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Denkmal in Erinnerung an die Ermordung von 500.000 Menschen in Belzec/Polen © grego1402 @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

„Kern des Holocaust“

Vor 80 Jahren begann der Bau des Vernichtungslagers Belzec

Die SS-Besatzer ermordeten in den Vernichtungslagern Belzec, Treblinka und Sobibor in Ostpolen mehr als 1,7 Millionen Juden - in Belzec erstmals in festen Gaskammern. Vor 80 Jahren begannen die Bauarbeiten.

Von Montag, 01.11.2021, 11:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 01.11.2021, 11:22 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

„Ich wurde von Schreckensbildern verfolgt, hörte das Stöhnen der gequälten Opfer, die Schreie der Kinder und das Hämmern eines laufenden Motors.“ Rudolf Reder (1881-1968), Jude aus Lemberg, leistete vier Monate lang im Vernichtungslager Belzec Zwangsarbeit. Er gehörte zum „ständigen Todeskommando“ – und legte später Zeugnis ab von unfassbaren Gräueltaten. Seine Erinnerungen erschienen bereits 1946 auf Polnisch, doch erst 2011 auf Deutsch.

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Belzec war das erste von drei Vernichtungslagern, in dem ab März 1942 mit grausamer Effizienz das begann, was die Nationalsozialisten „Aktion Reinhardt“ nannten: Die Ermordung der polnischen Juden im sogenannten Generalgouvernement, in den besetzten polnischen Gebieten. 1,7 Millionen Menschen, darunter auch zahlreiche Sinti und Roma und Juden aus anderen Ländern, wurden in Belzec, Sobibor und Treblinka nahe der heutigen Grenzen zur Ukraine und zu Weißrussland mit Dieselabgasen ermordet. Am 1. November 1941 begannen die Bauarbeiten für Belzec.

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Vergasung mit Hilfe eines Dieselmotors

Reder zählte zu den wenigen Überlebenden des Lagers. Bis 1910 hatte er in Lemberg, dem heutigen Lwiw in der Westukraine, eine kleine Seifenfabrik betrieben. Im August 1942 wurde er mit seiner Familie nach Belzec verschleppt. Seine Frau, sein Sohn und eine Tochter wurden sofort getötet. Nur eine ältere Tochter überlebte den Krieg. Reder erlebte die Ankunft der Opfer in vollgepferchten Güterwagons, ihre Vergasung mit Hilfe eines Dieselmotors, musste die Leichen in gewaltigen Massengräbern verscharren – Alltag im ersten reinen NS-Mordzentrum im besetzten Polen.

Er entkam dem unvorstellbaren Grauen durch einen glücklichen Zufall bei einem Arbeitseinsatz in Lemberg, wo er unter Bewachung Metallbleche für das Lager holen sollte. „Ich blieb im Lastwagen und wurde von einem der Verbrecher bewacht, während die anderen auf der Suche nach Vergnügungen fortgingen. Ein paar Stunden lang saß ich da, ohne mich zu bewegen oder nachzudenken.“ Dann bemerkte er, dass seine Wache eingeschlafen war und schnarchte. „Instinktiv und ohne zu überlegen, glitt ich vom Lastwagen herunter. (…) Dann schlich ich mich langsam weg. Ich zog meine Mütze tiefer ins Gesicht und niemand nahm von mir Notiz.“

500.000 Menschen starben in neun Monaten

Reder, der sich gut auskannte in Lemberg, ging zu seiner ehemaligen Vermieterin, die ihn versteckte, bis die Sowjetarmee heranrückte. Später zog er nach Krakau. 1949 änderte Reder seinen Namen in Roman Robak, heiratete seine einstige Retterin, und das Paar wanderte 1950 zunächst nach Israel aus, 1953 dann nach Kanada.

Das Lager Belzec lag an der Bahnlinie von Lublin nach Lemberg und umfasste nur eine Fläche von etwa 265 mal 275 Meter. In einem Bereich lagen die Verwaltungsgebäude, Unterkunftsbaracken und eine Eisenbahnrampe an einem Gleisanschluss. Im zweiten Komplex befanden sich Gaskammern, angeschlossen an einen Dieselmotor aus einem Panzer, sowie Unterkünfte für die im Todeskommando beschäftigten Juden. Verbunden waren die beiden Bereiche durch einen Pfad, der von dem „Entkleidungsbereich“ zu den Gaskammern führte. Mindestens 500.000 Menschen starben hier innerhalb von nur neun Monaten. Reder: „Der Motor arbeitete zwanzig Minuten lang. Danach herrschte völlige Stille.“

Kern des Holocausts

Die „Aktion Reinhardt“ stellt für den Berliner Historiker Stephan Lehnstaedt „den Kern des Holocausts“ dar: „Die beinahe vollständige Auslöschung der polnischen Juden, der Mord an annähernd zwei Millionen Menschen fast ohne sichtbare Spuren.“

Ende Dezember 1942 wurde das Lager geschlossen, fast alle Juden aus den besetzten polnischen Gebieten waren ermordet. Bis zum Frühling 1943 ließen die Nazis die Massengräber jedoch wieder öffnen und die Leichen auf Scheiterhaufen aus Eisenbahnschwellen verbrennen, um die Spuren des monströsen Verbrechens zu verwischen. Auf dem Gelände entstand ein Bauernhof, Bäume wurden gepflanzt und das Areal von zwei ukrainischen Wachleuten beaufsichtigt.

Bedenkliche Erinnerungslücke

Im heutigen Gedenken an den Holocaust rangiert die „Aktion Reinhardt“ weit hinten, beklagen Historiker. Fast alle Erinnerungen an den Genozid seien primär auf Auschwitz mit den rund 1,2 Millionen Todesopfern fokussiert, erklärt der Berliner Forscher Ulrich Baumann, stellvertretender Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Er beklagt im Gespräch eine bedenkliche Erinnerungslücke.

„Auschwitz war der europaweite Endpunkt der Vernichtung der Juden, so auch der aus Norwegen, Frankreich, Italien oder Griechenland. Auch der überwiegende Teil der deutschen Juden kam hier um.“ Das habe Folgen für die Erinnerungskultur, die einen starken internationalen Charakter habe, sagte Baumann. Die Opfer der „Aktion Reinhardt“ interessierten die deutsche Öffentlichkeit kaum, glaubt er.

Im Schatten von Auschwitz

Das sieht auch Stephan Lehnstaedt so. „Auschwitz ist die universelle Chiffre für den Holocaust. Das kennt jeder.“ Die Reste des gewaltigen Lagerkomplexes seien „ein Monument gegen das Vergessen“.

Die Vernichtungslager in Belzec, Sobibor und Treblinka, dem „bedeutendsten Tatkomplex des Holocausts“, stünden dagegen „vollkommen im Schatten von Auschwitz und den europäischen Juden“. Er wünsche sich mehr Aufmerksamkeit für diese Orte. Lehnstaedt kritisiert im Gespräch mit dem epd auch die Bundesregierung: „Für die Gedenkstätten-Arbeit in den Lagern der Aktion Reinhardt gab es bis jetzt kein Geld vom Auswärtigen Amt.“ Aber, so ergänzt er: Immerhin förderte es die Ausstattung der Gedenkstätte in Sobibor und den dortigen Ausstellungskatalog. (epd/mig)

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