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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Bigotterie im Namen des Herrn

Die Wahrheit ist: Gläubige richten nicht ihr Leben an ihrem Glauben, sondern vielmehr ihren Glauben am eigenen Leben aus – Christen, Juden, Muslime, Buddhisten… alle.

Von Dienstag, 02.11.2021, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 01.11.2021, 10:29 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Eigentlich stand das Thema für diesen Text bereits seit einiger Zeit fest, wie in Stein gemeißelt. Denn die Union, die in Kürze genau da sitzen wird, wo sie bereits steht, nämlich am rechten Ende des demokratischen Spektrums, gleich neben der AfD – jedenfalls im neuen Bundestag – machte ja gerade dadurch Schlagzeilen, dass eines ihrer Mitglieder die Pressefreiheit so massiv behinderte, wie man das sonst nur von der NPD, Trump-Supportern und Putins Schlägern kennt, und das kann eigentlich gar nicht genug Aufmerksamkeit bekommen, weil es ein ganz eigenes Demokratieverständnis transportiert.

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Dann hörte ich aber ein Gespräch James O’Briens, der im Rahmen seiner Call-in-Show bei der LBC mit jener Art von bigottem religiösen Eiferer zusammenstieß, die pars pro toto für größere Teile unserer Gesellschaft stehen – weil sie ihren imaginären Freund als Garanten für eine absolute Wahrheit in Stellung bringen, die sich insbesondere mit den religiösen Schriften, auf die sie sich berufen, nicht in Einklang zu bringen sind.

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Dieser Schwurblerer – und es gibt eigentlich keinen freundlicheren Begriff, den ich an dieser Stelle nutzen könnte – rief also aus freien Stücken bei einer öffentlichen Radiostation an, um darüber zu fabulieren, dass er für Schwule beten wolle, damit diese nicht mehr schwul seien („pray the gay away“) – eine eigentlich noch aggressivere Version religiöser „Therapien“, in denen Schwule geheilt werden sollen – immerhin sind die armen Gestalten, die sich in solche Therapien begeben, halbwegs freiwillig da. Für Homosexuelle zu beten, die nie darum gebeten haben, entspricht dagegen vielmehr einem spirituellen Angrabschen.

Er erhielt genau die Antwort, die sein ganzes Glaubensgerüst vom Kopf auf die Füße stellte, nämlich, ob es dann nicht auch möglich sei, jemanden schwul zu beten – verbunden mit der scherzhaften „Drohung“ genau das zu tun.

Natürlich prallte das am Anrufer ab, weil sein vorgeblicher Glaube nur ein Schleier für seine Ignoranz ist – der Vorteil ehrlicher Ignoranz ist, dass sie eben alles ignorieren kann, das dem eigens kreierten Weltbild aktiv widerspricht. O’Brien schob daraufhin eine Frage nach, deren Antwort er bereits kannte: was nämlich eigentlich Jesus je zu Homosexuellen gesagt habe (gar nichts), um bei dem Verweis auf das Alte Testament auf dessen Kleidungs- und Nahrungsvorschriften zu verweisen (die der Anrufer offenkundig nicht befolgte). Der Schwurbler versuchte in der Folge, diese als „kulturelle Regeln“ im Gegensatz zu „religiösen Regeln“ darzustellen, wobei natürlich zufälligerweise all diejenigen, die er befolgte, wichtige religiöse Regeln und all die, die er ignorierte, (überholte) kulturelle Regeln seien – um dann, einer weiteren Bloßstellung aus dem Wege zu gehen, indem er das Gespräch zu beendete.

Doch warum rekapituliere ich an dieser Stelle ein Gespräch zweier Menschen, die niemand hierzulande kennt, wenn gleichzeitig die Politik des staatlichen CDU/CSU-Sponsors, der autokratischen Republik Aserbaidschan, so offensichtlich auf ebendiese Union abzufärben scheint?

Erstens, weil sich hier zeigt, dass Glaube auch nur eine Form von Verschwörungstheorie ist: Beide zerfallen in ihre Bruchstücke, wenn man sich nur gut genug in ihnen auskennt und seine Skepsis beibehält.

Und zweitens, nun: alle Menschen, die sich als religiös bezeichnen, von Margot Käßmann bis zum Dalai Llama, vom Papst zum IS-Kämpfer, vom orthodoxen Patriarchen von Timbuktu bis zum orthodoxen Juden auf besetztem Palästinenser-Land, sind Patchwork-Gläubige, die sich kleine Flicken ihrer Glaubensrichtung herauspicken, denen sie folgen wollen, während andere Teile nicht einmal bekannt sind, geschweige denn befolgt werden – Religionsgemeinschaften sind heute heterogener und einander  unversöhnlicher als selten zuvor – nicht nur in Köln und Damaskus. Nietzsche fasste dies in diesem einen Satz zusammen: es habe nur einen einzigen Christen gegeben – und der sei am Kreuz gestorben. Gläubige richten nicht ihr Leben an ihrem Glauben, sondern vielmehr ihren Glauben am eigenen Leben aus – der Gott einer Kuh ist eine Kuh oder: der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde.

Dass die Idee von Religion dennoch eine solche Macht erhalten hat, dass Menschen in Deutschland unterdrückt werden, ebenso wie in den USA, wie in Indien oder in Arabien, allein aufgrund dessen, wer sie sind, was sie denken oder wen sie lieben, liegt daher nicht zuletzt daran, dass sich religiöse Dogmen wie Parasiten an bereits bestehende Gefühlslagen anheften. In der Folge, und darauf will ich heute hinaus, ist nicht der Katholizismus judenfeindlich, ist nicht der Protestantismus schwulenfeindlich, ist nicht der Islam frauenfeindlich: Deutsche sind Antisemiten. Amerikaner sind homophob. Araber sind misogyn. Und sie alle rechtfertigen ihren eigenen Hass mit handverlesenen Bruchstücken religiöser Schriften, die sie oft genug gar nicht kennen und die sie auch problemlos in einem anderen Glauben fänden.

Religion bedeutet nicht mehr, als den Gott seiner Eltern als Werkzeug zur Rechtfertigung der eigenen Moral und vor allem der eigenen Morallosigkeit zu benutzen. (epd/mig)

Meinung
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  1. cougar sagt:

    Eine abscheuliche Lästerung der Religion als solcher! Bisher hat er nur geistigen Schmutz verbreitet, jedoch keine konstruktiven Gedanken.