Nadine Mena Michollek, Kolumne, Migazin, Sinti, Roma
Nadine Mena Michollek © privat, Zeichnung: MiG

Romani Perspectives

Lieber WDR, ich nehme Deine Rassismus-Entschuldigung nicht an

Dass Betroffene fehlten, war nicht das einzige Problem: Die Sendung reproduzierte rassistische Stereotype über Sinti:zza und Rom:nja - und war genau so geplant. Deswegen, lieber WDR: Deine Entschuldigung reicht nicht.

Von Dienstag, 02.02.2021, 11:40 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 28.05.2021, 10:37 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |  

In der WDR-Talkshow „Die letzte Instanz“ sollen prominente Gäste kontroverse Themen unterhaltsam diskutieren. Die jüngst ausgestrahlte Sendung (Wdh. vom 30.11.2020) war allerdings alles andere als unterhaltsam – zumindest für von Rassismus betroffene und/oder rassismuskritische Menschen. In der ausgestrahlten Sendung diskutierten die Anwesenden, ob es denn wirklich nötig wäre, Begriffe wie „Z*******schnitzel“ oder „M*****kopf“ nicht mehr zu verwenden. Die durchweg weißen Gäste – Micky Beisenherz, Thomas Gottschalk, Janine Kunze und Schlagersänger Jürgen Milsk – verteidigten unreflektiert und relativierend die rassistischen Begriffe und erklärten wie übertrieben es sei, sich damit auseinanderzusetzen. Das gab viel Kritik in Social-Media-Kanälen.

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„Der WDR hat sich mittlerweile entschuldigt und sagt, die Sendung sei nicht so gelaufen, wie man es geplant und sich vorgestellt habe. Problematisch war allerdings das gesamte Konzept und der Einspieler – und dieser war geplant und bewusst so produziert.“

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Der WDR hat sich zwar mittlerweile für die Zusammensetzung der Gäste entschuldigt und sagt, die Sendung sei nicht so gelaufen, wie man es geplant und sich vorgestellt habe. Allerdings waren nicht nur die Aussagen der Gäste problematisch, sondern auch das Konzept und der Einspieler – und dieser war eben nicht „nicht so gelaufen, wie man es geplant und sich vorgestellt habe“, sondern für die Sendung bewusst genau so produziert. Ich habe 16 Personen im Abspann gezählt, die an der Produktion beteiligt waren. 16 Personen und keinem davon ist anscheinend in den Sinn gekommen, dass Inhalt und Konzept der Sendung problematisch sein könnten. Stattdessen hat man sich sogar dafür entschieden, die ganze Sendung zwei Monate später zu wiederholen.

Vor allem der Einspieler der Diskussionsrunde hat es in sich. Dieser soll wohl humorvoll die Diskussion einleiten, reproduziert aber vor allem rassistische Stereotype über Sinti:zza und Rom:nja.

Der Einspieler beginnt mit der Frage „Was ist der politisch korrekte Ausdruck für ‚Z*******sauce‘?“ und antwortet sogleich „Sauce ohne festen Wohnsitz.“  Dabei spielt der Einspieler auf den „Witz“ an, den Barbara Schöneberger letztes Jahr im September bei der Verleihung des Deutschen Radiopreises machte. Dafür kassierte Schöneberger damals viel Kritik, unter anderem vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. Diese Kritik wird anschließend im Einspieler ins Lächerliche gezogen mit der Aussage: „Hahaha. Ein Riesenbrüller von Barbara Schöneberger und ein Riesengebrüll im Anschluss“; dabei wird Barbara Schöneberger gezeigt, die ein Schild mit „#oje“ hochhält.

Damit es allen klar ist, hier einmal Antiziganismus für Anfänger: Der „Witz“ „Sauce ohne festen Wohnsitz“ reproduziert das jahrhundertealte antiziganistische Stereotyp der angeblichen Wohnungslosigkeit von Sinti:zza und Rom:nja. Das Stereotyp hat nichts mit der Realität der Sinti:zza und Rom:nja gemein. Bis heute lebt nur ein sehr geringer Teil der Minderheit nicht dauerhaft ortsgebunden.

„Wenn ein weißer Deutscher auf „Vanlife“ steht, keinen festen Wohnsitz hat und mit seinem Camper durch die Gegend reist, heißt das noch lange nicht, das alle weißen Deutschen so leben. Wenn ein Rom reist, wird diese Eigenschaft jedoch der gesamten Gruppe der Sinti:zza und Rom:nja zugeschrieben.“

Und für alle, die sich jetzt empören, man werde direkt zum Rassisten abgestempelt, hier einmal Rassismuskritik für Anfänger mit der Erklärung, warum der Witz rassistisch ist: Rassismus ist ein System, bei dem die dominante Gruppe der dominierten Gruppe ein Set von Eigenschaften zuschreibt, die zum Wesen der Gruppe gemacht werden (hier zum Beispiel die nomadische Lebensweise). Die dominante Gruppe sichert sich selber die Eigenschaften, die ihre Dominanzposition unterstreichen. Die Eigenschaften der dominanten Gruppe sind dabei flexibel, die der dominierten Gruppe nicht. Das heißt konkret: Wenn ein weißer Deutscher auf „Vanlife“ steht, keinen festen Wohnsitz hat und mit seinem Camper durch die Gegend reist, heißt das noch lange nicht, das alle weißen Deutschen so leben. Wenn ein Rom reist, wird diese Eigenschaft jedoch der gesamten Gruppe der Sinti:zza und Rom:nja zugeschrieben. Was Rassismus ist, habe ich an dieser Stelle sehr heruntergebrochen. Die Professorin Maureen Maisha Auma hat das ausführlicher behandelt.

„Aber nicht nur die Sprache des Trailers, auch die Bilder sprechen für sich. Der Satz „Na dann prost, jetzt kann man nicht mal mehr „Z******“ sagen,“ wird im Trailer mit einem Bild gezeigt, wie sich die Dominanzgesellschaft die Bevölkerungsgruppe der Sinti:zza und Rom:nja vorstellt – nicht wie Sinti:zza und Rom:nja sind.“

Der Einspieler endet mit: „Na dann prost! Jetzt kann man nicht mal mehr ‚Z*******‘ sagen, ohne direkt im Verdacht zu stehen, selbst kräftig braune Sauce anrühren zu wollen.“ Und ja, man kann nicht einfach bewusst weiter den Begriff „Z******“ benutzen, ohne dass das als rassistisch angesehen wird. Der Begriff ist eine rassistische Fremdbezeichnung. Warum das so ist, habe ich bereits in einer früheren Kolumne erklärt. Wenn man sich trotz der rassistischen Vergangenheit des Begriffs, und obwohl sich Menschen dadurch diskriminiert fühlen, dazu entscheidet, den Begriff weiterzuverwenden, entscheidet man sich eben für einen rassistischen Begriff und dazu, weiterhin Menschen damit zu diskriminieren.

Aber nicht nur die Sprache des Trailers, auch die Bilder sprechen für sich. Der Satz „Na dann prost, jetzt kann man nicht mal mehr „Z******“ sagen,“ wird im Trailer mit einem Bild gezeigt, wie sich die Dominanzgesellschaft die Bevölkerungsgruppe der Sinti:zza und Rom:nja vorstellt – nicht wie Sinti:zza und Rom:nja sind. Repräsentativ für die Bevölkerungsgruppe der Sinti:zza und Rom:nja wird eine „einfache“ Frau mit einem bunten Kopftuch und aufgehängter Wäsche im Hintergrund eingeblendet. Ein Bild wie es in zahlreichen Berichterstattungen über Sinti:zza und Rom:nja gezeigt wird. Im Gesamtkontext des Einspielers wird die Frau auf abwertende Weise dargestellt. Sie mit einer Flasche Bier am Mund abzubilden, verweist indirekt auf das antiziganistische Stereotyp „arbeitsscheu“ zu sein. Auch hier schreibt die Dominanzgesellschaft, in diesem Fall die WDR-Redakteure:innen, bestimmte Eigenschaften der Bevölkerungsgruppe der Sinti:zza und Rom:nja zu. Die Zuschauer:innen wissen genau für welche Gruppe diese Frau repräsentativ stehen soll. Denn mit diesen antiziganistischen Bildern sind sie groß geworden und der WDR hält sie weiter aufrecht.

„Das erschreckende daran ist, dass es scheinbar den vielen Mitarbeiter:innen der Sendung nicht aufgefallen ist. Keiner der mindestens 16 Beteiligten hat bemerkt, dass die Zusammensetzung der Gäste problematisch ist und rassistische Inhalte reproduziert werden.“

Das erschreckende daran ist, dass es scheinbar den vielen Mitarbeiter:innen der Sendung nicht aufgefallen ist. Keiner der mindestens 16 Beteiligten hat bemerkt, dass die Zusammensetzung der Gäste problematisch ist und rassistische Inhalte reproduziert werden. Traurigerweise hat sich bei der ersten Ausstrahlung wohl auch keiner der Zuschauer:innen an der Sendung gestört. Wie kann das sein?

Die fehlende rassismuskritische Perspektive der Redaktion zeigt sich auch noch mal am Ende der Sendung, wenn alle über die Frage abstimmen dürfen: „Das Ende der Z*******sauce: Ist das ein notwendiger Schritt?“ Aufgrund des Corona-Lockdowns stimmen nur die Mitarbeiter:innen der Sendung selbst im Saal ab und keine Gäste von außerhalb. Alle außer eine Person halten die roten Karten hoch und stimmen damit für nein. Ein trauriges Ergebnis, das nicht nur von fehlender Diversität in der Redaktion zeugt. Es ist auch die Verantwortung eines jeden weißen Redakteurs, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen.

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MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)

  1. balaban sagt:

    Um die Hintergründe zu verstehen, warum der WDR so agiert, ist dieser Artikel vom RND sehr deutlich. Damit wird die Debatte von einzelnen rassistischen und diskriminierenden Begrifflen eingeordnet in eine ziemlich rechte Entwicklung des WDR, was aber gut auch auf andere Sender der Medienlanschaft übertragbar ist.

    Es ist wirklich kurz gegriffen, wenn nur im Germansprech „Einzelfälle“
    sich immer wieder angeschaut werden. Berechtigt ist die Kritik auf jeden Fall, aber ohne schmerzhafte Konsequenzen, die folgen müssten, heißt es, warten auf den nächsten Skandal…
    Vielmehr sind eine systematische Einordnung und Konsequenzen, Forderungen gefragt.
    Ein Vorschlag: Warum fordert niemand z.B. Michel Abdollahi oder Banu Güven zum Intendanten zu machen? Tom Bihrow hat sich längst disqualifiziert. Warum versagt der Rundfunkbeirat mit seiner Zusammenstellung immer wieder bei der Auswahl von Programmen?

    https://www.rnd.de/medien/der-wdr-und-seine-meinungs-shows-unwurdiges-trash-tv-VDIICK2U25AVLEYMOTU4D65DJI.html