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Szene aus dem Kinofilm "Je suis Karl"

Kino

Radikale Demaskierung von Rassismus und Islamfeindlichkeit

Regisseur Christian Schwochow und Autor Thomas Wendrich erkunden in dem preisgekrönten Film „Je suis Karl“ - ab heute im Kino - das rechte Milieu, das in dem Film hip und attraktiv daherkommt. Am Ende treffen sie das Publikum dort, wo es wirklich schmerzt.

Von Donnerstag, 16.09.2021, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 17.09.2021, 14:38 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |  

Auch die letzten Zweifel kommen am Ende zu spät. Auf der Suche nach Halt und einem Weg aus ihrer Trauer hat sich Maxi (Luna Wendler) im Netz der Neuen Rechten verfangen. Wenige Wochen zuvor hat sie ihre Mutter und ihre beiden kleinen Brüder bei einem Bombenattentat verloren. Verfolgt von einer Sensationsreporterin und verlassen von ihrem Vater Alex (Milan Peschel), der in seiner Trauer versinkt, verliebt sie sich in den charismatischen Studenten Karl (Jannis Niewöhner). Er ist einer der Köpfe, des sich erst einmal harmlos gebenden europäischen Jugend- und Studentennetzwerks „Re/Generation“. Genau im richtigen Moment hat er Maxi kontaktiert und tritt als Freund und Retter auf, der ihrem Leben einen neuen Sinn geben kann.

Das Trauma und ihre Gefühle für Karl scheinen Maxi blind für die wahren Hintergründe zu machen. Als die Prager Professorin und Musikerin Jitka vor laufender Kamera erzählt, von zwei Männern aus Afghanistan vergewaltigt worden zu sein, ist Maxi entsetzt und ergriffen. Als sich dann herausstellt, dass die Geschichte eine Lüge ist, wischt sie die Bedenken beiseite. Stattdessen glaubt sie bereitwillig der Erklärung, Jitka habe stellvertretend für so viele verstummte und traumatisierte Frauen in Europa geredet.

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Zunächst ist es ein wenig irritierend, dass Maxi erst ganz am Ende von „Je suis Karl“ erkennt, was doch eigentlich offensichtlich ist. Aber letztlich ist es weder ihre Verliebtheit noch ihre innere Erschütterung, die Maxi über alles hinwegsehen lassen, was sie aus den Reihen der Bewegung hört und miterlebt. Es ist viel einfacher und zugleich auch viel komplizierter. Sie will die Wahrheit nicht sehen. Und genau das macht sie zur perfekten Protagonistin eines Films, der sein Publikum dort treffen will, wo es wirklich schmerzt.

Radikale Demaskierung

Regisseur Christian Schwochow und Drehbuchautor Thomas Wendrich sezieren in ihrem Film genau, wie die Mechanismen der Neuen Rechten und der Identitären Bewegung in Deutschland und Europa funktionieren. Der Untergrund, in den einige Neonazis gehen, um Attentate zu verüben, ist nur eine Seite des Rechtsradikalismus. Die andere sucht die Bühne der sozialen Medien und weiß genau, wie sie sich inszenieren muss, um ihre Botschaften zu kaschieren und doch zu verbreiten. Das Studiencamp in Prag, zu dem Maxi von Karl eingeladen wird, hat etwas von einem Pop- und Influencerfestival. Die Musik, die Jitka und die anderen machen, klingt fast nach Woodstock. Zumindest solange man nicht zu genau auf die Texte achtet.

Doch hinter den glatten Bildern smarter und gut aussehender junger Menschen verbirgt sich ein aggressiver Nationalismus, der sich mit Rassismus und Antiislamismus paart. Und den demaskieren Schwochow und Wendrich schließlich radikal. (epd/mig)

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  1. Marco sagt:

    In der Überschrift und im Text wird der Begriff „Antiislamismus“ verwendet. Ich nehme an, der Autor meint „Islamfeindlichkeit“. „Antiislamismus“ bezeichnet die Ablehnung des Islamismus (die politische Ideologie), nicht des Islams. Viele der Geflüchteten sind z.B. Muslime und gleichzeitig Antiislamisten.