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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, bearb. MiG

Nebenan

Katerstimmung nach Christchurch

Mit dem Massaker von Neuseeland, so die offenbar einhellige Meinung, sollte bewiesen werden, dass kein Ort mehr sicher für Muslime ist. Inwiefern dies überhaupt noch einer muslimischen Gemeinschaft bewiesen werden musste, haben aber die wenigsten hinterfragt.

Von Dienstag, 26.03.2019, 5:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 28.03.2019, 17:08 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Muslime sterben auf dem Mittelmeer, weil reiche Länder ihren Reichtum bedroht sehen, wenn ein paar Tausend Menschen einwandern. Muslime sterben in ihrer Heimat, weil Länder, die sich an die letzten Reste ihrer Weltmacht klammern, über strategischen Zugang zum Mittelmeer streiten. Muslime sterben, weil sie ganz zufällig in Explosionsreichweite zu einer Person stehen, die ohne Prozess oder Anklage zum Tode verurteilt wurden. Muslime sterben, weil junge Männer die Überlegenheit ihrer weißen Rasse herbeifantasieren. Und Muslime sterben auch, wenn sie versuchen, sich des kolonialen Erbes ihrer Staaten – korrupter Despoten – zu entledigen.

Es ist nicht so, als hätten Muslime viel Platz auf der Welt, sich sicher zu fühlen. Ob Neuseeland wirklich einer dieser Orte war, weiß ich nicht. Wenn ich jeden Tag neue Nachrichten über rechtsextreme Netzwerke in der deutschen Polizei, in der Bundeswehr, dem Verfassungsschutz und diversen angeschlossenen Spezialeinheiten lese, die sich Hitlerbildchen teilen oder den großen Umsturz planen und Mordkomplotte gegen Staatsvertreter schmieden, wage ich das zu bezweifeln. Nun sind allgemein Nazis in der Bundeswehr, die Glorifizierung der Wehrmacht oder der interne Kadavergehorsam nichts Neues. Bereits während der NSU-Ermittlung haben interessierte Beobachter die Auswüchse dieses mindestens latenten Rechtsextremismus kennengelernt. Beide Uwes hatten in der Bundeswehr gedient; ihre Taten wären ohne die tatkräftige Unterstützung der deutschen Behörden nie so durchschlagender Erfolg beschieden.

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Aber so widerlich die Kumpanei derer, die die demokratische Grundordnung eigentlich schützen sollen, mit denen, die sie abschaffen wollen, auch sein mag, ein Sonderfall dürfte Deutschland kaum sein. Ein Gefühl von Sicherheit geht dabei schon mir als Vertreter der privilegiertesten Gruppe auf Gottes grüner Erde, einem kaukasisch-weißen Mann, regelmäßig flöten, wenn in der Innenstadt zum nächsten großen „Sportevent“ der Polizeistaat ausgerufen wird, um all die „friedlichen Fans“ unter Kontrolle zu halten. Und dabei sind die racial profiler auf meiner Seite.

Zu behaupten, das Massaker von Neuseeland sollte Muslimen das Gefühl von Sicherheit nehmen, wirkt da wie blanker Hohn. Das Massaker von Neuseeland sollte uns vielmehr allen vor Augen führen, dass Rassisten, Faschisten, Nationalisten überall da draußen sind, dass sie bewaffnet sind und dass sie keinerlei Skrupel besitzen, Waffen gegen alle einzusetzen, die wehrlos sind und nicht in ihr Weltbild passen. Und wir sollten uns vor Augen führen, dass wir uns nicht auf die verlassen können, die uns schützen sollen.

Wenn wir nicht geschlossen gegen die rechten Terroristen, seien es solche, die zur Waffe oder solche, die zur Hündchenkrawatte greifen, aufstehen, werden die nächsten Opfer vielleicht jene „linksgrünversifften Volksverräter“ sein, die Freitags gegen den „von China erfundenen Klimawandel“ demonstrieren. Es wird Zeit, dass wir uns eines vor Augen führen:

Wenn sie die Waffe gegen betende Muslime richten, dann sind wir alle Muslime. Wenn sie ein jüdisches Restaurant mit Steinen beschmeißen, sind wir alle Juden. Wenn sie Sozialdemokraten auf Utøya erschießen, sind wir alle Sozialdemokraten. Und wenn wir das nicht sind, sind wir womöglich schneller als uns lieb ist Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer. Denn gemeint sind nicht „die Muslime“, gemeint sind wir alle.

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  1. Ute Plass sagt:

    „Denn gemeint sind nicht „die Muslime“, gemeint sind wir alle.“

    Sehr wahr. Und daher braucht es auch eine Politik und Haltung, die das gute Leben für ALLE im Sinn hat: https://guteslebenzwei.wordpress.com/