Anzeige
Sven Bensmann, Migazin, Kolumne, Bensmann, Sven
MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Als Adler gestartet, als Suppenhuhn gelandet

Die taz-Kolumne hat viel Müll zutage gebracht, den Bundesadler abgeschossen hat dabei unser Innenhorst. Der wahre Skandal in dieser Causa ist allerdings, dass bisher niemand Partei für die harte und ehrliche Arbeit leistenden Menschen auf den Mülldeponien ergriffen hat.

Von Dienstag, 30.06.2020, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 29.06.2020, 11:50 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Als ich letzte Woche, mehr zufällig als gezielt, eine irgendwie langweilige Kolumne in der taz las, hatte ich diese so schnell wieder vergessen, wie ich sie gelesen hatte. Als dann kurz darauf sich eine Diskussion um eine solche taz-Kolumne entspann, bei dem es um den Müll ging, musste ich durchaus gar nicht mal so kurz überlegen, ob ich den Text vielleicht schon gelesen hatte. Erst dann wurde mir wirklich klar, warum dieser Text so bedeutsam, vielleicht auch so viel besser war, als ich verstehen konnte: es braucht wohl eine spezifische Vorerfahrung, um die Verbitterung nachvollziehen zu können, die als Antrieb und Motiv sich in dieser Kolumne in Worte gegossen hat.

Seitdem führen einige, auch taz-Autoren, ein hilfloses Rückzugsgefecht zur Verteidigung jener Repressionsorgane, über dass die mittlerweile so getaufte Müll-Kolumne mit all ihrer Wucht einfach hinwegrollt, wie eine Dampfwalze über Speiseeis auf heißem Asphalt. Dabei erinnert vieles auch an die bereits aus dem Rechtsaußen-Diskurs bekannten Redefiguren des Whataboutism („Und was ist mit…“) und den „bad apples„, denjenigen paar „schlechten Äpfeln“ die das Image der Polizei schädigten, aber nur eine Ausnahme bildeten und nicht etwa die Regel darstellen würden.

___STEADY_PAYWALL___

Den Bundesadler abgeschossen hat dabei selbstverständlich wieder unser aller Innenhorst, der in seiner Funktion als oberster Schützer der Verfassung und der darin verbrieften Pressefreiheit gleich mal die Gerichte gegen eine Zeitung in Stellung bringen wollte, als sei es ein Verbrechen, in diesem Lande seine Meinung zu veräußern.

Anzeige

So ganz Wohl soll dem Stammtischphilosophen und Bayern-Bolsonario dabei von Anfang ja nicht gewesen sein: trotzdem nicht von der Idee abzurücken, obwohl selbst Mutti ihn bereits zurückgepfiffen hatte, lässt sich wohl nur durch Horstis süddeutsch-provinzielle Echokammer erklären, die ihm doch tatsächlich weismachte, die persönlichen Gefühle jener Blauhemden, die sich zu recht (und jener, die sich zu unrecht) angesprochen fühlten, stünden über den Grundpfeilern unseres Grundgesetzes. Der Widerspruch von Polizei gegen Verfassung dürfte sich dabei allerdings auch für handfeste Polizeistaatler wie Rainer Wendt kaum auflösen lassen, und wurde dann wohl doch selten so treffend zusammengefasst, wie in jener Frage nach dem Terrornetzwerk in der Backshop-Community.

Irgendwann, als es dann nur noch hochnotpeinlich war, wie Seehofer versuchte, sich aus seiner vollmundigen Ankündigung möglichst unauffällig wieder herauszuwinden und wichtige Termine einfach absagte, um sich ja nicht erklären zu müssen, kam dann doch die Mitteilung, Seehofer würde auf die Klage verzichten und der Müll, den er per „Bild“ unters Volk gebracht hatte, sei eben genau das gewesen. Unter dem Bundesadler gilt halt, was auch für alle anderen Vögel gilt: Die Jungs haben einfach keine Eier.

Entsprechend verheerend war natürlich die Reaktion – doch der Horst wäre nicht der Horst, wenn er nicht immer noch einen draufsetzen könnte. Statt seine peinliche Niederlage einzuräumen, erklärte er, er habe ja im Übrigen nie vorgehabt, die taz zu verklagen; in Wirklichkeit habe er nur die Diskussion über die Kolumne anregen wollen. Warum einem Bundesinnenminister das nur über den jämmerlichen Versuch der Kriminalisierung einer Zeitung oder ihrer Kolumnistin – mit nicht so deutschem Namen, wie dem des Seehohers – gelingen sollte, ließ er dabei wohlfeil ungeklärt. Ebenso, warum das überhaupt nötig gewesen sein soll, wo die Diskussion doch längst in vollem Gange war.

Dass in der Zwischenzeit allerdings niemand Partei für die harte und ehrliche Arbeit leistenden Menschen auf den Mülldeponien dieses Landes ergriffen hat, bei denen doch bisher keinerlei Fälle von rechtsextremen Prepper-Netzwerken, von brutaler Gewalt gegen Demonstranten oder der Diskriminierung von Müll entsprechend seiner Farbe bekannt geworden ist, ist für mich der wahre Skandal. Man sollte diese Menschen nun wirklich nicht einfach mit Polizisten in einen Topf werden.

Und immerhin eine Sache sollten wir nun endlich gelernt haben: Müll gehört nicht im Innenministerium entsorgt.

Zurück zur Startseite
UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Um diese Qualität beizubehalten und den steigenden Ansprüchen an die Themen gerecht zu werden bitten wir dich um Unterstützung: Werde jetzt Mitglied!

MiGGLIED WERDEN
MiGLETTER (mehr Informationen)

Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)