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Justizvollzugsanstalt (Archiv) © hrohmann @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

Studie

Forscher fordern bessere Seelsorge für junge Muslime im Gefängnis

Junge Muslime in Gefängnissen fühlen sich im Vergleich zu christlichen Insassen benachteiligt – fehlende Gebetsräume und unzureichende Unterstützung durch Imame. Experten fordern Verbesserungen. Die Radikalisierungsgefahr jedoch werde überschätzt.

Donnerstag, 23.09.2021, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 22.09.2021, 16:53 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |  

Tübinger Wissenschaftler fordern auf Basis einer Studie eine bessere Gefängnisseelsorge für junge Muslime. „Muslimische Jugendstrafgefangene sind bei der religiösen Betreuung gegenüber ihren christlichen Mithäftlingen benachteiligt“, teilte die Universität Tübingen mit. Dabei sei die Seelsorge im Gefängnis unter anderem für die Resozialisierung wichtig.

Für die Studie wurden Gefängnisinsassen aller Glaubensrichtungen, aber auch Konfessionslose, in Baden-Württemberg, Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen kontaktiert. Insgesamt wurden den Angaben zufolge 766 männliche und 62 weibliche Strafgefangene zwischen 15 und 25 Jahren befragt.

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Zwei Drittel fühlt sich nicht unterstützt

Dabei zeigt sich, dass sich Muslime viel stärker als Christen eine Verbesserung der religiösen Angebote im Jugendstrafvollzug wünschten. Zwar gaben sie an, dass Religionsausübung grundsätzlich möglich sei. „Aber mehr als die Hälfte fühlt sich benachteiligt, weil eigene Gebetsräume fehlen oder religiöse Gebräuche wie das Fastenbrechen im Ramadan mit den festen Abläufen im Strafvollzug kollidieren“, heißt es in der Mitteilung.

Mehr als zwei Drittel sehen sich zudem im Gefängnisalltag bei ihrer Glaubensausübung nicht hinreichend unterstützt. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass muslimische Seelsorger im Gegensatz zu ihren christlichen Kollegen in der Regel nur als Teilzeitkräfte beschäftigt seien. Einzelbetreuung oder auch Gottesdienste seien daher nur bedingt möglich. „Eine Erhöhung der Stundenzahl für die muslimische Seelsorge ist notwendig, um die Betreuung zu verbessern“, erklärt Tillmann Bartsch, Tübinger Professor für Kriminologie.

Radikalisierungsgefahr überschätzt

Die oft thematisierte Gefahr einer islamistischen Radikalisierung in den Jugendstrafanstalten halten die Forscher für überschätzt. „Ein verfestigtes extremistisches Weltbild verbunden mit Gewaltbereitschaft haben wir nur bei einem Prozent der Inhaftierten festgestellt und es gibt ein dichtes Kontrollnetz, das verhindert, dass sich solches Gedankengut in den Anstalten verbreitet“, sagt Jürgen Thomas vom Kriminologischen Dienst Baden-Württemberg.

Zur Prävention trage die muslimische Seelsorge ganz wesentlich bei, wenn sie zum Beispiel die Rechtfertigung von Gewalt im Namen des Glaubens kritisiere. Probleme entstehen den Kriminologen zufolge vor allem nach der Haftentlassung, wenn die Jugendlichen oft sich selbst überlassen sind. „Was fehlt, ist eine Straffälligenhilfe für Muslime, wie es sie in der christlichen Sozialarbeit seit langem gibt“, sagt Tillmann Bartsch. (epd/mig)

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