“ Puppen, die wie Expeditionsforscher gekleidet sind. Tierattrappen – Elefanten, Affen, Löwen, Krokodile und Nilpferde – sind Teil der Kulisse.

Es ist zwar nicht eindeutig benannt, aber doch relativ offensichtlich, dass dieser Bereich den afrikanischen Kontinent repräsentieren soll. Welches Land gemeint ist, ist nicht erkennbar und auch die Figuren, Tiere und Darstellungen deuten nicht auf eine eindeutige Region hin. Um hier schon einmal meiner anfänglichen Entsetzung kund zu tun, repräsentierte die Bahn für mich genau das, was wir aus der Universität und aus der aktuellen Forschung als fortbestehende, kolonial-rassistische Motive einer sich anderen Menschen und Kulturen als überlegen ansehenden „Weißen“ Dominanzgesellschaft verstehen.

Zeigefinger im Ar***

Unsere Idee war es, die Museumsbesucher:innen durch unseren Film zum Nachdenken anzuregen. Nachdenken über Vorurteile, Klischees, Konstruktion des „Anderen“, Kolonialismus und dessen Auswirkungen auf die Gegenwart, aber auch über unser Konsumverhalten, unseren Umgang mit gesellschaftlich wichtigen Themen in einer Umgebung, in der wir uns solche Fragen eigentlich lieber nicht stellen, sondern einfach nur Spaß haben wollen. Natürlich hatten auch wir sehr viel Spaß während unserer Übungsforschung und alle Menschen begegneten uns offen und hatten kein Problem damit, sich kritisch oder auch weniger kritisch über die Bahn zu äußern. Unsere Fragen waren offen gestellt und kein Interviewter wäre im realen Leben auf die Idee gekommen, uns zuzurufen: „Steckt euch euren moralisch erhobenen Zeigefinger in euren blassierten arroganten Ar***“ (Zitat M.H. auf Facebook unter dem Artikel der „Badischen Zeitung“).

Das Museum fand die Forschung großartig und wollte sie in seine Ausstellung integrieren. Der Europapark verwehrte uns jedoch die Bildrechte, woraufhin wir als frustrierte Studierende uns an die Presse wandten, weil wir dem Thema trotz verhinderter Ausstellung öffentliche Aufmerksamkeit verschaffen wollten. Der Artikel, der in der „Badischen Zeitung“ daraufhin erschien, war informativ und eröffnete auch uns bis dato ungeahnte Entwicklungen, nämlich, dass der Park sofort reagiert und die Attraktion stellenweise umgebaut hatte.

Hohe Wellen

Der Artikel schlug im Netz hohe Wellen und wurde von zahlreichen anderen Medien aufgegriffen. Nach dem Erscheinen wurde mir jedoch schlagartig wieder bewusst, dass die Leserschaft der „BZ“ und auch vieler anderer Nachrichtenmagazine, sowie auch ein großer Teil unserer Gesellschaft, wohl noch nie wirklich kritisch über die Folgen des Kolonialismus und den daraus resultierenden tief verankerten Alltagsrassismus unserer Gesellschaft reflektiert haben und das obwohl Diskussionen um diese Themen aktuell doch Konjunktur haben – ich verweise hier gerne auf das TV-Format „die letzte Instanz“ und dessen Gegeninitiative „die beste Instanz“.

Ich konnte nicht glauben, dass sich so viele Menschen dermaßen über unsere Kritik und die Reaktion des Parks echauffierten und sich ihrer Kultur, Heimat oder was auch immer beraubt fühlten. Ich erhielt Nachrichten, in denen ich als „dumm“, „schwachsinnig“, „zugezogene Studentin“, „armes Ding“ und viel mehr degradiert wurde. Diesen Menschen war es offensichtlich wichtig, mehrere Minuten ihrer Lebenszeit in Hasskommentare zu investieren und mich persönliche anzugreifen, anstatt sich ernsthaft mit der Kritik auseinanderzusetzen.

Das war schon immer so

Die Kommentare waren unterschiedlicher Natur und die, die ganz weit unter der Gürtellinie liegen, möchte ich nicht weiter thematisieren, . Trotzdem habe ich mir einmal Gedanken gemacht, wie man sie thematisch ordnen und ihnen antworten könnte: Da wären zunächst die Kommentare, die sich auf unseren Status als Studierende beziehen. Wir seien also zugezogene, „Weiße“ Dauerstudenten, die offenbar ein unrelevantes Fach studieren, nicht arbeiteten und vor lauter Langeweile so einen Mist produzieren würden. Ach ja, und geimpft und bei Fridays for Future seien wir einigen Wutbürger:innen zufolge natürlich auch. Die Wahrheit ist: Ich bin in Freiburg geboren und aufgewachsen und kenne den Park schon seit ich klein bin und auch ich habe die Bahn noch nie so kritisch hinterfragt, wie ich es nun als Studentin tue. Hier frage ich mich dann natürlich auch, ob mein Fach und meine Arbeit tatsächlich für unsere Gesellschaft so unrelevant sind, wenn sich doch so viele Leute Zeit nehmen, um ihre Gedanken dazu zu öffentlich zu machen.

Die Kommentare, die dem Pathos „das war doch schon immer so“ und „das ist nunmal unsere Geschichte“ folgen, möchte ich so simpel und einfach, wie es ist entgegnen: Ja, das war schon immer so und ja, der Kolonialismus ist Teil unserer Geschichte, genauso wie es der Holocaust ist, aber nur weil etwas schon immer so war, heißt das nicht, dass es etwas Erstrebenswertes und Gutes ist. Und, um es mit Frank Walter Steinmeiers Worten zu sagen, „haben wir sonst so geschichtsbewussten Deutschen [wenn es um die Kolonialzeit geht] allzu viele Leerstellen“.

Ein faires Angebot

Alle, die sich sorgen, in Deutschland bald „gar nichts mehr“ sagen zu dürfen, würde ich hier gerne ein ehrlich gemeintes Angebot machen: Liebe Freunde der hitzigen Diskussion, ich kann es wirklich nachvollziehen, dass es die ein oder andere Person vor den Kopf stößt, wenn die Lieblingsattraktion im Park umgebaut wird und man aus der Zeitung nur von einer Studentin liest, die sagt, dass das problematisch sei und keiner erklärt, warum das denn überhaupt so ist. Ich kann verstehen, dass es überfordernd ist, wenn überall Sprache verändert wird, Verhaltensänderungen gefordert werden und sich junge Menschen auf einmal weigern, bestimmte Dinge weiterhin zu akzeptieren. Ich kann auch durchaus nachvollziehen, dass man hier doch einfach an die Hand genommen werden möchte und diese ganzen neuartigen Ereignisse und Wendungen erklärt haben möchte. Klar könnte man sich auch eigenständig informieren und auf sachlicher Ebene austauschen, aber das ist natürlich ganz schön viel verlangt von einer erwachsenen mündigen Person – Ironie!

Deshalb biete ich allen an, die sich überfordert, zensiert und unwissend fühlen oder irgendetwas an dem Diskurs nicht verstehen: Stellt diese Fragen doch einfach offen und seid ehrlich, dass ihr nicht genau begreift, worum es geht und seid hartnäckig, wenn ihr mit der Antwort nicht zufrieden seid. Diskutiert und versucht euch weiterzubilden, empört euch auch gerne, falls ihr etwas anders seht, aber tut mir einen Gefallen und urteilt nicht einfach so drauf los, wo ihr auch einfach erst einmal fragen könntet! Auch ich bin keine Expertin für die Geschichte des modernen Rassismus, der Sklaverei und des Kolonialismus, auch ich bin natürlich nicht von Rassismus betroffen und auch ich weiß nicht immer so genau, wie ich zu bestimmten Themen stehe, aber ich bin gerne bereit mich auf Diskussionen einzulassen, wenn wir ernsthaft und auf Augenhöhe miteinander sprechen können.

Es gibt Wichtigeres

Tatsächlich drehen sich meine Lieblingshasskommentare jedoch um die Tatsache, dass es doch verdammt nochmal „Wichtigeres“ auf unserer Welt gäbe und wir einfach keine anderen Sorgen hätten. Ich empfehle für all jene Menschen mich in dieser Hinsicht zu erleuchten und mir die „wirklichen“ Probleme unserer Welt mitzuteilen und mir am besten noch zu erklären, wie man sie lösen könne. Wallah ich schwöre, wenn mir eine:r diesen Gefallen tun würde, dann wäre das Europapark Thema sofort gegessen und ich würde mich auf die wirklich wichtigen Probleme unserer Menschheit konzentrieren. Allen, die gerne einmal (weltliche und gesellschaftliche) Probleme gegeneinander aufwiegen, empfehle ich abschließend den Poetry Slam von Kaleb Erdmann mit dem Titel „Wie viel Mal Bus verpassen ist einmal Ebola?“.

Alles in allem war das zwar noch lange nicht alles, was ich hier gerne losgeworden wäre, aber ich sollte auch irgendwann einmal einen Punkt machen. Aktuell stehe ich in Kontakt mit einigen Aktivist:innen aus „BIPOC*“-Gruppierungen und erfahre hier viel Rückhalt für mein Engagement. Das tut sehr gut und macht mir Mut, dass es richtig war, das Thema anzusprechen und mich für eine antirassistische und postkoloniale Aufklärung einzusetzen. Auch und gerade als „Weiße“ Person.

Kleiner Nachtrag mit Happy End

Ich denke in den nächsten Wochen werden einige weitere Artikel erscheinen, diesmal jedoch mit einem etwas anderen Narrativ und das ist gut so. Und bei all dem ganzen zum Teil sehr unangenehmen Trubel, bei dem ich erfahren habe, was es bedeutet mit Klarnamen auf Facebook aktiv zu sein, darf ich nun zum Schluss feierlich verkünden, dass unser Projekt höchstwahrscheinlich doch im Museum zu sehen sein wird. Diesmal jedoch nicht im Sinne der Reproduktion von kolonialen Bildern im Europapark, sondern im Kontext der Herausforderung der Thematisierung von Kolonialismus und Rassismus in unserer heutigen Gesellschaft. Für alle, die einen Mittelfinger auf Facebook unter einen der Artikel gepostet haben, bezahle ich den Eintritt!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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  1. Marianne sagt:

    Vielen Dank für deine Initiative. Ich gehe davon aus, dass die Kommentarflut einer der vielen von Rechten orchestrierten Shitstorms war. Eben genau mit dem Ziel, das Artikel offline gestellt oder demnächst nicht mehr gepostet werden. Es ist wichtig diese Strategie zu entlarven. Dazu eine gute Spiegel-Kolummne von Margarete Stokowski https://www.spiegel.de/kultur/umgang-mit-sarah-lee-heinrich-auf-unangenehme-art-normal-kolumne-a-9cf70884-7cc0-4627-8ee3-5e046430e7ef