Nadine Mena Michollek, Kolumne, Migazin, Sinti, Roma
Nadine Mena Michollek © privat, Zeichnung: MiG

Romani Perspectives

Roma- und Sinti-Sauce für 88 Cent

Als der Lebensmittelhersteller „Knorr“ bekannt gab, dass er seine „Zigeunersauce“ umbenennt, gab es viel Kritik. Ich als Romni finde die Umbenennung überfällig.

Von Donnerstag, 20.08.2020, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 20.08.2020, 16:37 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Knorr benennt die „Zigeunersauce“ um. Von nun an soll sie „Paprikasauce Ungarischer Art“ heißen. Das teilte der Mutterkonzern Unilever der Bild am Sonntag mit. Weitere Anbieter planen ebenfalls eine Umbenennung. Viele Rom:nja wie ich denken jetzt: Endlich! Jedes Mal, wenn ich im Supermarkt bei den Grillsaucen stand, hat mich diese rassistische Fremdbezeichnung getroffen. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung.

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Und dennoch: Auf Social-Media-Kanälen schreien mir rassistische und verletzende Kommentare von Leuten entgegen, die so gar nicht mit Knorrs Entscheidung einverstanden sind. Beispielsweise von diesen beiden Herren.

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Facebook, Rassismus, Nazis, Rechtsextremismus, Zigeunersauce

Screenshot aus Facebook. Die Zahl 88 steht für zwei mal den 8. Buchstaben des Alphabetes und dient unter Nazis als Abkürzung für den Gruß „Heil Hitler“.

Abgesehen von diesen offen rassistischen Kommentaren gibt es natürlich noch solche, die betonen wie überzogen das Ganze ist. Da wird dann gefragt, wo wir denn damit hinkommen würden, in Deutschland dürfe man ja bald gar nichts mehr sagen und bald könne man noch nicht mal mehr den Begriff Pizza Hawaii benutzen.

Klar, da werden jetzt Leute sagen: „Ach ja, Social Media, da tummeln sich halt viele rassistische Idioten.“ Aber nein, so einfach ist das nicht. Ähnliche Kommentare darf ich mir auch in meinem persönlichen Umfeld anhören. Von meinen Kommilitonen:innen. Von studierten Menschen, die zum Teil selbst People of Color sind. In der Universitätsbibliothek hörte ich beispielsweise wie sich eine Kommilitonin darüber aufregte, dass die Sauce umbenannt wird. Wo wäre denn das Problem mit dem Begriff, das wäre übertrieben und Sinti und Roma selbst würde das ja noch nicht mal stören.

Damit mal eines klar ist: die meisten von unserer Community stört das. Das „Forum für Sinti und Roma“ aus Hannover forderte Knorr schon 2013 auf den Namen zu ändern. Bereits beim ersten Welt-Roma-Kongress 1971 beschlossen die Teilnehmenden diskriminierende Fremdbezeichnungen durch die Selbstbezeichnung „Roma“ abzulösen. Viele von uns haben sehr verletzende Erfahrungen mit dem Begriff machen müssen. Ich wurde als Kind von anderen Kindern als „Scheiß Zigeuner“ beschimpft. Fast alle in unserer Community – auch ich – haben Verwandte, die Opfer des nationalsozialistischen und faschistischen Genozids waren. Die Nazis tätowierten Sinti:zza und Rom:nja in Auschwitz ein Z mit einer Nummernserie auf den Arm. Das Z stand für „Zigeuner“.

Also liebe Saucen-Hersteller nehmt euch mal ein Beispiel an Knorr und benennt auch eure rassistischen Saucen endlich um!

PS: Sinti und Roma-Sauce wäre auch nicht besser. Denn die Sauce hat ihren Ursprung nicht in der Küche der Sinti:zza und Rom:nja. „Die“ Küche der Sinti:zza und Rom:nja gibt es übrigens sowieso nicht. Wir sind eine sehr heterogene Community. Das eine scharfe Sauce mit der Bevölkerungsgruppe der Sinti:zza und Rom:nja in Verbindung gebracht wird, zeigt doch ebenfalls die Reproduktion eines rassistischen Stereotyps: das der „feurigen Zigeunerin“.

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  1. Gerrit sagt:

    Vorab: Ich bin absolut GEGEN Rassismus jeder Art gegen welche Gruppe /Ethnie und/oder Religion auch immer.

    Aber man kann es auch übertreiben. Die Frage ist doch wohl eher, was mit einzelnen Begriffen oder Namen in Zusammenhang gebracht wird. Und wenn das rassistische Folgen hat, ist es doch wohl mehr eine Frage und ein Problem der Erziehung.

    Als Kind waren für mich Begriffe wie „Negerkuss“ oder „Mohrenkopf“ völlig normal. Nie habe ich dabei etwas schlechtes oder gar rassitisches gedacht. Warum auch?

    In Balkan-Restaurants gab es früher ein Gericht „Lustiger Bosniak“ – das war nichts anderes als ein „Cordon bleu“. Hat keinen gestört ,man kam aber auch nicht auf die Idee, daß man einen Bosniaken verspeist.

    Beispiele dieser Art gibt es sicherlich viele. Überspitzt ausgedrückt, dürften wir dann die „Katzenpfötchen“ von Katjes auch nicht mehr so nennen – wer ißt schon Katzen? Was machen dann demnächst die Bäcker mit „Berliner“ oder „Amerikanern“?

    Für mich und viele andere sind es „gewachsene Begriffe“, die einfach da sind. Diejenigen die rassistische Merkmale daraus ziehen, haben ein grundsätzliches Problem mit Rassismus, unabhängig von irgendwelchen Begriffen. Und dagegen muss man etwas tun.

    Man weiß ja bald nicht mehr, welche Worte noch korrekt sind. Ich habe beispielsweise als Flüchtlingshelfer sehr viel mit Menschen aus Afrika zu tun. Was sagt man jetzt zu denen? „Schwarzafrikaner“? Neulich habe ich gelesen, das wäre auch nicht richtig, denn dann gäbe es ja auch „Weißeuropäer“ – und das stimmt ja so nicht!
    Meine Mutter, gebürtig aus Ostpreußen, pflegte uns oft mit „Lorbass“ zu titulieren. Diese oft benutzte liebevolle Umschreibung für „Lümmel“ (denn das waren wir ja) konnte man aber auch mit dem Wort „Taugenichts“ in Verbindung bringen. Es kam schlicht auf die Situation an und den Zusammenhang, in dem das Wort benutzt wurde.

    Antirassismus bzw. Respekt vor Anderen kann man nicht erzwingen. Das muss man leben und u.a. Kindern beibringen. Bloß weil man Worte streicht oder verteufelt, ändert man nichts.

    Viel wichtiges ist Aufklärung und Lehren ziehen aus den Fehlern der Vergangenheit. Viel schlimmer ist es m.E., wenn beispielsweise die NS-Zeit in Vergessenheit gerät und viele andere Verbrechen in der Menschheitsgeschichte an Minderheiten! Daran sollten wir arbeiten und Lehren daraus ziehen!