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Burak Tuncel, Kolumne, MiGAZIN, Dichtung, Dichter
Burak Tuncel © privat, Zeichnung: MiG

Dichtertränen

Lieben wir das Leben noch?

Und es gibt jene, die wenig haben, und alles geben. Das sind die, die an das Leben und die Fülle des Lebens glauben, und ihr Beutel ist nie leer. Und es gibt jene...

Von Mittwoch, 14.10.2020, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 13.10.2020, 19:07 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Das Herz schmerzt, wenn ich durch die Straßen spazieren gehe. Wieso spaltet man Menschen nach ihrer Herkunft in diesem Land? Wieso teilt man die Menschen in Klassen ein? Wieso sind die ökonomisch Schwachen die Fremden hierzulande? Ein alter Mann liegt auf der Straße. Doch die Menschen gehen an ihm vorbei. Sie sehen ihn nicht. Keiner hat sich nach ihm umgesehen. Bekomme einen Kloß im Hals. Halte es nicht mehr aus unter den Menschen. Tränen fließen und werden zu einem Ozean.

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Und dies nennt sich moderne Welt? Dies nennt sich Demokratie? Dies nennt sich Zivilisiert sein? Das Bild des alten Mannes lässt mich einfach nicht los. Kein Schlaf in Sicht, heute Nacht. Tot ist diese Kultur, wo dieser alte Mensch gestorben ist. Warum hat keiner diesen Menschen fallen sehen? Warum hat ihm keiner Aufgeholfen? Warum? Doch zu den Reichen wird aufgesehen, zu den dummen Profisportlern. Zu den Vorgesetzten, da ist man Gehorsam. Warum hat keiner dem Mann aufgeholfen? Die Masse unterwirft sich jeden Tag der Macht. Bei den Schwachen schaut man weg. Mord war dies. Mord der Masse. So spielt meine Geige das Lied der Tränen für diesen alten, obdachlosen Mann, heute Nacht.

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Wo haben die Menschen die Liebe hin verschleppt? Wo ist sie nur abgeblieben? Ist es denn so schwer, dass Menschen sich lieben können? Ist es so schwer? Es brennt, es schmerzt, wenn ich die Welt betrachte. Lieblose Augen wo immer die Seele hinwandert. Es scheint alles wie ein Rätsel zu sein, diese vergängliche Welt. Angeblich lieben sich alle Menschen. Welch eine große Lüge. Das Teilen, die Freundschaft der Herzen ist nur noch eine Utopie, weit wohnend in anderen Sphären. Oh, Menschensohn, warum fragst du dich denn nicht, wieso all dies?

„Sie wissen nicht was wahre Schönheit ist. Sie spalten die Menschen in verschiedene Rassen und Klassen.“

Nur noch am Konsumieren die Menschen, kein Produzieren mehr wahrer Schönheit. Fabriken und Hochhäuser überragen den Himmel und sind Feinde der Göttlichkeit. Nein, den Kindern hinterlassen die Menschen keine schöne Erde. Ihre Augen sehen, doch das Auge des Herzens ist erblindet. Es scheint alles wie ein Rätsel zu sein, diese vergängliche Welt. Angeblich lieben sich alle Menschen. Welch eine große Lüge. Das Teilen, die Freundschaft  der Herzen ist nur noch eine Utopie, weit wohnend in anderen Sphären. Oh, Menschensohn, warum fragst du dich denn nicht, wieso all dies?

Warum dieses Klagen frage ich mich an manchen Tagen? Dein Weinen bringt ganze Berge zum Beben. Wem bist du heute so Kummervoll, frage ich mich? Wieso ist verstummt deine schöne Stimme? Wo sind all deine Melodien hin? Es ist die Traurigkeit in dir, stimmt’s. Es sind die Menschen, stimmt’s? So wisse meine Schöne, die Menschen sind ignorant. Sie wissen nicht was wahre Schönheit ist. Sie spalten die Menschen in verschiedene Rassen und Klassen. Komm sprich zu mir, meine Liebste. Ja, da draußen ist es bitterkalt. Mit den Menschen da draußen zu reden ist lästig und anstrengend, ich weiß. Doch, wirst du auch nicht mehr mit mir reden?

„Ich verstehe, du bist voller Sorge und Kummer. Menschen schauen sich nicht mehr in die Augen, sie sind Einander fremd, sie sind sich Selbst fremd.“

Ich verstehe, du bist voller Sorge und Kummer. Menschen schauen sich nicht mehr in die Augen, sie sind Einander fremd, sie sind sich Selbst fremd. Ihre Lage ist nicht mehr zu ertragen. So nieder ihre Welten. Der Brunnen ihres Gewissens ist ausgetrocknet. Man bringt uns alles andere bei, nur nicht die Liebe und alles, was man uns beibringt, ist gegen die Liebe. Man bringt uns bei, wie man Geld hortet und reich wird, man bringt uns bei, wie man erfolgreich wird, wie man ehrgeizig ist, wie man Ansehen gewinnt. All das bringt man uns bei, aber all dies ist gegen die Liebe.

„Wir müssen zu den Armen gehen, um echte Gastfreundschaft zu finden. Der Arme wird dich in seine armselige Hütte aus Lehm und Blech und Pappe einladen und fortwährend sagen. Mein Haus ist dein Haus. Du musst da Tee trinken, du musst da Essen. Und wird es Abend, lässt er dich nicht gehen. Du musst da schlafen. Er wird die beste Matte für dich ausbreiten, und weiß Gott, wo er selber bleibt. Und wenn dieser Arme dann nach Europa kommt, findet er in unseren Städten das Schild: „Arme und Fremde unerwünscht.“ So macht sich der Arme und Fremde wieder auf den Weg zu seiner armseligen Hütte aus Lehm und Blech und Pappe.

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