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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

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Die Weltfußballmeisterschaft der Europamänner hat begonnen. Endlich Zeit, dicke Bretter zu bohren: Gehen wir also mal der Arche auf den Grund, der aktuell in Ipswich auf Anker liegt und dort Strafen ansammelt.

Von Dienstag, 15.06.2021, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 14.06.2021, 9:55 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Da die Weltfußballmeisterschaft der Europamänner nun begonnen hat und das geistige Prekariat vor den Flimmerkisten und sonstigen bildgebenden Apparationen hockt, können wir unter uns endlich die richtig dicken Bretter bohren und Themen behandeln, die dem gewöhnlichen Wald- und Wiesenballhinterhergucker nicht plaisieren. Ein ganzes Jahr habe ich darauf warten müssen.

Vor einigen Jahren hat also ein Holländer, angeblich streng nach den Vorgaben der Bibel, ebenjene dicken Bretter gebohrt und die Arche nachgebaut, die Gott Noah zu bauen befohlen haben soll – obwohl die Geschichte natürlich eigentlich aus dem viel älteren Gilgamesh-Epos abgeschrieben wurde. Nun wäre allein das natürlich noch nicht Grund genug, in dieser kleinen Kolumne aufzutauchen. Auch, dass der Rumpf des Schiffes, streng nach biblischer Vorgabe, aus Stahl gefertigt worden war, der erst ein paar tausend Jahre später überhaupt erfunden wurde – weil das Schiff sonst einfach zerbrochen wäre – ist jetzt noch keine echte Meldung. Dass die Bauer der Arche, die sie als eindeutig missionarisches „Museum“ europaweit von Hafen zu Hafen schleppen, weil sie sich (natürlich) nicht von allein bewegen kann, öffentlich bekunden, dass sie es mit dem Klotz überhaupt nach Norwegen geschafft hätten sei „ein Wunder“ – auch das lässt sich noch unter religiöser Bauernfängerei abhaken.

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Dass aber die Tiere, die man zunächst in der Arche gehalten hatte, ähnlich wie im biblischen Vorbild – auch wenn natürlich zu keinem Zeitpunkt zwei von jeder Art an Bord waren – herausgeschafft werden mussten, weil sie „zu viele Probleme verursachten“, ist schon fast witzig. In der Bibel findet sich zumindest kein Hinweis, dass Noah alle Tiere über Bord geworfen und durch Holzimitate ersetzt hätte.

Noch besser aber: Aktuell liegt die Arche in Ipswich auf Anker und sammelt dort Strafen an, weil sie den Hafen nicht schon längst verlassen hat. Den Hafen verlassen darf sie aber nicht, weil die britischen Behörden der Auffassung sind, dass diese stümperhafte Ansammlung biblischer Planken nicht seetauglich und schon alltäglichem Nordsee-Seegang nicht wirklich gewachsen ist – und daher die Reisenden eine Gefahr für sich und andere sind.

Sicher, Noah hatte Gott auf seiner Seite, als er 950 Jahre jung die Arche fertigstellte (mit Holz, das über die Jahrhunderte des Baus natürlich bereits verrottete), hatte keinerlei Stahl, dafür aber Myriaden von Tieren an Bord und dazu mit einem Sturm zu kämpfen, der sämtliche Pflanzen, Vögel, Fische ertränkte, sowie die gesamte Welt überschwemmte, aber wenn nicht einmal ein zeitgenössischer Arche-tekt mit allen modernen Mitteln in der Lage ist, einen Nachbau ganz ohne Tiere für wenige Tage über die ruhige Nordsee zu schleppen, dann bekomme ich ehrlich gesagt so meine Zweifel an der plagiierten Geschichte.

Was ich sicher weiß: Wäre die Geschichte von der Arche eine aus dem Koran und nicht der Bibel, wer auch immer ein solches missionarisches Museumsschiff in einen europäischen Hafen hätte schleppen wollen, wäre sicherlich auf einer Liste gelandet – aber keine von den guten Listen, auf denen Finnland, Schweden und Norwegen ganz oben stehen.

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