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Flüchtlinge am Münchener Hauptbahnhof

Ernüchterung

Endlich sind wir die Guten

Welch ein Imagewandel! Gerade war der Tumult um die Griechenlandkrise verhallt, gerade waren Bilder aus Heidenau um die Welt gegangen, gerade hatte man sich mit Pegida befasst, da überrollte die Willkommenskultur an Bahnhöfen. Deutschland als Vorbild! Von Maria Alexopoulou.

Von Dienstag, 06.10.2015, 8:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 11.10.2015, 23:01 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Ein paar Wochen hat die Euphorie gehalten. Wie im Sommermärchen 2006. Auch da hat die Rede von no-go-areas im Osten des Landes die fantastische Stimmung nicht gestört. Die „Deutschen“ hatten eine sympathische Form des Nationalismus gefunden, der nun als Patriotismus firmieren konnte, der sich nicht gegen andere „Nationen“ richtete, der vielmehr mit ihnen gemeinsam die jeweils eigene „Nation“ frenetisch feierte, immer wenn ein Tor fiel. Unausgesprochenes Ziel war damals, stolz sein zu dürfen, Deutscher zu sein, genau wie es die Jahre zuvor auch die Fans der italienischen, türkischen und griechischen Nationalmannschaft demonstriert hatten, die freudetaumelnd durch die Straßen Deutschlands hupten und Fahnen schwenkten. Endlich durfte man das auch als Deutscher, trotz NS und entsprechender „Erinnerungskultur“, trotz „Problemen mit der Integration“, die einige wenige Irregeleitete als Folge deutscher nationalistisch-völkischer Aversionen gegen „Andere“ deuteten.

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Und dann der Sommer 2015. Seit ein, zwei Jahren wurde in den Kreisen, die sich professionell mit Migration befassen, über Willkommenskultur debattiert. Der Begriff drehte sich dabei meist um Fragen des Arbeitsmarktes und um die Aporie, wie man qualifizierte Arbeitskräfte, die ob der fehlenden positiven Einwanderungspolitik Deutschlands lieber nach USA oder Kanada gingen, hierher locken könnte. Zudem ging es auch um die bessere Arbeitsmarktintegration von bereits hier befindlichen Migrant*innen, denen aufgrund strenger Regularien der Eintritt in den Arbeitsmarkt ihren Qualifikationen entsprechend verweigert oder erschwert wurde. Mit den neuen „Welcome- Centern“, die deutschlandweit seit einigen Jahren geplant und eröffnet wurden, wollte man gerade diese Paradoxie – Arbeitskräftebedarf und fehlende Arbeitsmigrationsförderung – institutionell angehen.

Im Spätsommer 2015 gewann der Begriff der Willkommenskultur jedoch plötzlich eine ganz andere, viel tiefere Bedeutung mit mannigfaltigen Äußerungsformen: Eine Kanzlerin, die weltweit als Übermutter der Flüchtlinge verehrt wird, Abertausende von selbstlosen Helfern, welche unermüdlich Menschen an Bahnhöfen klatschend und mit Hilfsgütern ausgerüstet empfangen, zu Tränen gerührte Nachrichtensprecher – die Deutschen, ein Hippievolk, wie aus Großbritannien boshaft herüber gerufen wurde.

Welch ein Imagewandel! Gerade war der politische und mediale Tumult um die Griechenlandkrise verhallt, in dem Deutschland nun sehr offen seine hegemoniale Position in Europa ausgespielt hatte und wieder einmal weltweit mit Nazi-Vergleichen konfrontiert wurde, gerade waren die ersten Bilder mit randalierenden „besorgten Bürgern“ in Heidenau um die Welt gegangen, gerade hatte man sich im In- und Ausland immer noch mit dem Phänomen Pegida befasst, da überrollte die Willkommenskultur aus allen Ecken und Enden Deutschlands die alten Vorstellungen über dieses Land, das Ende des „Germany Bashing“ schien eingeläutet. Deutschland und die Deutschen werden nun bewundert, Deutschland ist ein Sehnsuchtsland und stolz darauf, Deutschland ist moralisches Vorbild!

Doch worum ging es „den Deutschen“ hier? Um die Flüchtlinge weniger. Es sollte Informierte nicht erstaunen, dass die Haltung der Politik zum Flüchtlingsdrama, das sich schon seit langem anbahnte, auch in Deutschland alles andere als vorbildlich war. Kritiker warnten schon lange und Initiativen für Flüchtlinge organisierten schon vor dem Sommer 2015 Aktionen, um Bewusstsein für diese Frage zu generieren. Erst die Dramatik der Lage der durch Europa irrenden Flüchtlinge, was zum großen Teil auch Folge des von Deutschland durchgesetzten Dublin Übereinkommens war, lies die Dämme der deutschen moralischen Überlegenheit bersten: „Wir schaffen das!“. Kaum ein Ereignis neben der Wiedervereinigung von 25 Jahren dürfte die „deutsche Seele“ so sehr erregt haben: „Nun sind wir endlich die Guten!“

Die Ernüchterung tritt aber heute viel schneller ein, als es 1990 der Fall war. Aus gutausgebildeten syrischen Akademikern und Facharbeitern wurden schnell bildungsferne, für Salafismus rezeptive Muslime, die nicht „unsere Werte“ teilen, und die sich trotz „unserer Großzügigkeit“ in den Massenlagern prügeln. „Wir in Deutschland gehen nicht so miteinander um!“ „Wenn ihr bleiben wollt, müsst ihr euch anpassen!“ Wie schnell ist man zurück zu den alten, wohlbekannten Diskursen! Wie schnell hat alle wieder die „Überfremdungsangst“ erfasst! Es ist ein unglaubliches Tempo, das den kritischen Beobachter schwindelig macht!

Im Grunde waren das alles mediale Überhöhungen. Es gibt schon sehr lange Menschen in Deutschland, die Flüchtlingen helfen, ebenso wie es sehr viele gibt, die Flüchtlinge und Migrant*innen ablehnen. Der ganze Tumult, der entstanden ist, hat die Flüchtlinge nur instrumentalisiert, genau wie der Fußball instrumentalisiert wurde. Dahinter stecken all diejenigen diffusen, aus der „Mitte der Gesellschaft“ kommenden Kräfte, die Migrant*innen wie Nicht_Migrant*innen eine deutsche Leitkultur auferlegen wollen, und welche immer wieder auch die „Migrationsanderen“ dafür missbrauchen: sei es als Projektionsfläche der eigenen „Gutheit“ oder als Gegenbild für Zivilisation, Demokratie und Fortschritt, die man ja selbst seit Jahrhunderten gepachtet zu haben scheint.

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MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)

  1. Ana sagt:

    Ja klar, ich unterstütze und helfe, weil ich ein Gutmensch sein möchte und finde es klasse, endlich mal zu den Guten zu gehören. Um die Flüchtlinge geht es dabei nicht. Wie unendlich ermüdend ist das denn? Dieser Beitrag in dieser Form kann nur von einer Deutschen kommen. Wenn wir nicht endlich weg kommen von dieser Gut-Böse Klamotte und anfangen zu differenzieren, dann weiß ich es auch nicht…
    Deutschland ist all das: von weit rechts bis weit links und viel mehr und „den“ Deutschen und „die“ Deutsche gibt es nicht, auch nicht „das“ Deutschland. Vielleicht sollten wir hier selbst mal damit anfangen?

  2. posteo.de sagt:

    Wenn wir dass nicht bereits wären, hätten sich doch nicht so viele Migranten ausgerechnet für Deutschland entschieden.

  3. Manfred Liefke sagt:

    Mediale Überhöhungen – klar, Medien überhöhen immer. Flüchtlinge instrumentalisiert – sicher auch, aber „nur“? Der letzte Absatz ist so vage und pauschal formuliert – man kann nur erahnen, aber nicht wirklich verstehen, was gemeint ist. Anscheinend wird alles zusammengeschmissen: die populistischen Minister, denen die Flüchtlingsfrage nur zur Profilierung dient, und die wirklich bemühten Kräfte, die einfach nur anpacken wollen. Nicht sehr hilfreich, leider.

  4. Özer sagt:

    […] Da draussen stehen Menschen und H.E.L.F.E.N. Und von einer “ akademische Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Zeitgeschichte“ kommt sowas. […]

  5. aziz sagt:

    Ich verstehe nicht diesen Reflex von Verteidigung. Es würde hilfreich sein, sich nicht gleich mit der Masse zu identifizieren. Man könnte sich dann mit der Aussage des Textes auseinandersetzen.