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Christiane Carstensen © privat, Zeichnung: MiG

Sprachhintergrund

Perfekte Ausrüstung am Ende des Weges

Ich weiß nicht, welche Fortbildungen in Ihrer Branche aktuell Priorität haben, aber Digitalisierung ist wahrscheinlich vorne mit dabei. Bei uns von den Deutschkursen nicht so.

Von Mittwoch, 24.03.2021, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 22.03.2021, 10:52 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

2016 wurden vom Bund sogenannte Berufssprachkurse eingeführt, in denen Lehrkräfte Migranten auf Deutsch im Beruf vorbereiten. Tolle Sache, aber die Einführung dieser Kurse kam gefühlt über Nacht. Es gab keine Lehrwerke oder Prüfungsformate, die Übergänge zwischen den Niveaustufen passten nicht und die Dozenten mussten das tun, was sie immer tun: Ärmel hochkrempeln, eigene Materialien entwickeln, Lehrwerke ergänzen, Übergänge glätten, sich auf eigene Kosten fortbilden…

Das war anstrengend und teuer, aber allmählich bekamen die Kollegen Erfahrung mit diesen Kursen und gewannen an Expertise. Seit dem Herbst 2020 haben das BMAS und das BAMF für diese Berufssprachkurse nun nach einem sehr langen Planungsvorlauf eine eigenständige Qualifizierung eingesetzt, die sogenannte „Zusatzqualifizierung Berufssprachkurse“. Bis auf wenige Ausnahmen muss jeder Dozent für Berufssprachkurse diese Zusatzqualifizierung bis zum 01.01.22 absolviert haben – selbst wenn man schon seit Jahren in diesen Kursen unterrichtet. Hochschulabschlüsse aus einschlägigen Deutsch-als-Zweitsprache-Studiengängen werden nicht anerkannt, der Umfang ist mit 160 Unterrichtseinheiten für eine berufsbegleitende Pflichtfortbildung außerordentlich hoch und die Frist, so etwas bundesweit für mehrere Tausend Lehrkräfte umzusetzen, sehr knapp. Und als wenn das nicht reicht, sind bundesweit kaum noch freie Plätze zu bekommen und Kollegen bangen um ihre berufliche Existenz.

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„Warum ausgerechnet jetzt unter Corona, mit diesem immensen Druck, diesem immensen Aufwand? Wir haben im Moment ganz andere Themen, zu denen wir uns fortbilden müssten.“

Verstehen Sie mich nicht falsch, Fortbildungen sind großartig und wichtig. Aber wenn diese Qualifizierung jetzt sowieso schon um Jahre verspätet kommt: Warum ausgerechnet jetzt unter Corona, mit diesem immensen Druck, diesem immensen Aufwand? Wir haben im Moment ganz andere Themen, zu denen wir uns fortbilden müssten.

Wir müssen unsere Teilnehmenden während der Pandemie umfassend mit guten digitalen Unterrichtskonzepten begleiten und zielgerichtete Digital Literacy-Formate entwickeln. Egal, ob es sich dabei um einen irakischen Landwirt ohne formale Schulbildung, der sich alphabetisieren möchte oder eine syrische Ärztin in einem C1 Kurs handelt. Gerade bei Alphabetisierungs- und allgemeinen Integrationskurse ist noch Luft nach oben, zufrieden können und wollen wir nicht sein. Wir bräuchten dringend Fortbildungen, Austausch mit Wissenschaft, best-practise, kollegialen Austausch, Reflexion…

Es sind nicht nur die Lehrkräfte, die durch diese Pflicht-Qualifizierung für jede andere Fragestellung blockiert sind, sondern auch die Qualifizierenden und Fortbildungseinrichtungen, die wie am Fließband eine Zusatzqualifikation nach der anderen umsetzen müssen und deren Expertise und Kapazitäten uns nun fehlen.

Ob traumasensibler Unterricht für Geflüchtete oder Digital Literacy: Wir benötigen ein verstetigtes und finanziertes Fortbildungsangebot eng am Bedarf. Die Konzepte müssen nicht 100 Prozent perfekt sein, aber uns zur Verfügung stehen, wenn wir sie benötigen. Unser Bereich ist extrem dynamisch, nicht nur unter Corona. Wir brauchen Fortbildungen, die uns auf unserem Weg begleiten und sich vielleicht auch mal mit uns verlaufen, statt am Ende des Weges perfekt ausgerüstet jahrelang auf uns warten.

Wie sagte der BioNTech-Gründer Uğur Şahin so schön: „Pragmatismus ist nicht das Gegenteil von Perfektionismus, sondern der Weg dorthin.“

Meinung
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