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Leitkultur

Wir sind Individualisten, lieben unsere Freiheit

Wir sind Individualisten, wir lieben unsere Freiheit. Wir wollen gar nicht so sein, wie die anderen. Wer sich anpasst, gilt als kleinkariert, langweilig oder spießig. Aber die anderen sollen sich anpassen, integrieren. Von Anja Seuthe

Von Montag, 11.09.2017, 4:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 12.09.2017, 15:39 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Wenn ich in diesen Tagen den Hass erblicke, der mich aus den Nachrichtensendungen anschreit, der YouTube besetzt und meine Time Line füllt, dann werde ich sprachlos. Und doch bin ich nicht Teil der schweigenden Mehrheit, will es nicht sein. Also muss ich Worte finden für das Grauen, dass mich erfasst, ob der unsäglichen Bilder von Menschen, die Menschen verachten.

Sprechen wir über deutsche Leitkultur, so sollte wohl die Überheblichkeit an erster Stelle stehen. Irgendwie scheint jeder zu meinen, die Weisheit mit Löffeln gegessen zu haben. Deutsche Bildung, deutsche Technologie, deutsche Wirtschaft. Trotz Pisa haben wir viel zu bieten als eines der reichsten Länder der Welt. Wir haben Grund, stolz zu sein. Aber Hochmut steht keinem gut. Nicht den besorgten Bürgern ohne Schulabschluss, die auf syrische Ärzte hinabblicken. Und auch nicht den engagierten Rentnern, die den geflüchteten Menschen helfen, die ihnen alles gönnen, außer Selbständigkeit. Denn dann würden die Helfer ja nicht mehr gebraucht.

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Augenhöhe? Fehlanzeige.

Afrikanische Schützenkönigin, muslimischer Karnevalsprinz oder gar iranischstämmiger Kulturpreisträger. All das haben wir in Deutschland. Selbstverständlich? Natürlich nicht. Denn der, der glaubt, besser zu sein, der will die anderen gar nicht auf Augenhöhe. Da nimmt man es als „Überfremdung“ wahr, wenn die „Fremden“ der dritten Generation sich bei uns breitmachen und die Dreistigkeit besitzen, sich zu integrieren. Wie kann ich denn mit dem Finger auf die anderen zeigen, wenn sie mitten zwischen uns leben?

Da kommen dann die unsäglichen Sprüche der Rassisten, von der Kuh, die im Pferdestall kalbt, und doch kein Pferd zur Welt bringt. Als ob wir nicht alle unter der Haut gleich sind. Um das zu verstehen, braucht man nicht einmal ein Medizinstudium. Jedes Kind weiß, dass die Hautfarbe einen anderen Menschen weder netter noch besser macht. Jedes Kind weiß das, bis es in unserer ach so überlegenen Gesellschaft etwas anderes lernt. Wann eigentlich? Und wie?

Unsere Kinder funktionieren nach der Uhr. Feste Tagesabläufe sollen Sicherheit bieten. Und schaffen das pflegeleichte Kind. Das heranwächst zu einem Menschen, der auf Schienen läuft, ohne Blick nach rechts oder links. Wir sind nicht flexibel, und spontan schon gar nicht. Besuch muss sich anmelden, und das Essen kommt abgezählt auf den Tisch.

Und doch fühlen wir uns als Individualisten. Wir schätzen unsere Freiheit. Wir wollen gar nicht so sein, wie die anderen. Wer sich anpasst, gilt als kleinkariert, langweilig oder spießig.

Aber genau das verlangen die Menschenfeinde. Anpassung. Oder Entsorgung. Dabei überschreiten sie selbst jede Grenze unserer Kultur. Höflichkeit, Mitmenschlichkeit, Respekt. Die Werte, die unsere Kultur ausmachen, treten sie mit Füßen. Und bekommen dafür Aufmerksamkeit.

Ich schäme mich dafür, wie unsere Gesellschaft sich aus der Bahn werfen lässt. Wie die rechte Frau Petri den weniger rechten Herrn Lucke verdrängt, und dann auf einmal zur weniger rechten Frau Petri mutiert im Vergleich zum richtig rechten Herrn Höcke. Ich schäme mich dafür, wie sich im rechtsextremen Spektrum die Wahrnehmung verschiebt, wie rechte Positionen schleichend salonfähig werden. Ich schäme mich dafür, wie diejenigen, die am lautesten schreien, tatsächlich Gehör bekommen.

Nein, die Menschenhasser stehen nicht für die schweigende Mehrheit. Sie stehen auch nicht für die deutsche Leitkultur. Seien wir mal ehrlich, wer von uns wünscht sich denn, dass sich irgendjemand an diesen Leuten orientiert? Sicher kann man da Entschuldigungen suchen. Verlierer der deutschen Einheit, Verlierer der Leistungsgesellschaft, Verlierer der Globalisierung. Aber wie man es auch dreht und wendet, übrig bleibt ein Haufen überheblicher Verlierer.

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