Kadir Özdemir, Migazin, Integration, Migration, Migranten, Soziologie
A. Kadir Özdemir © privat, Zeichnung: MiG

Defragmentiert

Ende Gelände der weißen Klassenzufriedenheit

„Die Neuen“ sollen Deutsch lernen. Und dann? Sie sollen eine Ausbildung machen. Und dann? Sie sollen arbeiten und Steuern zahlen. Und dann? Ja und dann? Dann löst dieser Erfolg ein schizophrenes Verhalten in den weißdeutschen Strukturen aus.

Von Donnerstag, 30.07.2020, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 22.09.2020, 15:14 Uhr Lesedauer: 7 Minuten  |   Drucken

Vor etwa zehn Jahren waren wir endlich bei Debatten zu Partizipation angekommen. Es ging um Demokratiedefizite in Deutschland, die in den Barrieren der politischen und kulturellen Beteiligung, in rassistischen Praxen von Institutionen und im Alltag sichtbar waren. Die ewige Gebetsmühle des „ihr müsst euch integrieren“ hatte eine kurze Atempause und wir stellten die zeitgemäße Frage, welche Privilegien die Weißdeutschen zu teilen bereit waren. Damals wie heute waren Gesetze notwendig, die Barrierefreiheit für demokratische Rechte schufen und wir brauchten Schutz vor Diskriminierung. Gerade als diese Debatte Aufwind bekam, fielen Politik und Medien im Zuge der einseitig inszenierten Fluchtdebatten seit 2015 auf das abgewälzte Vokabular der 1990er zurück. Geflüchtete wurden zum Synonym für Migration, „Integration“ als Bringschuld rückte wieder in den Fokus. Das geschah weder zufällig noch uneigennützig.

„‚Die Neuen‘ sollen Deutsch lernen. Und dann? Sie sollen eine Ausbildung machen. Und dann? Sie sollen arbeiten und Steuern zahlen. Und dann? Ja und dann? Selbst wenn wir durchlaufen, was ‚gelungene Integration‘ genannt wird, prallen wir gegen gläserne Wände, an Grenzen, die zwischen uns und unseren integrierten Ansprüchen stehen.“

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„Die Neuen“ sollen Deutsch lernen. Und dann? Sie sollen eine Ausbildung machen. Und dann? Sie sollen arbeiten und Steuern zahlen. Und dann? Ja und dann? Selbst wenn wir durchlaufen, was „gelungene Integration“ genannt wird, prallen wir gegen gläserne Wände, an Grenzen, die zwischen uns und unseren integrierten Ansprüchen stehen. Dann schleicht sich eine Beklemmung, die zuweilen zur Verzweiflung wird, diese gläsernen Wände Weißdeutschen begreiflich zu machen, die diese nicht teilen, die unsere Erfahrungen relativieren oder absprechen. Oft heißt es, das kann nicht so gemeint sein und leisten mit ihren Verleugnungen und Relativierungen einen vorauseilenden Dienst an ein rassistisches System. Woher kommt dieser Empathiemangel?

Weißdeutsche lernen bereits als Kleinkinder, dass ihr Weißsein mit Privilegien verbunden ist, die so „natürlich“ und selbstverständlich daherkommen, dass sie diese nicht mal als solche begreifen. Gleichzeitig beobachten sie früh den gesellschaftlichen Status von Menschen mit Migrationserbe, insbesondere von Schwarzen Deutschen, Türkisch-Deutschen, Kurdisch-Deutschen, Muslimisch-Deutschen, verbunden mit dem unterschwelligen Gefühl, dieser Gruppe überlegen zu sein. Sie sind per Natur richtig und Maßstab und „die Fremden“ müssen sich per Kulturannahme anpassen. Aber selbst die beste Anpassung soll innerhalb bestehender Hierarchien geschehen, ohne diese zu stressen. Daraus beziehen sie eine Klassenzufriedenheit.

„Die Klassenzufriedenheit ist ein Geflecht aus kolonialen Narrativen und den Hierarchien aus der Zeit, als die Arbeitsmigrant:innen der ersten Generation als einfache, ungelernte Arbeitskräfte eingesetzt wurden. Die Arbeitsmigrant:innen lebten mit ihnen, sollten aber ihre Arbeiten unbemerkt erledigen, wie Dienstpersonal in herrschaftlichen Villen, die sich nach dem Erledigen ihrer Pflichten höflich in ihre Kammer zurückziehen…“

Die Klassenzufriedenheit ist ein Geflecht aus kolonialen Narrativen und den Hierarchien aus der Zeit, als die Arbeitsmigrant:innen der ersten Generation als einfache, ungelernte Arbeitskräfte eingesetzt wurden. Die Arbeitsmigrant:innen lebten mit ihnen, sollten aber ihre Arbeiten unbemerkt erledigen, wie Dienstpersonal in herrschaftlichen Villen, die sich nach dem Erledigen ihrer Pflichten höflich in ihre Kammer zurückziehen, im Falle der Arbeitsmigrant:innen in überfüllte Holz- oder Wellblechbaracken. Sie wurden vielleicht nett gegrüßt, bevor sie Anweisungen erhielten, in einen tatsächlichen Austausch auf Augenhöhe zu gehen und ihre Bedürfnisse zu verstehen, war zu viel.

Selbst Gewerkschaften begegneten den neuen Kolleg:innen abweisend. Häufig mussten die neuen Arbeiter:innen ohne die Unterstützung ihrer weißdeutschen Kolleg:innen für ihre Rechte streiken. Eine der prominentesten Streiks dieser Art fand 1973 in den Ford-Werken statt, bei dem sich die IG Metall auf die Seite des Arbeitgebers schlug. Infolge dessen wählten die Arbeitsmigrant:innen eine unabhängige Streikleitung. Die Aktion wurde schließlich durch einen gewalttätigen Polizeieinsatz beendet. Durch diesen Arbeitskampf änderte sich zum ersten Mal das Bild der Arbeitsmigrant:innen. Aus den gehorsamen, fleißigen, aber sonst unsichtbaren und stummen Arbeiter:innen wurde in einigen Medien der Türkenterrorist kreiert. Das Boulevardblatt „Bild“ schrieb, dass diese Arbeitskräfte als Gast freundlich zu sein hätten, weshalb sie nach dem Streik des Landes verwiesen gehörten. Unabhängig davon, wie uninspiriert und monoton dieses Massenblatt bis heute geblieben ist und von ihren alten Artikeln abschreiben könnte, ohne dass es jemanden auffallen würde, hatten zu dem Zeitpunkt weiße Institutionen und Medien kein Interesse an den belastenden Lebenslagen dieser Arbeiter:innen und hatten keinen Hauch von Bewusstsein für Rassismus oder ihre weißen Privilegien.

„Als Deutschland 1974 das Kindergeld für Weißdeutsche erhöhen und gleichzeitig das Geld für die Kinder der Arbeitsmigrant:innen kürzen wollte, entstanden in 19 Städten breite Bündnisse und Komitees unter den Arbeitsmigrant:innen. Diese Komitees forderten damals schon ein Wahlrecht für sich.“

Als Deutschland 1974 das Kindergeld für Weißdeutsche erhöhen und gleichzeitig das Geld für die Kinder der Arbeitsmigrant:innen kürzen wollte, entstanden in 19 Städten breite Bündnisse und Komitees unter den Arbeitsmigrant:innen. Diese Komitees forderten damals schon ein Wahlrecht für sich. Ihr Kampf ging weit über den Bereich hinaus, den die Gewerkschaften zu beschreiten bereit waren. Die Spielregeln der weißdeutschen Gesellschaft, nach denen mit Herkunft eingeschränkter Zugang zu gesellschaftlichen Positionen und Ressourcen einherging, zwang sie zu einer systematischen ethnischen Unterschichtung. Die Probleme, die daraus entstanden, wurden wiederum als Integrationsdefizite verschrien.

Die Systematik dieser rassistischen Praxen wurde kaschiert, indem politisch-mediale Aktionsbündnisse die Arbeitsmigrant:innen und ihre Folgegenerationen mit Eigenschaften wie „unintegriert“, „rückständig“, „fremd“, „bildungsfern“ versahen, während gleichzeitig Ungleichheit und rassistische Ausschlüsse in allen Gesellschaftsbereichen erschaffen, reproduziert und zementiert wurden. Der Soziologe Milton Gordon beschrieb bereits in den 1960ern, dass wenn die ethnische Zugehörigkeit ein kategorialer Bezugspunkt von Individuen wird, die Aufstiegs- und Karrierechancen in einer Gesellschaft eng an diese geknüpft wird. So wurden mit einem Schlag Weißdeutsche aller Schichten gegenüber Arbeitsmigrant:innen aufgewertet.

„Wer den Integrationswälzer nicht abarbeitete, galt als unwillig oder gescheitert, wer aber Erfolge feierte und sozial und ökonomisch Kapital anhäufte, gefährdete die Klassenzufriedenheit der Weißdeutschen, weckte Sozialneid und rechte Abwehrmechanismen. Nicht zufällig verschärften sich die … „Kopftuchdebatten“ in einer Zeit, in der Frauen mit Migrationserbe verstärkt in akademischen Berufen auftauchten.“

Trotz der Partizipationsdefizite haben bereits in der zweiten Generation viele Schwarze Deutsche, Türkisch-Deutsche, Kurdisch-Deutsche, Muslimisch-Deutsche sich von den ihnen zugeschrieben Rollen emanzipiert und haben sich in alle Gesellschaftsbereiche hinaufgekämpft. Ihr Erfolg und ihre Sichtbarkeit löste ein zweischneidiges, schizophrenes Verhalten in den weißdeutschen Strukturen aus. Wer den Integrationswälzer nicht abarbeitete, galt als unwillig oder gescheitert, wer aber Erfolge feierte und sozial und ökonomisch Kapital anhäufte, gefährdete die Klassenzufriedenheit der Weißdeutschen, weckte Sozialneid und rechte Abwehrmechanismen. Nicht zufällig verschärften sich die einer Demokratie unwürdigen „Kopftuchdebatten“ in einer Zeit, in der Frauen mit Migrationserbe verstärkt in akademischen Berufen auftauchten. Bei einer Putzfrau hatte niemand darauf geachtet, ob diese Person türkisch, kurdisch, arabisch, rumänisch, jesidisch oder muslimisch war. Bei der Juristin aber gilt es ganz genau zu beschauen, ob sie nicht eine unterdrückte, unintegrierte Frau ist. Dass sie vergessen hat, unterdrückt zu sein, während sie erfolgreich studiert und ihre Examen abgelegt hat, löst die Schizophrenie nicht auf.

„Eine neue Generation ist da, die mündig ist, die ihre Stimme erhebt, die sich nicht durch ökonomische und kulturelle Disziplinierung erniedrigen lässt, eine Generation, die stolz auf die Leistungen ihrer Eltern und Großeltern ist, die weiß, … wer das Land mit aufgebaut hat.“

Die weiße Klassenzufriedenheit ist in 2020 maximal gestresst. Unter den Deutschen mit Migrationserbe ist das Bewusstsein für soziale Ungleichheit aufgrund rassistischer, weiße bevorteilende Strukturen stark gestiegen. Eine neue Generation ist da, die mündig ist, die ihre Stimme erhebt, die sich nicht durch ökonomische und kulturelle Disziplinierung erniedrigen lässt, eine Generation, die stolz auf die Leistungen ihrer Eltern und Großeltern ist, die weiß, auch wenn die blonde Frau im Petticoat mit beängstigendem Dauerlächeln das Gesicht des „deutschen“ Wirtschaftswunders geworden ist, wer das Land mit aufgebaut hat, wessen Arbeit, Blut und Leben in dieses Land geflossen ist, eine Generation, die sich erhebt in #Black Lives Matter, in #isd, in #Metwo, in #ndo, eine Generation, die an der weißen Klassenzufriedenheit rüttelt und Rassist:innen und jene, die durch ihre tägliche Zustimmungspraxen den Rassismus nähren, zur Rede stellt. Diese Generation begegnet mir bei jedem Workshop und gibt mir Hoffnung. Ich höre die Schritte unserer Revolution.

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