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Menschen mit fremden Wurzeln in hybriden Stadtlandschaften @ neofelis Verlag

Buchtipp zum Wochenende

Menschen mit fremden Wurzeln in hybriden Stadtlandschaften

Es wachsen im deutschen massenmedialen Einwanderungsdiskurs ‚Wurzeln‘ heran: Ausländische, fremde, türkische, islamische, afrikanische usw. Doch wie steht es mit Metaphern dieser Art, wenn man sich damit näher beschäftigt? Marcus Termeer zeigt in seinem Buch die performative Kraft von Metaphern. MiGAZIN veröffentlicht das Vorwort.

Freitag, 03.02.2017, 4:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 05.02.2017, 13:23 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Das Buch von Thilo Sarrazin Wunschdenken. Europa, Währung, Bildung, Einwanderung. Warum Politik so häufig scheitert kletterte unmittelbar nach Erscheinen im April 2016 auf Platz Eins der Spiegel-Sachbuch-Bestsellerliste und verwies die kritische Edition von Adolf Hitlers Mein Kampf auf den zweiten Rang.

Sarrazin hatte bereits in seinen letzten Büchern ausgiebig über die genetischen Unterschiede zwischen Menschen und über die Vererbung von Intelligenz schwadroniert. Weiterhin übt er sich in Völkerpsychologie, wenn er angesichts der sogenannten Flüchtlingskrise davor warnt, dass die Einwander_innen aus arabischen und afrikanischen Ländern die „kognitive Intelligenz“ des deutschen Volkes dauerhaft schwächen könnten. Einen angemessenen Gesprächspartner findet er damit sicherlich in dem völkischen AfD-Ideologen und Thüringer Landtagsabgeordneten Björn Höcke, der sich seinen Kopf über das Verhältnis des „lebensbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp[s]“ zum „europäischen Platzhaltertyp“ zerbricht.

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Derartige Positionen reihen sich in die an Zahl zunehmenden und im Duktus schärfer werdenden Debatten über nationale Identität, ‚deutsche Werte‘ und die angeblich unsichere Zukunft der deutschen Gesellschaft angesichts verstärkter Immigration ein. Gesellschaftliche Debatten über Identität gewinnen immer dann an Intensität, wenn die Verhältnisse unüberschaubarer und fluider werden und Identität zu erodieren droht, sei es u. a. durch vermeintlichen Verfall des moralischen Wertefundaments oder durch vermehrte Einwanderung. Komplexer werdende Situationen evozieren anscheinend das Bedürfnis nach einfachen, manichäischen Antworten. Schnell wird dann zu biologistischer Metaphorik gegriffen; soziale Verhältnisse werden dadurch naturalisiert. Sarrazins und Höckes Darstellungen sind nur die prominentesten Beispiele für die Aktualität einer biologistischen Sprache im politischen Kontext. Der Verkaufserfolg von Sarrazin als Autor und die Wahlerfolge der AfD indizieren die gesellschaftliche Basis derartigen Denkens.

Marcus Termeer untersucht in seinem Essay die Omnipräsenz und gleichzeitige Ambivalenz der Wurzelmetaphorik im Kontext postfordistischer Urbanität. Er zeigt, dass selbst bei Migrant_innen der dritten Generation in den Medien immer noch häufig auf ihre angeblichen Wurzeln in einem anderen Land hingewiesen wird, als hätte diese Feststellung eine über die bloße Tatsache hinausgehende Bedeutung.

Marcus Termeer ist promovierter Soziologe und lebt als freier Autor in Freiburg i. Br. Er veröffentlichte u. a. zu Verkörperungen des Waldes, zu den Verhältnissen von Sicherheitspolitiken, Symbolökonomie und räumlicher Polarisierung in postfordistischen Städten, zur Rolle der (Sub-)Kultur bei der Inwertsetzung und Kontrolle des Urbanen, zur Produktion von Stadt- und Naturräumen im ‚postmaterialistisch‘ erneuerten Kapitalismus und zum Vergnügen als Arbeit und Herausforderung im Postfordismus.

Termeer geht der politischen und gesellschaftlichen Funktion dieser Metaphern nach und diskutiert ihre Implikationen in hybriden Stadtlandschaften. Auch in scheinbar toleranten Phänomenen wie dem Karneval der Kulturen in Berlin oder alternativen Praktiken wie dem Urban Gardening dechiffriert er die (impliziten) Ausschlussmechanismen. Die postfordistische, hybride Stadt wird nicht einfach nur bunt, mannigfaltiger und offener.

Diese Entwicklungen weisen eine Kehrseite auf und produzieren neue Diskriminierungen, die auf sozialen Klassen- und Einkommensunterschieden gründen und zugleich meist ethnisch grundiert sind. Die in der heutigen Kommunalpolitik postulierte ‚Durchmischung‘ von Stadtvierteln trifft beispielsweise letztlich immer die Bereiche mit einem hohen Migrant_innenanteil, die als Problemviertel ausgemacht wurden. Die Forderung nach angemessener Durchmischung trifft folglich ausschließlich die arme Wohnbevölkerung, während etwa die Villenviertel davon unberührt bleiben. Termeer bringt in seinem Essay zwei aktuelle und hochbrisante gesellschaftspolitische Tendenzen in innovativer Weise zusammen.

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