Emran Feroz, Buch, Cover, Afghanistan, Der längste Krieg
"Der längste Krieg" von Emran Feroz

Rezension

Ein bisschen Hoffnung für Afghanistan

Der Krieg in Afghanistan hatte verheerende Folgen für das Land. Das zeigt das aktuelle Buch von Emran Feroz "Der längste Krieg. 20 Jahre 'War on Terror'". Der Autor gibt aber zumindest eine Prognose ab, die Hoffnung macht.

Von Freitag, 17.09.2021, 5:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 16.09.2021, 15:57 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Emran Feroz, Mitglied einer aus Afghanistan nach Österreich migrierten Familie, war am 11. September 2001 neun Jahre alt und lebte in Innsbruck, seiner Geburtsstadt. Als er an jenem Tag nach Hause kam und sich auf das damals übliche Zeichentrickprogramm im Fernsehen freute, wurde er enttäuscht: „Meine Eltern starrten gebannt auf das Gerät, während auf allen Sendern ein Sonderprogramm lief“, schreibt Feroz in „Der längste Krieg – 20 Jahre War on Terror“. Und: „Man sah die einstürzenden Türme in New York und panische Reporter, die live zugeschaltet waren. Meine Eltern machten einen besorgten Eindruck.“

Wer hätte es geahnt?

Ahnten sie, was geschehen würde? Konnte jemand an diesem Tag die Folgen des Horrors von New York und Washington erkennen? Gewiss nicht. Wer hätte erwartet, dass der „nine-eleven“ einen zwanzig Jahre dauernden Krieg mit entsetzlichen Gräueln auslösen würde; dass US-Präsident George W. Bush den Terrorakt zwei Jahre später als Anlass für einen Krieg gegen den Irak nehmen würde. Allerdings konnte man bereits am Abend des elften Septembers damit rechnen, dass das Ereignis schwerwiegende Konsequenzen haben würde.

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Ich war in Shiraz, im Süden Irans, auf dem dortigen Flughafen und eben dabei, für den Flug nach Isfahan einzuchecken. Tele Züri rief auf mein Mobiltelefon an, wollte meine Meinung hören. Da handle es sich wohl um Palästinenserterror, vermutete der Journalist. Ich war ahnungslos, hatte vom Drama nichts mitbekommen. Also machte ich mich erst telefonisch kundig, was denn überhaupt los sei. Ich vermutete bald, da sei viel eher al-Qaida am Werk gewesen als irgendeine andere Organisation. Das hat sich kurz danach bestätigt.

Nicht klar war mir, wie die Iraner reagieren würden. In der ganzen mittelöstlichen Region ahnte man allerdings: Die USA werden zuschlagen oder zurückschlagen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wohl gegen eines jener Länder, die ohnehin schon im Visier Washingtons waren. Iran? Irak? Afghanistan? Warum nicht Saudi-Arabien, denn 15 der 19 Attentäter stammten ja aus dem Königreich? Von dort stammte auch Osama bin Laden, der – zu Recht – als geistiger Drahtzieher von al-Qaida benannt wurde. Wenige Tage später wurde in Iran deutlich, dass die USA ein anderes Ziel hatten – aber die Stimmung, auch in Teheran, blieb bedrückt und besorgt. Ein Krieg im benachbarten Afghanistan, das müsste unweigerlich zu einer neuen Flüchtlingswelle in Iran führen, lauteten die Meinungen.

Irrationale Entscheidungen

Rückblickend wirken viele Entscheidungen nach dem 11. September irrational. Ja, gewiss, den in Afghanistan seit damals fünf Jahren herrschenden Taliban konnte vorgeworfen werden, dass sie Bin Laden und dessen Organisation als „Gäste“ willkommen geheissen hatten. Aber weshalb nahm die sogenannte internationale Gemeinschaft es einfach so hin, dass die USA über „dem Land am Hindukusch“ mit B-52-Maschinen tonnenweise Bomben abwarfen? Mussten da nicht alle im Westen erkennen, dass mit solchen Einsätzen nicht nur Terroristen getroffen würden, sondern vor allem unbeteiligte Menschen irgendwo am Boden?

Die Antwort ist erschreckend einfach: Man wollte es nicht erkennen. Ebenso wenig wie in Westeuropa, wohl auch in den USA, später zur Kenntnis genommen wurde, welch verheerende Wirkung der von Präsident Obama forcierte Drohnenkrieg in Afghanistan hatte. Bis heute grassiert breitflächig die Meinung, die Drohnen-Geschosse würden „zentimetergenau“ Terroristen treffen – wie viele Opfer sie wirklich forderten und wohl weiterhin fordern werden, scheint nebensächlich. Es waren mindestens mehrere Tausend.

Deshalb ist das Buch von Emran Feroz so wichtig. Der Autor zeichnet – im Rahmen des Möglichen und aufgrund zahlreicher Recherche-Reisen auch in schwer zugängliche Regionen Afghanistans – nach, wie sich der „Krieg gegen Terror“ in Afghanistan auswirkte; und weshalb die Armee jetzt, im Sommer und Frühherbst 2021, keinen Anlass sah, sich gegen die vorrückenden Taliban zur Wehr zu setzen; und warum es in der Bevölkerung mehrheitlich keine Loyalität zu den in Kabul Herrschenden gab.

Auch ehrlich gemeintes Engagement

Die Korruption der „Eliten“ im ganzen Land war, seit Ende 2001, gigantisch. Ausländische Gelder in Höhe von mehr als zweitausend Milliarden Dollar sind buchstäblich versickert – wer sich die Mühe machen würde, könnte einige dieser Milliarden beispielsweise in Luxus-Immobilien in den Emiraten am Golf ausfindig machen. Das Engagement der „Elite“ zugunsten von Frauen war auch, so geht es aus dem Text von Feroz hervor, eher symbolischer Natur.

Aber, so möchte ich zurückfragen, wie steht es denn mit dem Engagement von westlichen Regierungen und Nichtregierungsorganisationen hinsichtlich der Förderung von Schulbildung für Mädchen, was taten sie für die afghanischen Frauen? Ich schlage nach im Buch, lande beim Kapitel „Die Mär von der Frauenbefreiung“, und lese: „Den vermeintlichen Befreiern ging es niemals um Frauenrechte in Afghanistan, sondern lediglich um die eigenen Machtinteressen und die Erhaltung des „War on Terror“, der Millionen von afghanischen Frauen und Mädchen zusätzliches Leid bescherte.“

Ich erlaube mir, von der Ferne aus, hier ein Fragezeichen zu setzen. Bis zum jetzigen Sieg der Taliban konnten – das besagen verschiedene Recherchen – fast 30 Prozent der Frauen und Mädchen in Afghanistan Schulen besuchen, die sie in die Lage versetzten, zu lesen und zu schreiben. Neben dem brutal von den USA und europäischen NATO-Kräften geführten Krieg, gab es nämlich auch ehrlich gemeinte Bemühungen von Regierungen und von NGO, der Bevölkerung des geschundenen Landes zu helfen. Ihre Hilfe mag verblassen ob all dem Leid, das angerichtet wurde – aber ist das die Schuld jener, die sich in diesem Sinne engagierten?

Emran Feroz wagt gegen Ende des Textes eine Prognose: In vielen Bereichen der Gesellschaft Afghanistans habe sich eine neue Lebensweise so weit durchgesetzt, dass die Taliban chancenlos seien beim allfälligen Versuch, das Land in die versteinerte Lage der neunziger Jahre zurück zu zwingen. Also: ganz am Schluss doch noch etwas Hoffnung.

Diese Rezension ist zuerst erschienen im infosperber.

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