Theologe Karimi

Sanfte Stimme des Islam wird sich durchsetzen

Milad Karimi lehrt als Professor islamische Philosophie an der Universität Münster. Im Gespräch erklärt er die Reformierbarkeit des Islam, die kritische Analyse von Glaubensinhalten und verschiedene Lesarten des Korans.

Von Karsten Packeiser Mittwoch, 19.12.2018, 5:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 03.05.2019, 1:34 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Herr Professor Karimi, es gibt in der nichtmuslimischen Welt die Vorstellung, dass im Islam eine kritische Auseinandersetzung mit eigenen Glaubensinhalten eigentlich gar nicht möglich sei. Stimmt der Eindruck?

Milad Karimi: Ich kann diese Außenwahrnehmung durchaus verstehen. Sie rührt her von einer lauten, schreienden islamischen Wirklichkeit, die uns alle in Angst und Schrecken versetzt. Auch wir Muslime sind Opfer von diesem lauten und intoleranten Geschrei. Andererseits gehört theologisch-kritische Auseinandersetzung mit allen Glaubensfragen zum Inventar der islamischen Geistestradition. Schon vom 8. Jahrhundert an wurde durch Übersetzungen und Kommentierungen antiker Traditionen ein kritisches Bewusstsein in die Religion hineingetragen. Im christlichen Kontext kennen wir den Begriff des Philosophen aus dem Mittelalter zum Beispiel gar nicht. Zu sagen, in der islamischen Tradition gebe es keinen kritischen Geist, wäre eine vollkommene Verkennung der historischen Tatsachen.

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Und heute?

Milad Karimi: In der islamischen Geschichte gab es vom 8. bis zum 15. Jahrhundert eine unglaubliche Blüte aller Wissenschaften. Aber diese Zeiten sind lange vorbei. Aus innerislamischer Perspektive stecken wir in einer kulturellen und geistigen Krise.

Welchen Ausweg sehen Sie?

Milad Karimi: Dafür gibt es nur eine einzige Formel: Rückbesinnung und umfassende Bildung. Und zwar keine Rückbesinnung in der Art und Weise, dass wir die goldenen Zeiten des Islam noch einmal herbeibeschwören. Bitte keine Fantasien! Es geht darum, aus der Tradition heraus in die Zukunft zu finden, nicht durch einen Traditionsbruch. Denn genau das machen gerade die Fundamentalisten, die die Tradition ablehnen und denken, sie könnten aus dem 21. Jahrhundert in die Zeit des Propheten zurückspringen.

Halten Sie den Islam für reformierbar?

Milad Karimi: Es gibt Stimmen, die sagen, man könne nur aus der Krise herauskommen, in dem man alles reformiert. Das hört sich im ersten Moment gut an, wer von uns ist schon gegen Erneuerung und Reformen? Schwierig wird das, weil eine Reformierung der Religion ja nicht von einer einzelnen Lichtgestalt eingeleitet werden kann. Dafür sind die Zeiten heute viel zu komplex. Ich setze kompromisslos auf Wissenschaft und denke, dass wir in einigen Jahren junge islamische Theologen haben werden, die dialogfähig und in ihrer eigenen Tradition gut ausgebildet sind, aber zugleich mit größtem Respekt vor anderen Traditionen leben. Diese Vorstellung macht mir Hoffnung. Insofern plädiere ich für eine Reform ohne Reformer, für eine anonyme Reform.

Haben Sie eine Vorstellung, wie die islamische Gemeinschaft verhindern kann, dass junge Leute zu Radikalen werden?

Milad Karimi: Ich glaube schon, obgleich dies nicht die ausschließliche Aufgabe der Muslime sein sollte. Denn unsere Lesart, aus dem Glauben heraus für Frieden, Gerechtigkeit, Zuversicht und ein gelingendes Miteinander einzutreten, lässt sich mit guten Argumenten belegen. Die Jugendlichen, die ihre Religion nicht in Moscheen, sondern im Internet suchen, wurden religiös obdachlos und ließen sich von Fundamentalisten oder Salafisten verführen. Aber auch in ihnen sehe ich einen Teil der eigenen Gemeinde. Das sind keine verlorenen Menschen, man kann sie gewinnen und für das Gute begeistern. Ich bin zuversichtlich, dass die leise, sanfte, aber differenzierte Stimme meiner Religion sich langfristig durchsetzen wird.

Sogenannte Islamkritiker berufen sich oft auf dieselben drastischen Koran-Verse wie junge Radikale. Wie kann man sicherstellen, dass der Koran nicht falsch interpretiert wird?

Milad Karimi: Das ist eine sehr ernsthafte und wichtige Frage. Im Grunde lesen Leute wie Thilo Sarrazin und die Salafisten den Koran auf ähnliche Weise. Sie sind der Meinung, man müsse nur eine Übersetzung des Korans aufschlagen und dann vollstrecken, was dort steht. Das ist aber eine erschreckende Hybris. In der Tat gibt es keine richtige Lesart des Korans. Würde es eine einzige richtige Lesart geben, dann könnte man eine Art Gebrauchsanleitung für den Koran fordern. Man könnte sagen: Der Koran ist komplex, aber wir schreiben eine richtige Lesart dazu, und dann kann man ihn gut gebrauchen. Dann würde man den Koran aber mit einer Waschmaschine verwechseln.

Wie sollen Muslime den Koran denn verstehen?

Milad Karimi: Zwischen mir – dem Leser, der Gottes Botschaft verstehen will – und dem Koran existiert etwas, das ich den „dritten Raum“ nenne. Ein „Raum des Verstehens“. Das bedeutet, dass ich mich niemals an den Koran halten kann, sondern nur an ein Verständnis des Korans. Wer das einräumt, gibt auch zu, dass jemand anderes den Koran prinzipiell anders verstehen könnte. Wenn ich diesen „dritten Raum“ verkümmern lasse, so tue, als würde ich mich an die Buchstaben des Korans halten, dann ist das nichts anderes als eine militante Lesart des Korans. Wenn wir nur eine bestimmte Deutung für einen Vers hätten, wäre der Koran historisch verloren. Im Deutschland des 21. Jahrhunderts kann nicht dieselbe Interpretation zur Geltung kommen, wie im Bagdad des 11. Jahrhunderts.

Wenn Sie einräumen, dass eine militante Lesart des Korans möglich ist, dann hat der Islam aber doch ein massives Problem?

Milad Karimi: Sie ist möglich, aber nicht überzeugend. Im Grunde genommen hat jede Religion dieses Problem, weil Religionen selbst keine Subjekte sind. Auch das Christentum kann sich nicht selbst verteidigen. Im Islam kann es unterschiedliche Lesarten geben, aber gerade die Lesarten fundamentalistischer Gruppierungen, die menschenverachtend, schöpfungsverachtend und Gott verachtend sind, können der kultivierten islamischen Geistestradition nicht standhalten.

Und Sie denken, das ist im Christentum genau so?

Milad Karimi: Ich könnte beispielsweise die Position vertreten, dass Gott im Christentum nicht Mensch geworden ist, sondern genau genommen ein Mann – und daraus die Unterordnung der Frauen unter die Männer ableiten. Aber mit anderen Lesarten könnte man mir klarmachen: Entscheidend an Jesus von Nazareth war die Menschwerdung, nicht seine Männlichkeit. Wenn ich ein vernünftiger Mensch bin, werde ich einsehen, dass eine frauenverachtende Lesart Schwachpunkte hat. Bin ich aber ein militanter Ideologe, der nicht nur auf seiner Lesart beharrt, sondern damit auch verführen und Macht ausüben will, dann wird das Problem vom religiösen zum politischen. (epd/mig) Interview Leitartikel

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  1. A.F:B. sagt:

    Was der Islam heute braucht, ist eigentlich nicht eine Reformation, sondern eine Art Gegenreformation – wenn man diese Begriffe aus der christlich-abendländischen Geschichte gebrauchen will –, denn die Bewegungen der Wahhabiyya Ende des 18./Anfang des 19. Jhs. und der Salafiyya stellen ja eine Reformation dar, indem sie sich gegen im Laufe der Jahrhunderte eingetretene verschleierte Götzenverehrung und die Erstarrung der traditionellen Rechtsschulen durch deren Ablehnung richteten. Das alles stellt jedoch einen gewaltsamen Bruch mit dem traditionellen Islam dar, zu dem es – wie Milad Karimi andeutet – zurückzukehren gilt – jedoch unter Einbeziehung der positiven Errungenschaften der genannten Reformation. Ist es das Verdienst der Salafiyya, dafür gesorgt zu haben, daß man wieder mehr Wert auf die Authentizität der außerkoranischen prophetischen Überlieferungen legt, und derjenige der Wahhabiyya, darauf zu achten, in keiner Form Götzendienst zu begehen, so sollten diese bei einer Rückkehr zur traditionellen Meinungstoleranz im Islam beibehalten werden.

  2. Jannik sagt:

    Schöner Artikel, besonders gefällt mir die Übertragung des Konzeptes des Dritten Raumes auf den Umgang mit dem Koran. Allerdings fehlt mir der Hinweis, dass es eben offensichtlich von Homi K. Bhabha übernommen ist, der den Begriff des dritten Raum prägt. So ist es ein nicht kenntliches Zitat, quasi.