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Amartya Sen © fronteirasweb @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Armutsforscher mit weitem Horizont

Amartya Sen erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Er untersucht, was Hunger und politische Unfreiheit miteinander zu tun haben. Der indische Ökonom Amartya Sen setzte neue Maßstäbe, den Wohlstand einer Nation zu erfassen. Zugleich tritt er der These von einem Kampf der Kulturen entgegen.

Von Montag, 12.10.2020, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 11.10.2020, 17:37 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Demokratie, Freiheit und soziale Gerechtigkeit sind die Themen des indischen Wirtschaftswissenschaftlers Amartya Sen, der am 18. Oktober den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält. Der 86-jährige Ökonom und Philosoph, der allerdings nicht nach Frankfurt anreisen kann, blickt weit über die Grenzen dieser Disziplinen hinaus. Als Ökonom kritisierte er, Wohlstand allein am Wirtschaftswachstum zu messen. Und nahm sich in glasklaren Analysen die Ursachen von Hunger, Armut und Ungleichheit vor: den Mangel an Freiheit, an Demokratie, freien Medien und Lebenschancen.

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Als Philosoph tritt Amartya Sen der Ideologie vom Kampf der Kulturen entgegen. Sen warnt davor, Menschen auf eine einzige Kategorie zu reduzieren, „sich gegenseitig unverrückbar in enge Schubladen zu stecken“, sei es nach Religion, Kultur oder Herkunft. „Ein Identitätsgefühl kann eine Quelle nicht nur von Stolz und Freude, sondern auch von Kraft und Selbstvertrauen sein“, räumt er ein. „Und dennoch kann Identität auch töten – und zwar hemmungslos töten.“ Sen spricht von einer „Identitätsfalle“, die sich Brandstifter („Fachleute des Terrors“) für ihre Zwecke zunutze machten.

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Dass jeder Mensch viele Identitäten hat, verdeutlicht der in den USA lebende Forscher an sich selbst: Mann, Feminist, Inder, Bengale mit Vorfahren in Bangladesch, Ökonom, Amateur-Philosoph, Autor, Sanskrit-Kenner, überzeugter Demokrat, Heterosexueller, Nicht-Brahmane und Hindu mit nichtreligiösem Lebensstil.

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Hass und Gewalt

Wie Hass und Gewalt plötzlich ausbrechen können, hat Sen in seiner Heimat Bengalen erlebt, wo er am 3. November 1933 geboren wurde. Im Streit über die Teilung des nach Unabhängigkeit strebenden Indien kam es in den 1940er Jahren zu blutigen Zusammenstößen zwischen Hindus und Muslimen. „Ich weiß noch, wie schnell sich die Menschen, die sich im Januar noch kaum voneinander unterschieden, in die grausamen Hindus und die bösen Muslime vom Juli verwandelten.“

Ganz nah erlebte er die Gewalt mit elf Jahren: Ein muslimischer Tagelöhner war niedergestochen worden und kam blutüberströmt zu Sens Elternhaus in Dhaka, heute Hauptstadt von Bangladesch. Der Mann war auf dem Weg zu einer Arbeit gewesen, obwohl er vor Hindu-Gebieten gewarnt wurde. Er ging trotzdem, denn seine Familie hatte nichts zu essen. Sens Vater fuhr ihn ins Krankenhaus, doch er starb. „Meine kindliche Seele war überwältigt von der schockierenden Erkenntnis, dass wirtschaftliche Armut und totale Unfreiheit – das Opfer hatte nicht einmal die Freiheit zu leben – aufs engste zusammenhängen“, sagt Sen.

Human Development Index

Einer Analyse unterzog Sen auch die Hungersnot in Bengalen 1943, bei der zwei oder gar drei Millionen Menschen starben. Aber er als Sohn einer Akademikerfamilie bekam kaum etwas von der Not mit, die ausschließlich die Armen traf. Sen wies nach, dass in Bengalen damals keine Knappheit herrschte, sondern Preistreiberei, Panikkäufe und massive Aufkäufe der britischen Kolonialherren. „Hunger ist menschengemacht“, stellt er fest. Vor allem in den 70er Jahren forschte er intensiv über Hunger und politische Freiheit, belegte, dass Hungersnöte in Demokratien seltener auftreten als in Diktaturen.

Sens Arbeiten trugen wesentlich zur Konzeption des Human Development Index (HDI) bei, der vom UN-Entwicklungsprogramm 1990 als Maßstab für Lebensqualität vorgestellt und längst allgemein akzeptiert wurde. Zentral dabei ist, dass nicht nur wirtschaftliches Wachstum, sondern auch Bildung und Lebenserwartung der Bevölkerung gemessen werden. Seine Arbeiten zu Wohlfahrtsökonomie, Sozialwahltheorie und Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung trugen ihm 1998 den Wirtschaftsnobelpreis ein. Der nach ihm benannte Sen-Index misst die Ungleichheit in einer Nation. Schon früh richtete der Ökonom auch den Blick auf geringere Lebenschancen von Frauen.

Soziale Globalisierung

An Universitäten wie Delhi, Kalkutta, Cambridge, Oxford, Stanford, Berkeley und Harvard hörte Sen die teils erbitterten Debatten zwischen Vertretern unterschiedlicher ökonomischer Denkschulen. So stritten Keynesianer, Neoklassiker und Marxisten über Marktliberalismus und Regulierung. Sen entzieht sich gleichwohl einer Schublade. Ohne Markt ist für ihn keine Schaffung von Wohlstand denkbar. Doch zugleich betont er: „Märkte allein funktionieren nicht und können nicht funktionieren.“

In ähnlicher Weise befürwortet er die Globalisierung, die allerdings sozial gestaltet werden müsse. Um Armut und Ungleichheit zu bekämpfen, sei es nicht hilfreich, auf internationale Wirtschaftsbeziehungen und den Austausch von Wissen und Technologie zu verzichten, hält er Globalisierungsgegnern vor. (epd/mig)

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