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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Little Britain

Donald Trump wollte mehr Einwanderer aus Norwegen als aus "shithole countries". Und Kleinbritannien wollte einen great Deal. Die "Moral" dieser Geschichten sind Bayern und China.

Von Dienstag, 26.01.2021, 5:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 25.01.2021, 15:41 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |   Drucken

Als Donald Trump vor wenigen Jahren erklärte, er wolle mehr Einwanderer aus Norwegen in seinem Land, als aus „shithole countries“ („Scheißlöcher“), gab es einen großen Aufschrei – insbesondere im ach so zivilisierten Europa wurde die Nase gerümpft angesichts solcher Formulierungen. Und dann?

Ausgerechnet die Bayern, die ansonsten an jeder Ecke über „Wirtschaftsflüchtlinge“ jammern – auch nur ein Chiffre für „Einwanderer aus Scheißlöchern“ – müssen sich da gedacht haben, dass ein bisschen humanitäre Imagepflege sicher nicht schaden könne. Und so haben sie sich dann auch gleich zwei prominente Wirtschaftsflüchtlinge aus Scheißlöchern ins Land geholt – der Södermarkus will ja schließlich Kanzler werden.

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Zum Einen ist da Maha Vajiralongkorn, für den die Bayern sogar die Corona-Regeln ausgesetzt haben, damit dieser sich mit einem Tross in einem Hotel in Tutzing einnisten kann, um nicht in seinem „Scheißloch“ leben zu müssen, dessen König er ist. Zum Anderen ist da noch der Dirigent Simon Rattle, der auch gleich noch die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen will, um nicht mehr im Scheißloch Kleinbritannien leben zu müssen, und der nun in München einäm anständigen Deutschn dän Job wägnähmen wird: Man könnte angesichts dessen andererseits auch schon fast vermuten, bei all dem Münchener Stammtischgeseiere gehe es am Ende vielleicht doch gar nicht wirklich um wirtschaftlich bedingte Flucht oder um „die Ausländer“ per se, sondern eigentlich nur um die „Kameltreiber“, um die „Z…“ und um die „N…“ – allerdings wäre das Rassismus, und in der CSU wird es doch keine Rassisten geben…?

Apropos Kleinbritannien: „Blas dich nicht auf, sonst bringet dich / zum Platzen schon ein kleiner Stich.“ Was Nietzsche dereinst schrieb, war wohl selten so zutreffend wie auf das heutige Britannien.

Im „Channel“ wird mittlerweile klar, dass das „hervorragende“ Abkommen, dass die Briten da mit der EU geschlossen haben und um so vieles besser ist, als die EU-Mitgliedschaft, eher ein großes Hemmnis ist. So groß, dass viele schottische und englische Fischer gar nicht mehr auslaufen, dass Fleisch und andere Frischwaren teils nicht mehr transportiert werden, weil sie an der Grenze verfaulen, dass ganze Speditionsunternehmen den Transit über den Kanal eingestellt haben. Gleichzeitig stehen Verhandlungen über die Dienstleistungsbranche, die vom bisherigen Abkommen ausgeklammert war und für die Briten von besonders hoher Bedeutung ist, überhaupt erst noch an. Die Briten sind hier allein auf den guten Willen der EU angewiesen sind, für die es beispielsweise nicht annähernd so wichtig ist, in Großbritannien anbieten zu können, wie für die britische Börse, Zugang zum Festland zu haben.

Die Experten der britischen Verwaltung raten auch deshalb selbst mittelständischen Unternehmen hinter vorgehaltener Hand bereits dazu, neue Unternehmen in der EU zu gründen, um zumindest einige Folgen des Brexits abzufedern. Und die Schotten haben gerade verkündet, dass der ganze Brexit ein so dermaßen tiefer Griff ins Klo war, dass die Nationalpartei bei einem Wahlsieg im Mai ein Unabhängigkeitsreferendum auch dann veranstalten werde, wenn die Engländer dem nicht zustimmen sollten.

„Global Britain“, die Idee der Brexiteers erweist sich somit schon nach wenigen Wochen vollendetem Brexit als der Hirnfurz, den alle vorhergesehen haben – was BoJo natürlich nicht anficht. Der hat gerade verkündet, dass er, anders als der Rest der Welt, der EU-Delegation im UK den Diplomatenstatus verweigern will. Boris mag darin vielleicht eine Machtgeste erkennen, die zudem verhindern soll, dass die EU im UK mit einer Stimme spricht. Doch erstens hat sich die EU schon in den Jahren der Transition nicht auseinanderdividieren lassen und zweitens ist die Außenwirkung eher die eines Kindes, dass an der Supermarktkasse keinen Schokoriegel bekommt.

Auch den Bündnispartner USA, der mittlerweile wieder von einem Erwachsenen geführt wird – schon das ein Rückschlag für Boris – wird das eher verstören. Joe Biden hat bereits vor Amtsantritt klargemacht, dass die Zusammenarbeit mit dem Kontinent Europa für ihn wichtiger ist, als die mit einer popeligen kleinen Insel an dessen Peripherie. Das britische Königreich beraubt sich mit dieser kleinen Geste also an diesem entscheidenden Punkt in seiner Geschichte der Option, als verlässliches Scharnier zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und von Europa zu fungieren, und zumindest so den Anschein einer global wirkmächtigen Nation zu erzeugen.

Die EU täte gut daran, die Briten für den fehlenden Respekt gegenüber der EU zu maßregeln und sie zu disziplinieren. Die EU darf sich von einem Kleinstaat nicht so auf der Nase herumtanzen lassen, schon um andere Sektierer nicht zu ermutigen. Interessanterweise drängen sich dafür nicht nur die anstehenden, für die Briten wirtschaftlich enorm wichtigen, Verhandlungen auf, Nicola Sturgeon liefert auch den passenden Anlass, den Briten den Brexit mit selber Münze heimzuzahlen. Die EU muss die Gelegenheit nutzen, den Briten das Unabhängigkeitsreferendum der vom Brexit in Geiselhaft genommenen Schotten als Voraussetzung für weitere Verhandlungen abzuringen.

Die EU könnte damit Zeichen setzen:

Neben den Positiven, dass sich die EU für die Rechte auch von Menschen außerhalb der EU einsetzen kann, deren Bild im europa-positiven Schottland dadurch sicher noch bessert (was den Chancen auf ein positives Referendum sicher auch nicht schadet), setzt es aber auch andere, härtere Signale: Wer austritt, kann nicht damit rechnen, dass seine territoriale Integrität nicht zu Disposition steht – wir sind über die Ära der Nationalstaaten weit genug hinaus, um nicht auch Katalanen, Basken und Galizier oder auch Sizilianer, Veneter und Sarden willkommen zu heißen, selbst wenn Rom oder Madrid uns den Rücken kehren. Über die Waliser wird nebenbei auch noch zu reden sein.

Nicht zuletzt kann die EU damit eine persönliche Fehde beenden. Boris Johnson, dessen Karriere als Lügen zusammendichtender Journalist in Brüssel begann und der bis zum heutigen Tag jedweden Anstand vermissen lässt, würde – statt als Geburtshelfer von Global Britain – als Totengräber des Vereinten Königreichs in die Geschichte eingehen.

Zuletzt nämlich würde die EU auch ein globales Signal senden: Wir sind endlich wirklich bereit, unsere gebündelte Macht in die Waagschale zu werfen. Wir sind nicht nur ein Haufen unbedeutender Kleinstaaten mit je ein paar Millionen Einwohnern: zusammen sind wir eine halbe Milliarde und wir haben mitzureden. Gesten wie diese sind in einer Welt, in der Eurasien aufgrund der Unfähigkeit oder des fehlenden Willens der USA zunehmend von China dominiert wird, nicht zu unterschätzen – weil es diese Gesten sind, die China versteht.

Meinung
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  1. Martina Heigel sagt:

    ohh und das ist unsere „Politik“..