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Nemi El Hassan © WDR/Tilman Schenk

El-Hassan enttäuscht

Manchen Menschen werden mehr Fehler zugestanden als anderen

Nemi El-Hassan wird die WDR-Sendung „Quarks“ nicht moderieren. Stattdessen soll sie hinter die Kamera. El-Hassan ist enttäuscht. Der Fall wird im Netz weiter kontrovers diskutiert.

Freitag, 01.10.2021, 5:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 30.09.2021, 16:42 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |  

Im Fall der umstrittenen Moderatorin Nemi El-Hassan hat der WDR eine Entscheidung getroffen. Die 28-Jährige wird die Wissenschaftssendung „Quarks“ nicht moderieren. Die Programmverantwortlichen seien der Meinung, dass die Auseinandersetzung um El-Hassans Person zu einer „unangebrachten Politisierung“ der Sendung geführt habe. Der WDR werde „in Ruhe beraten, wie eine zukünftige Zusammenarbeit aussehen könnte“. Bereits am 14. September hatte der Sender die geplante Moderation ausgesetzt, um Zeit für die Klärung von Antisemitismusvorwürfen gegen El-Hassan zu gewinnen.

Nach internen Beratungen wurde angekündigt, WDR-Intendant Tom Buhrow wolle die 28-Jährige „statt als Moderatorin zunächst als Autorin“ beschäftigen. Die Beiträge der Mitglieder des Rundfunkrats seien bei den Beratungen „differenziert, aber überwiegend kritisch“ gewesen. Entscheidend sei nicht ihre Teilnahme an einer Al-Kuds-Demonstration vor sieben Jahren gewesen, von der sie sich distanziert hatte, sondern „problematische Likes“ in sozialen Netzwerken. El-Hassan soll laut Boulevardblatt „Bild“ Inhalte der israelkritischen Gruppe „Jewish Voice for Peace“ „gelikt“ haben.

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Diskussionen im Netz

Nachdem der WDR am 10. September mitgeteilt hatte, dass El-Hassan künftig eine der Moderatorinnen von „Quarks“ sein werde, hatte das Blatt „Bild“ berichtet, die 28-Jährige habe 2014 am Berliner Al-Kuds-Marsch teilgenommen. Dem „Spiegel“ sagte El-Hassan einige Tage später zu ihrer Teilnahme an dem Marsch, sie schäme sich für diese Zeit. Es sei sehr schmerzhaft für sie, „über den Menschen nachzudenken, der ich damals war“.

Die Entscheidung des WDR wird im Netz kontrovers diskutiert. El-Hassan habe sich von ihrer Teilnahme glaubwürdig distanziert und der Verweis auf „Likes“ sei nicht überzeugend, heißt es auf der einen Seite. Der WDR habe soziale Netzwerke nicht verstanden. Vor allem wird dem WDR ein „einknicken“ vor der Springer-Presse vorgeworfen. Mehrere hundert Personen – darunter zahlreiche Prominente – hatten in einem Offenen Brief den Springer-Blättern „Bild“ und „Welt“ eine islamfeindliche Kampagne vorgeworfen. Die Unterzeichner zeigten sich zudem „entsetzt über die diffamierende und denunziatorische Art, in der diese Diskussion geführt wird“. Auf der anderen Seite werden die Antisemitismusvorwürfe hervorgehoben. Diese seien nicht ausgeräumt.

El-Hassan enttäuscht

El-Hassan selbst zeigte sich in der „Berliner Zeitung“ enttäuscht. Die Absage mache sie „todtraurig“. Sie habe das Gefühl, manchen Menschen würden mehr Fehler zugestanden als anderen. Zu den Likes wird sie wie folgt zitiert: „Das heißt nicht, dass ich automatisch jedem Inhalt zustimme oder mich blind solidarisiere. In den sozialen Medien liked man Sachen auch, wenn sie schlicht Nachrichtenwert haben. Ich war naiv zu denken, ich könnte mich unbefangen und frei in den sozialen Medien bewegen.“

El-Hassan ist Mitbegründerin des Satire-Kanals „Datteltäter“, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, in satirischen Videos mit Vorurteilen gegen Muslime aufzuräumen. (epd/mig)

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  1. J-S sagt:

    Nein.. man „liked“ Sachen nicht wenn man nicht will das sich diese weiter verbreiten. So viel Medienverständnis würde ich von einer Medienschaffenden schon erwarten.
    Schlechte Ausrede.
    Und das jetzt „islamfeindlich“ als Buzzwort benutzt wird macht mich noch richtig sauer. Wo wurde sie wegen ihrer Religion angegangen? Nirgendwo. Nur wegen ihrer Haltung, mit Islamfeindlichkeit hat das nichts zu tun.
    Ich befürworte die Entscheidung des WDR.

  2. thomas sagt:

    das Internet vergisst halt nicht und in der heutigen Zeit, wo jeder alles filmen kann, kann das fatale Folgen haben. Andererseits arbeitet man in den mainstreammedien und vor allem in den schrecklichen Axel Springer-Medien mit rechten Doppelstandards. Die Dame ist leider Zielscheibe der rechten, neurechten und Rassisten geworden. In deren Medien wird sie derzeit mit Freude diskutiert.

    Ich wünschte mir, man würde gegen antimuslimischen Rassismus genauso vorgehen. Aber das wird leider nie passieren.

    Satire darf halt alles. Deshalb wurde Dieter Hanitzsch von der süddeutschen Zeitung gefeuert, weil er es wagte, nethanjahu zu karikieren.