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Christiane Carstensen © privat, Zeichnung: MiG

Sprachhintergrund

Digital literacy – das bedeutet Zeit, Zeit, Zeit, Zeit.

Um nicht alphabetisierte Menschen fit für die digitale Teilhabe zu machen, braucht es Zeit und gut geplanten Unterricht. Bezahlte Vor- und Nachbereitungszeit sind aber immer noch die offenen Flanken der Integrationskurse.

Von Mittwoch, 05.05.2021, 5:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 05.05.2021, 15:53 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Informationen und Leistungen von Behörden, Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt, Mobilität etc. werden seit Jahren zunehmend digitalisiert. Dieser Prozess hat sich unter den Bedingungen der Covid-19-Pandemie sowohl für den privaten als auch den beruflichen Bereich verstärkt – das merken wir alle. Das fängt beim digitalen Bezahlen an und hört bei der Buchung eines Impftermins noch lange nicht auf.

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Seit gut einem Jahr haben wir die Möglichkeit, Integrations- und Berufssprachkurse online durchzuführen. Das BAMF hat schnell und umfassend auf diese Herausforderung mit entsprechenden Angeboten reagiert, Träger und Lehrkräfte ihrerseits haben sehr schnell Kompetenzen und Technik aufgebaut. Trotzdem konnten wir Deutschanfänger und vor allem die sogenannten LbuS-Lernenden – Lernende mit begrenzter oder unterbrochener Schulbildung – aus unterschiedlichen Gründen schlecht erreichen. Ein Grund ist, dass eine geringere literale Grundbildung oft Hand in Hand mit geringeren digitalen Kompetenzen geht.

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„Digital Literacy gehört im Grundbildungskanon verankert. Es gibt zwar bereits gute Angebote, aber vorrangig geht es da um den Umgang mit Lern-Angeboten oder dem Datenschutz. Das reicht nicht aus. Wir müssen dahin blicken, wo sich Digitalität in der Lebenswelt unserer Teilnehmenden zeigt.“

Diese Erfahrung ist ein Auftrag. Oft in Sonntagsreden postuliert, aber dringender denn je: Digital Literacy gehört im Grundbildungskanon verankert. Es gibt zwar bereits gute Angebote, aber vorrangig geht es da um den Umgang mit Lern-Angeboten oder dem Datenschutz. Das reicht nicht aus. Wir müssen dahin blicken, wo sich Digitalität in der Lebenswelt unserer Teilnehmenden zeigt.

Digital literacy steht in einem engen Verhältnis zum Spracherwerb und ist abhängig von den damit verbundenen individuellen Zielen. Dabei ist nichts so dynamisch wie Digitalisierung. Der Unterricht muss sich daher so konkret wie möglich am Bedarf der Teilnehmenden orientieren: Also nicht irgendeinen Fahrkartenautomaten aus dem Lehrbuch oder der Lern-Software besprechen, sondern gemeinsam mit dem Kurs zum Fahrkartenautomaten gehen, ausprobieren und alles eng mit Sprachförderung koppeln. Das, was an Sprache und Erfahrung nicht unmittelbar genutzt und verstetigt wird, wird schnell vergessen.

„Die Integrationskurse platzen mit den vielen Inhalten, die wir vermitteln sollen, zeitlich jetzt schon aus allen Nähten. Wenn Sie zusätzlich digitale Grundkenntnisse vermitteln wollen, fängt das bereits mit der Bedienung der Smartphones an. „

Die Integrationskurse platzen mit den vielen Inhalten, die wir vermitteln sollen, zeitlich jetzt schon aus allen Nähten. Wenn Sie zusätzlich digitale Grundkenntnisse vermitteln wollen, fängt das bereits mit der Bedienung der Smartphones an. Auch wenn fast jeder unserer Teilnehmenden eines hat, heißt das nicht, dass jeder es selbstständig bedienen kann. Wer nicht lesen und schreiben kann, braucht länger, um sich auf einer Tastatur zurechtzufinden oder sich in einer App zu orientieren. Um digitale Teilhabe zu ermöglichen, muss das alles in kleinsten Schritten vermittelt und geübt werden.

Damit das Lernen gelingt, muss ein Dozent den Unterricht sehr sorgfältig planen und jedes Mal neu an den Kurs anpassen. Was bedeutet das für die Integrations- und insbesondere die Alphabetisierungskurse?

Zeit, Zeit, Zeit, Zeit. Zum einen benötigen die Lernenden mehr Unterrichtszeit, also ein höheres Stundenkontingent, um auch in der digitalen Welt sprachlich teilhaben zu können. Aber auch die Dozenten benötigen unter diesen verdichteten Anforderungen mehr denn je Zeit, um digital literacy und Spracherwerb möglichst effizient und präzise miteinander zu verzahnen. Diese intensive Vor- und Nachbereitungszeit muss endlich bezahlt werden. Ein ferner Traum, denn die Finanzierung der Integrationskurse ist nach wie vor allein auf die durchgeführte Unterrichtszeit ausgelegt.

Meinung
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