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Szene mit Mariah Idrissi aus dem H&M Werbespot © H&M

Kopftuch

Verschleierte Realität

Dürfen Kopftuchträgerinnen enge Jeans, High Heels und viel Schminke tragen? Ist das ein Widerspruch zu ihrem islamischen Glauben. Was, wenn ja? Ein Plädoyer für inkonsequentes und widersprüchliches Handeln. Von Nohma El-Hajj

Von Mittwoch, 25.05.2016, 8:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 29.05.2016, 21:21 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |   Drucken

Info: Dieser Text ist eine Replik auf das in der TAZ (10. Mai 2016) erschienene Essay „Verschleierte Unterordnung“ von Güner Yasemin Balcı.

Ich trage kein Kopftuch. Ich trage es deshalb nicht, weil ich es für meinen muslimischen Glauben nicht brauche. Durch ein Tuch auf dem Kopf fühle ich mich persönlich nicht religiöser. Punkt. Nicht weniger und nicht mehr. Und die Betonung liegt auf „nicht mehr“. Aus diesen Worten soll bitte niemand eine große theologische, philosophische oder gar politische Anschauung ableiten. Manchmal sind Verhaltensweisen so simpel, wie sie eben nur sein können.

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Mein für alle Welt sichtbares Haar ist kein Symbol und steht für nichts. Und wenn jemand eine symbolträchtige Geste in mein Verhalten interpretieren möchte, fühle ich mich in meine Schulzeit zurückversetzt, in der ich im Deutschunterricht beim Verfassen meiner Textanalysen von Goethes Werken jedem gewählten Versmaß und jeder Reimform eine Bedeutung beimessen wollte. So konnte ich mich mit größter Wonne verausgaben und Motive und Andeutungen kreieren, nur um die in meinem Geist bereits längst vermutete Bedeutung seiner Gedichte zu belegen. Was der Dichter wirklich gemeint haben könnte, interessierte nicht sonderlich und fragen konnte man ihn auch nicht; Goethe ist tot.

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Die verschleierten Frauen, die Balcı in ihrem Essay meint, leben. Theoretisch könnte sie mit ihnen sprechen und ihnen Fragen stellen. Ich weiß nicht, mit wie vielen sie bisher den Dialog gesucht hat, um sich ein Bild über ihre jeweiligen Motive zu machen.

In ihrem Artikel verweist sie auf junge Kopftuchträgerinnen mit engen Jeans, High Heels und viel Schminke und sieht darin den “ … körperlichen Freiheitsdrang vieler junger Musliminnen, der in großem Widerspruch zu einem strengen islamischen Zuchtgebot steht.“ Interessant, dass sie aus diesem Phänomen bloß diesen einen Rückschluss zu ziehen vermag. Kann es nicht vielleicht auch sein, dass diese Damen eine für sie selbst akzeptable Balance zwischen religiöser Praxis und westlichem Kleidungsstil gefunden haben? Es kann doch sein, dass das Tuch mitunter als Modeaccessoire dient, welches ihre Identität auf bestimmte Weise widerzuspiegeln scheint. Möglich auch, dass sie für sich keinen Widerspruch zwischen trendigen Klamotten und Religion sehen und ja, möglich auch, dass sie mit bedeckten Reizen spielen und auch Blickfang sein wollen. Kurzum: Die Gründe einer sogenannten „Kopftuchbitch“ können so bunt sein wie ihre Kopftücher selbst. Wer diesem Phänomen reflexhaft die Fratze der Unterdrückung aufsetzen will, macht es sich wieder einmal zu einfach.

Da die Autorin vermutlich bereits ein fertiges Gedankenkonstrukt mit sich herumträgt, wird wie selbstverständlich das Puzzleteil hinzugefügt, welches sich mit der treu gehegten Anschauung deckt. In der Kognitionspsychologie spricht man bei diesem Vorgang von „Bestätigungsfehler“: Informationen werden so verwertet, dass sie zum eigenen Weltbild passen. In unserem Fall: Das Kopftuch muss Symbol der Unterordnung sein. Die Frau, die sich für das Kopftuch entscheidet, hat freiwillig das Patriarchat gewählt. Daran wird nicht gerüttelt und wo käme die Journalistin hin, wenn sie unter ihren Protagonistinnen auch mal Frauen finden könnte, die vielleicht nach eigenem Gutdünken handeln, ihr Auftreten selbst bestimmen und ja, herzlich wenig mit männlicher Dominanz anfangen können.

Die besagten Frauen würden, laut der Autorin, nicht nur ihren politischen Islam vehement der Öffentlichkeit aufdrücken, sondern seien obendrein voller Verachtung jenen Frauen gegenüber, die das Tuch nicht tragen würden. Bedauerlich, dass sie die beschriebene Verachtung erlebt hat. In meinen Begegnungen und Bekanntschaften habe ich diese Erfahrung nicht gemacht. Und so frage ich mich, wie es sein kann, dass die Wahrnehmung in so gegensätzliche Richtungen marschieren kann und ob eine von uns beiden einer eher selektiven Wahrnehmung verfallen ist. Natürlich formen Erfahrungen unsere Realität. Schwierig finde ich es allerdings dann, wenn der nächste Schritt die ungehaltene Generalisierung ist, die blind macht für Differenzierung und immun gegen alle Erscheinungen, die nicht zur gebastelten Wahrheit passen.

Eine undifferenziert geführte Debatte mag für Nicht-Betroffene eben nur eine Diskussion sein, nach der man gemütlich seinen Alltag fortführen kann. Vergessen wird, dass man aber Menschen zurücklässt, die gebrandmarkt wurden und die die Folgen solcher verallgemeinernden Diskussionen im eigenen Alltag ausbaden müssen, in dem sie immer wieder erklären müssen, dass sie eben nicht die westliche Frau als verdorben betrachten, dass sie kein Patriarchat aufrecht erhalten möchten, und dass sie sich nicht für die Unterdrückung der Frau im Islam stark machen möchten.

Ein weiterer Vorwurf lautet: „Von Frauen, die ein uneingeschränktes Recht auf das Tragen des Kopftuchs fordern, hört man selten, dass sie sich für Mädchen einsetzen, denen das Tuch von ihrer Familie aufgezwungen wird. Dabei müssten doch gerade jene für Selbstbestimmung eintreten, denen oft das Gegenteil unterstellt wird.“ Natürlich sollten Frauen, die das Tuch nicht tragen möchten in diesem Wunsch unterstützt werden. Dies sollte jedoch nicht nur im Sinne einer alternativlosen Pflicht den Frauen obliegen, die ein solches tragen. Es ist nicht das Tuch auf meinem Kopf, welches mich veranlassen sollte für die Rechte meiner Mitmenschen einzutreten und mich solidarisch zu geben, sondern es ist idealerweise der Gerechtigkeitssinn in meinem Kopf, der mich aktiv werden lassen sollte gegen jegliche Form der Unterdrückung. Eine bestimmte Gruppe besonders in die Pflicht zu nehmen, halte ich für scheinheilig. Schließlich betrifft die Frage nach Autonomie jeden einzelnen von uns.

Die Autorin sieht vor lauter Kopftuch den Menschen darunter nicht mehr. Die verschleierte Frau wird bloß noch als Symbolfigur begriffen, ihre Handlungen müssen einem erdachten Schema aus Konsequenz und Logik folgen, um der Rechtfertigung für ihre Andersartigkeit zu genügen. Wenn sie schon das Kopftuch trägt, dann bitte auch keine engen Klamotten und kein Make-up und wenn sie auf ihre Selbstbestimmung beharrt, dann bitte auch politisch aktiv sein für die, die nicht frei entscheiden können. Plötzlich wird ein Pflichtenkatalog überreicht, den es abzuarbeiten gilt, da kennen die Kritikerinnen keine Gnade und achten mit Argusaugen darauf, dass die Muslimin mit dem Kopftuch auch brav ihre gesellschaftlichen (und neuerdings auch religiösen) Pflichten erfüllt. Ihre gesamte Person wird auf dieses Tuch reduziert, all ihre Handlungen darauf zurückgeführt. Jedweder Versuch ihrerseits einfach normal zu sein, Mensch zu sein, wird abgebremst von Personen, in deren Weltbild das Kopftuch ein politisches Symbol ist und bleibt, unabhängig davon, dass Musliminnen ihren Platz in dieser Gesellschaft suchen und eben als normale Bürgerinnen gesehen werden wollen; egal ob sie sich nun eng kleiden oder nicht, High Heels tragen oder nicht, sich engagieren oder auch nicht.

Ja, auch Frauen mit bedecktem Haar dürfen inkonsequent sein, dürfen paradox sein. Um es in Goethes Worten zu formulieren: „Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!“ Viel Freude bei der Interpretation.

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