Synagoge, Tallit, Juden, Religion, Antisemitismus
Jüdisches Leben © barakbro @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

"Schalömchen"

Jubiläumsjahr feiert 1.700 Jahre jüdisches Leben

Seit 1.700 Jahren leben nachweislich Juden in Deutschland. Das wird 2021 mit einem bundesweiten Festjahr gefeiert. Rund 1.000 Veranstaltungen präsentieren jüdisches Leben als Bestandteil der deutschen Kultur heute. Den Auftakt bildet ein Festakt in Köln.

Von Donnerstag, 21.01.2021, 5:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 21.01.2021, 14:14 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

„Schalömchen Köln“: Mit dieser Aufschrift und einem blauen Davidstern grüßt die Straßenbahn, die durch die Domstadt am Rhein rattert. Sie weist auf ein Festjahr hin, das jüdisches Leben in Deutschland mit mehr als 1.000 Veranstaltungen bundesweit sichtbar machen soll. Anlass ist das 1.700. Jubiläum des ersten urkundlichen Nachweises jüdischen Lebens in Mitteleuropa. Am 11. Dezember 321 hatte der römische Kaiser Konstantin die Stadtoberen in Köln per Edikt angewiesen, Juden Bürgerrechte einzuräumen, unter anderem die Ausübung öffentlicher Ämter.

„Wenn wir auf diese 1.700 Jahre zurückblicken, sehen wir, wie prägend jüdisches Leben für die deutsche Kultur war“, sagt Joachim Gerhardt, zweiter Vorsitzender des Vereins „321-2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, der das Jubiläumsjahr organisiert. „Das Festjahr soll die Wertschätzung dafür deutlich machen.“ An dem kulturellen Programm beteiligen sich bundesweit nicht nur Synagogen-Gemeinden, sondern auch Privatinitiativen, Kultureinrichtungen oder Schulen. Geplant sind unter anderem Ausstellungen, Konzerte, Theater- und Tanzaufführungen sowie Vorträge und Diskussionsveranstaltungen. Bund, Länder und Kommunen fördern das Programm mit insgesamt 25 Millionen Euro.

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Auftakt ohne Publikum

Den Auftakt des Jubiläumsjahres bildet am 21. Februar ein Festakt in Köln, bei dem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als Redner erwartet wird. Wegen der Pandemie findet die Veranstaltung ohne Publikum statt, wird aber in der ARD live übertragen. Dem Verein sei es bei der Organisation des Festjahres darum gegangen, Begegnungen zu ermöglichen, betont Gerhardt und hofft, dass dies trotz Corona in diesem Jahr wieder möglich wird. Ab Mai soll zum Beispiel ein „Bus der Begegnungen“ bundesweit Station in Innenstädten machen und dort unter anderem jüdische Speisen servieren. Für den Sommer ist ein großes Begegnungsfest in Köln geplant.

Einer der Höhepunkte des Jahres soll vom 20. bis 27. September das weltweit größte Laubhüttenfest werden. Zum „Sukkot XXL“ sind in ganz Deutschland Menschen eingeladen, Laubhütten zu bauen und dort Begegnungen zu ermöglichen. Die historische Perspektive nimmt unter anderem die Ausstellung „Menschen, Bilder, Orte – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ ein, die im März in der Alten Synagoge – Haus jüdischer Kultur in Essen eröffnet wird. Anschließend wird die Schau in Münster, Köln, Wesel und Dortmund Station machen.

Themenjahr zur rechten Zeit

Das jüdische Themenjahr komme angesichts der Häufung antisemitischer Anschläge und Vorfälle zur rechten Zeit, meint Gerhardt. Die bisherige Resonanz habe die Erwartungen bei weitem übertroffen. „Wir waren überrascht, wie viele Projektpartner trotz der widrigen Bedingungen durch die Corona-Krise Veranstaltungen angemeldet haben.“ Da es sich bei einem Großteil um kleinere Aktionen handele, gehen die Organisatoren davon aus, das Jubiläumsjahr größtenteils erfolgreich durchführen zu können.

Begonnen hatten die ersten Vorbereitungen bereits 2014. Initiator sei jedoch nicht etwa die jüdische Gemeinde gewesen, sagt Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland und Mitgründer des Vereins „321-2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Den Anstoß dazu habe vielmehr der frühere nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) gegeben, der Kuratoriumsvorsitzender des Vereins ist.

Kirchen oft versagt

Die beiden Vorsitzenden des Vereins, Matthias Schreiber und Joachim Gerhardt, sind evangelische Pfarrer. Das sei Zufall, sagt Gerhardt, findet es aber durchaus passend. Die Kirchen trügen eine besondere Verantwortung, weil Christen und Juden eng verbunden seien. Zudem hätten die Kirchen in der Vergangenheit oft genug versagt, wenn es darum gegangen sei, die Stimme für das Judentum zu erheben. „Darüber hinaus ist es nicht Aufgabe der Juden, dieses Jahr zu feiern, sondern es ist Aufgabe unserer ganzen Gesellschaft“, betont der Pfarrer.

Das Jubiläumsjahr strahle schon jetzt über Deutschland hinaus, sagt Gerhardt. In Israel und den USA sei es bereits auf positive Resonanz gestoßen. Und es gebe bereits Gedankenspiele, ein solches jüdisches Themenjahr in einigen Jahren einmal EU-weit zu organisieren. (epd/mig)

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