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Ditib Moschee in Köln © Jan Maximilian Gerlach @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Studie

Jede dritte Muslimin befürchtet Nachteile durch Kopftuch

Die Neuauflage der Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ aktualisiert die Datenlage: Der Anteil der Muslime in Deutschland liegt bei 6,4 Prozent, jeder Zweite ist Deutscher und jeder Dritte fühlt sich von einem Islam-Verband vertreten.

Donnerstag, 29.04.2021, 5:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 29.04.2021, 11:07 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Religion spielt einer aktuellen Studie zufolge bei der Integration von Menschen aus muslimisch geprägten Ländern eine geringere Rolle als oft angenommen. Die Dauer des Aufenthalts, die Gründe für die Migration und die soziale Lage seien bedeutender, sagte der Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Hans-Eckhard Sommer, am Mittwoch bei der digitalen Vorstellung der Studie. Die Untersuchung „Muslimisches Leben in Deutschland“ wurde vom Forschungszentrum des Bundesamtes im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz vorgenommen.

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In Deutschland lebten laut der Studie im Jahr 2019 etwa 5,3 bis 5,6 Millionen Menschen muslimischen Glaubens, was einem Anteil von 6,4 bis 6,7 Prozent an der Bevölkerung entspricht. Die Einwanderer grenzten sich nicht sozial ab, sondern fühlten sich mit Deutschland verbunden, sagte Sommer. Wenn Muslime in einen Verein eintreten, wählten sie meist deutsche Vereine. Zwei Drittel geben demnach an, dass sie im Freundeskreis häufig Kontakt zu Menschen deutscher Herkunft haben und wünschen sich davon mehr.

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Jeder Dritte fühlt sich von Islam-Verbänden vertreten

Überraschend: Mehr als ein Drittel der Muslime (38 Prozent) fühlen sich der Studie zufolge durch mindestens einen islamischen Verband in Deutschland ganz oder teilweise vertreten. Vor allem unter „Muslimen, die aus der Türkei stammen, ist der Vertretungsgrad hoch: 40 Prozent sehen ihre Interessen durch mindestens einen Verband vollständig und weitere 18 Prozent zumindest teilweise gewahrt“, heißt es in der Studie.

Die Zahlen überraschen, weil insbesondere die Politik in der Vergangenheit oft mit Verweis auf die mangelnde Repräsentanz der islamischen Verbände Kooperationen und Zusammenarbeit ablehnt hat. Die Studie bildet laut Staatssekretär Markus Kerber „eine aktuelle Grundlage für die Integrations- und Religionspolitik der Bundesregierung und somit auch für die künftige Arbeit der Deutschen Islam Konferenz.“

Jeder Vierte betet nie

Im Rahmen der Studie wurden auch der Bekanntheits- und Vertretungsgrad von islamischen Verbänden erfragt. Den höchsten Bekanntheitsgrad weisen den Angaben zufolge die drei türkisch geprägten Verbände Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB; 42 Prozent), Islamische Gemeinschaft Millî Görüş e.V (IGMG; 33 Prozent) und die Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF; 32 Prozent) auf.

Menschen, deren Familien aus muslimisch geprägten Herkunftsländern eingewandert sind, sind laut der Studie deutlich religiöser als Personen, die keinen Einwanderungshintergrund haben. 82 Prozent der Muslime halten sich für sehr gläubig oder gläubig. Allerdings halten nur 39 Prozent das tägliche Gebet für nötig. 25 Prozent beten nie.

Jede Dritte befürchtet Nachteile durch Kopftuch

Studienleiterin Anja Stichs berichtete, dass nur 30 Prozent der Frauen aus muslimisch geprägten Ländern ein Kopftuch tragen, in Mehrheit Frauen über 66 Jahren. Musliminnen, die keines tragen, gaben häufig an, sie fänden es zur Ausübung des Glaubens nicht nötig (77 Prozent). Auf der anderen Seite führten fast alle kopftuchtragenden muslimischen Frauen religiöse Pflicht (89 Prozent) als Begründung an.

Erwartungen im Familien- oder Bekanntenkreis wurden den Angaben zufolge jeweils von weniger als 5 Prozent als Grund für das Tragen des Kopftuchs geäußert. Musliminnen, die Kopftuch tragen oder nicht, geben mehrheitlich eigenmotivierte Gründe an. „Dass mehr als ein Drittel [35 Prozent, Anm.d.R.] aller muslimischen Frauen, die kein Kopftuch tragen angibt, dies unter anderem aufgrund der Befürchtung von Nachteilen oder gar Belästigungen nicht zu tun, sollte vor dem Hintergrund der freien Religionsausübung in Deutschland zum Nachdenken anregen“, heißt es in der Studie.

Muslime jung und deutsch

Wie aus der Studie außerdem hervorgeht, bilden muslimische Religionsangehörige eine relativ junge Bevölkerungsgruppe; fast die Hälfte hat die deutsche Staatsangehörigkeit, 21 Prozent der muslimischen Religionsangehörigen sind Kinder oder Jugendliche im Alter von unter 15 Jahren. Weitere 22 Prozent sind zwischen 15 und 24 Jahre alt. Nur 5 Prozent sind älter als 64 Jahre. Zum Vergleich: Bei der Gesamtbevölkerung ist der Anteil der über 64-Jährigen mit 21 Prozent mehr als viermal so hoch.

„Ein wichtiges Ergebnis im Hinblick auf die Sozialstruktur ist zudem, dass fast die Hälfte der Musliminnen und Muslime in Deutschland deutsche Staatsangehörige sind (47 Prozent). Bei Kindern und Jugendlichen im Alter von unter 18 Jahren sind es sogar 68 Prozent.“, so die Studienautoren. (epd/mig)

Gesellschaft Leitartikel
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