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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, bearb. MiG

Gelichter

Die Gewalt der Masse

Von Kriegsvertriebenen wird derweil an jeder Ecke verlangt, sich an das deutsche Grundgesetz zu halten - warum eigentlich nicht auch von den Deutschen? Von Sven Bensmann

Von Dienstag, 11.10.2016, 8:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 12.10.2016, 17:47 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Es fällt zur Zeit nicht leicht, Worte zu finden. Trump in den USA erklärt alle Frauen zu Sexobjekten, dass selbst eingefleischten Republikanern Angst und Bange wird um ihre Mütter, Töchter, Schwestern, Nichten und Ehefrauen, und sich angewidert abwenden – wenn das die Alternative zum Unschuldstick im Islam ist, bin ich bedient; in Ungarn wird die letzte unabhängige Zeitung dicht gemacht, ohne das die deutsche Öffentlichkeit groß Notiz nähme – ist ja schließlich nicht in der Türkei oder Russland passiert, sondern in Europa, ist also halb so wild; und in Deutschland wünscht die Polizei der Pegida viel Erfolg, auf dass die Sympathien der Staatsgewalt mit rechten Gewalttätern nicht mehr nur latent sichtbar seien – Oury Jalloh würde sich im Grabe umdrehen.

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Und zum Festtag der Deutschen Einheit sah Dresden dann stellenweise aus wie 1933. Sähe es doch nur wieder aus wie 1945! Die Außenwirkung dieser Bilder in die Welt wäre bei weitem nicht so abstoßend unter den zivilisierten Völkern dieser Welt.

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Apropos Türkei. Danyal Casar lieferte kürzlich eine treffende Analyse von Erdoğans Türkei, die sich auch treffend auf die neuen Rechten anwenden lässt. Die geistige Verwandtschaft dieser beiden zeigt sich darin umso klarer. In etwa lässt sich das so paraphrasieren:
In der [AfD/Pegida/Festung Europa/…] eignen sich diejenigen, die nichts haben oder zumindest glauben, nichts zu haben, die grobe Gewalt der Masse an. Das zentrale Instrument dieser [AfD/Pegida/Festung Europa/…] ist das Kitzeln der narzisstischen Kränkung – die darin liegt, dass Größenwahn und Wirklichkeit sich nicht decken – zur nationalen Psychose.

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Das kann man so stehen lassen, denk ich.

Was aber kann man nun tun gegen die Gewalt einer Masse, die Staatsorgane und Staatsgewalt längst unterworfen hat und sich doch weiter als eine unterdrückte Minderheit geriert, die sich mit Gewalt einer Mehrheit widersetzen muss?

Für die Politik rechts wie links lautet die Antwort aktuell: „Indem wir denen klarmachen, dass uns Menschenrechte und das Grundgesetz ebenso egal sind“. Damit aber wird man Pegida nicht los, damit ändert man höchstens die Attitüde von „Wir sind besorgt“ zu „Jetzt sagen wir, wo’s langgeht“. Jahrelang wurde der Bundesrepublik attestiert, dass 20% der Bevölkerung latente Rassisten und Antisemiten sind, die sich einen starken Führer wünschen. Solange das jeder für sich allein dachte, waren diese Menschen halbwegs ungefährlich. Erst in der Gruppe können Sie nun den Terror verbreiten, der seit Monaten die Medien beschäftigt.

Von Kriegsvertriebenen wird derweil an jeder Ecke verlangt, sich an das deutsche Grundgesetz zu halten – warum eigentlich nicht auch von den Deutschen? Sowohl von den Volksvertretern, als auch von denen, die behaupten, das Volk zu sein? Schon am untersten der untersten Standards scheitern viele unserer Mitbürger bereits. Am allerersten Artikel, der Grundlage unseres Grundgesetzes, das seinerseits Grundlage der gesamten deutschen Gesellschaft ist: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Gehen uns diese sechs Worte verloren, ist alles verloren.

Pegida hat die Republik bereits deutlich nach rechts gerückt, das hingegen wäre der erneute Untergang des Abendlandes. Und er ginge wieder mal von deutschem Boden aus.

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