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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, bearb. MiG

Nebenan

Homoehe für alle ist ein Pyrrhus-Sieg

Als ich letzte Woche die nationale und internationale Presse verfolgte, im Hinblick auf die „revolutionäre“ Entscheidung, die da im Bundestag durchgeprügelt wurde, gewann ich stetig mehr den Eindruck, dass nur zwei Menschen auf der Welt eine Ahnung davon haben, was wirklich passiert ist. Glücklicherweise schreibt einer davon gerade diese Zeilen. Von Sven Bensmann

Von Dienstag, 04.07.2017, 4:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 05.07.2017, 16:40 Uhr Lesedauer: 7 Minuten  |   Drucken

Deutschland ist, so die verbreitete Darstellung, eher ein Nachzügler in Sachen Ehe für alle: Die westliche Welt hat sich weiterentwickelt, Deutschland zieht nach, aber die Bremser-Union ist immerhin noch moderner als der Sudan, Nigeria und Saudi-Arabien. Menschenrechte haben halt immer mit Gewissen zu tun – gewissen Parteiinteressen.

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Und so hat die CDU/CSU in der Koalition Entscheidungen immer wieder „verschoben“, gegen den Willen der Partner von SPD und FDP – ja, auch die haben mal mit der Union regiert, die Älteren werden sich noch erinnern. Dass zum verschieben immer zwei gehören, und dass die SPD und FDP Homosexuellenrechte offensichtlich nur als Verhandlungsmasse sahen und diese willentlich immer wieder zurückstellten, davon hört man schon weniger.

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Dennoch ist der allgemeine Konsens, dass Angela Merkel sich im Interview mit einem Klatschblatt verplapperte und von der SPD überrollt wurde, die diesen Fehler sofort ausnutzte. Dieses Thema, bei dem die Bevölkerung längst mit überwältigender Mehrheit entschieden hatte, habe die SPD vom Elfmeterpunkt, ohne Torwart, mühelos verwandelt.

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Ja, sicher. Und der Hund, dem man einen Knochen hinwirft, nutzt diesen Fehler schamlos aus, indem er ihn frisst.

Es könnte natürlich auch bloß Wunschdenken eines Passanten sein, der da dem getretenen Köter einen Erfolg wünscht, weil ein spannender Wahlkampf gut für die Auflage ist. Ich persönlich halte Angela Merkel aber nicht für dumm. Angela Merkel hat, das ist unbestreitbar, die Union ein stückweit entstaubt und von Themen befreit, mit denen man keinen Blumentopf mehr gewinnen kann. Damit hat sie die Union noch lange nicht „sozialdemokratisiert“ wie einige behaupten, denn das würde nur bedeuten, dass sie die Union in einen Haufen rückgratloser Erfüllungsgehilfen verwandelt hätte, für die das Wahlprogramm mehr Nostalgie als politische Leitlinie ist. Merkel hat einen festen Kurs, den sie eisern durchzieht: in einer Weise, der ihre tatsächliche Stärke durch die Illusion von Schwäche verbirgt.

Aktuell bereitet sich Merkel auf einen heißer werdenden Wahlkampf vor und hat ein weiteres Thema ausgemacht, bei dem die Union nur verlieren konnte. Gegen den Konsens der Gesellschaft und gegen ein rotrotgrünes Lager, das der einzige Weg ist, Merkel loszuwerden, würde die Union die Ehe als Bastion der Heteronormativität verteidigen müssen – und damit sowohl die drei Parteien näher zusammenführen, als auch Stimmen an dieses Lager abgeben. Was also macht Merkel? Den weisesten Zug, den sie machen kann: Sie opfert einen Bauern, und beraubt damit Rotrotgrün eines möglichen Wahlkampfschlagers.

„Einem homosexuellen Iraker oder Afghanen nutzt es wenig, dass er in Deutschland jetzt auch so richtig echt heiraten und Kinder adoptieren kann, wenn er im nächsten Atemzug in sein Heimatland deportiert wird, weil ja ein paar Ecken des Landes fast schon nicht mehr Kriegsgebiet sind – und was könnte einem Homosexuellen schon im Irak passieren, was ihm nicht auch in Dresden oder Straubing passieren würde?“

Der kurze Schub an Euphorie, den die Liberaleren im Bundestag aus diesem Sieg über die Union ziehen, wird aber schneller verpuffen, als der Effekt des „Schulz-Zuges“. Daran kann nicht einmal die AfD etwas ändern, die jetzt eine Klage einreichen will, die sie gar nicht einreichen darf. Die Homo-Ehe ist eines dieser Themen, die, wenn sie erstmal durch sind, auch endgültig durch sind.

Was bleibt, ist ein Pyrrhus-Sieg über die Kanzlerin, der zwar auf der einen Seite einen längst überfälligen zivilisatorischen Fortschritt bedeutet, der andererseits der Kanzlerin aber nur nützt und weiteren, ebenso überfälligen Schritten, die Grüne und Linke der SPD in einer linken Koalition hätten abringen können, wohl den Todesstoß versetzt. Und das schlimmste ist: sie haben nicht einmal begriffen, dass sie wie ein Tanzbär von der Kanzlerin am Nasenring durch die Manege gezogen wurden.

Denn auch das muss gesagt werden: Einem homosexuellen Iraker oder Afghanen nutzt es wenig, dass er in Deutschland jetzt auch so richtig echt heiraten und Kinder adoptieren kann, wenn er im nächsten Atemzug in sein Heimatland deportiert wird, weil ja ein paar Ecken des Landes fast schon nicht mehr Kriegsgebiet sind – und was könnte einem Homosexuellen schon im Irak passieren, was ihm nicht auch in Dresden oder Straubing passieren würde?

Dieses geradezu brillante, weil perfid-unauffällige, Spiel von „Divide et Impera“, dass das sogenannte „linke Lager“ – dass nicht halb so links ist, wie der Name vermuten lässt – eines gemeinsamen Themas beraubt, um die eigene Macht zu sichern, hat fürderhin das Potenzial, Teile Europas soweit zu verarmen, dass „subalpin“ nach „Subsahara“ klingt und „christlich-jüdisch“ nach „islamistisch“, hat das Potenzial, die Europäische Union zu sprengen – die Briten hat es bereits vergrault.

Merkel und Schäuble haben Brüssel in einer Weise gelenkt, deren Folgen beide in ihrem Ethnozentrismus nicht abschätzen können; bei all der Brillanz, die ich Merkel im machtpolitischen Kontext unterstelle. Mit den Worten des heiligen Adenauers: „Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.“

Die drängenden Probleme unserer Zeit – Menschenrechte, Asyl und Flucht, das Auseinanderdriften der Europäischen Union, amerikanischer Isolationismus – können nur durch linke Antworten gelöst werden, rechte Antworten haben sie verursacht. Armut, eine Wurzel, die all diese Probleme gemein haben, kann nicht durch mehr Kapitalismus, durch Markt- und Arbeitsliberalisierung bekämpft werden. Der „Manchesterkapitalismus“ – nochmal: die Älteren werden sich erinnern – war kein Arbeiterwunderland, in dem es allen gut ging, weil niemand irgendetwas regelte. Arbeiter, die sich gegen den Kapitalismus solidarisierten, Gewerkschaften und Parteien gründeten, brachten uns diejenige „soziale Marktwirtschaft“, die Gerhard Schröder (SPD) mit seiner Agenda 2010 bis auf die Grundmauern schleifte.

„Und als Christ sollte man sich auch keine Hoffnungen darüber machen, dass Kreuzzügler, Hexenjäger, Inquisitoren und Horst Seehofer eine andere Bibel gelesen hätten, als man selbst. Wer suchet der findet – und wer Muslimen den Koran wörtlich vorhält, sollte mal in der Bibel nachschlagen, wer zum Beispiel so alles mit dem Tode bestraft werden soll.“

Und wo wir schon dabei sind: Wer wissen will, wie sich radikale Muslime von radikalen Christen unterscheiden, muss nur mal die Kommentarspalten der Zeitungen, oder einfach die Frankfurter Allgemeine Zeitung aufschlagen: nämlich gar nichts.

Merke: Die Aufklärung, die Moderne, die Demokratie wurden und werden immer wieder gegen jede Religion erkämpft. Welche Religion spielt dabei keine Rolle, oder, um den australischen Comedian Jim Jefferies zu paraphrasieren: „Das Christentum ist dem Islam um gut 600 Jahre voraus – 600 Jahre in der Vergangenheit und ich müsste mich für meine Witze vor der heiligen Inquisition rechtfertigen.“ 60 Jahre zurück und ein homosexueller Mann musste sich vor deutschen, christlichen Richtern dafür rechtfertigen, homosexuell zu sein, weil aus purer Menschenliebe die entsprechende Gesetzgebung aus dem Dritten Reich übernommen wurde. 6.000 Kilometer nach Süden, und Christen bestrafen heute noch Schwule mit Gefängnis oder Tod. Und ja, ich sage „Schwule“, nicht „Homosexuelle“. Denn zum Einen würde absolut überall in der Welt Bürgerkrieg ausbrechen, wenn plötzlich die Lesbenpornos von den Pornoseiten verschwinden würden – niemand hat ein Problem mit Lesbensex -, zum Anderen ist mir kein Beispiel bekannt, bei dem neben dem Sex zwischen zwei Männern auch der Sex zwischen zwei Frauen illegalisiert wäre.

Und als Christ sollte man sich auch keine Hoffnungen darüber machen, dass Kreuzzügler, Hexenjäger, Inquisitoren und Horst Seehofer eine andere Bibel gelesen hätten, als man selbst. Wer suchet der findet – und wer Muslimen den Koran wörtlich vorhält, sollte mal in der Bibel nachschlagen, wer zum Beispiel so alles mit dem Tode bestraft werden soll: Jeder, der seine Eltern schlägt oder verflucht, der den Sabbat entehrt oder an diesem Tag arbeitet, Ehebrecher, jeder, dessen Kind nicht den richtigen Glauben hat, der Gottes Namen schmäht oder, immer wieder, jeder, der Sex mit einem Tier hat – offensichtlich ein verbreitetes Problem bei frühen Christen. Wer ein echter Christ ist, für den sind Gottes Befehle Gesetz, das scheint mir der Sinn der ganzen Geschichte – dass also so viele sich Christen nennen, ohne nach Gottes Gesetz zu leben, macht das Christentum also nicht zu einer friedlicheren Religion.

Die „Ehe für alle“ ist ein kleiner Triumpf gegen die Christen im Bundestag, gleichzeitig ist sie vielleicht die größte Niederlage dieses Jahres für alle, die jetzt jubeln – ein Pyrrhus-Sieg der uns alle, und mehr noch diejenigen, die unseres Schutzes bedürfen, teuer zu stehen kommen könnte. Aber feiert nur…

Ich hör‘ schon den Kinderchor erklingen: „Wer hat uns verraten? ~ “

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