Anzeige

Einheit in Vielfalt

Zeit für eine neue Verfassung – für alle Deutschen

Es ist Zeit für eine neue Verfassung, die der Tatsache, dass mittlerweile jeder 5. Bürger Deutschlands einen sogenannten Migrationshintergrund hat, rechnung trägt. Ein Plädoyer von Kemal Cem Yılmaz zum Tag der Deutschen Einheit.

Von Kemal Cem Yılmaz Mittwoch, 02.10.2013, 8:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 09.10.2013, 8:32 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |   Drucken

Die Verbrechen der Nazis an Millionen Juden, Sinti und Roma, an Behinderten, Sozialdemokraten und Kommunisten haben den wohl tiefsten Graben in der Geschichte Deutschlands geschlagen. Allerdings ist die Art und Weise, wie dieses Land nach dem Ende des verlorenen 2. Weltkrieges bzw. der Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Alliierten mit diesem Schandfleck umgegangen ist, wohl ebenso einzigartig in der Menschheitsgeschichte wie die vorangegangene noch nie da gewesene, derart industrialisierte Form einer Tötungsmaschinerie, durch die ganze Menschenmassen aufgrund ihrer angeblich genetischen Minderwertigkeit und ihrer ideologischen oder religiösen Zugehörigkeit vernichtet wurden.

Die nachfolgenden Generationen anderer Nationen bzw. Völker, die in den vergangenen Jahrhunderten ganze Völker und Kulturen ausgelöscht und ausgebeutet hatten, haben bis heute nicht annähernd so viel Einsicht gezeigt und Verantwortung für die Verbrechen ihrer Vorfahren übernommen.

___STEADY_PAYWALL___

Nach Ende des 2. Weltkrieges wurde 1949 unter Aufsicht der Besatzungsmächte eine neue Verfassung für die Bundesrepublik Deutschland beschlossen: das Grundgesetz. Dieses Grundgesetz war von Anfang an eine Art Übergangslösung und beinhaltete als Ziel die Wiedervereinigung der beiden entstanden deutschen Staaten und die anschließende Erarbeitung einer neuen Verfassung, die sich die „Bürger Deutschlands“ in „freier Selbstbestimmung“ geben sollten.

Dies ist auch 23 Jahre nach der sogenannten Wiedervereinigung – ich bevorzuge in diesem Zusammenhang eher den Begriff Annektierung, da man, wie ich finde nur schwerlich von einer Vereinigung sprechen kann, wenn all das, was das System der DDR ausmachte, im Grunde überhaupt keinen Einzug in den neuen gemeinsamen deutschen Staat fand – nicht geschehen, noch bedauerlicher: Es wird nach wie vor kein ehrlicher und offener gesellschaftlicher Dialog darüber geführt. Deutschland ist daher de facto noch immer ein von den Alliierten besetztes Land.

Es sollte nun also endlich eine neue Verfassung geschaffen werden, die zu einer wirklich unabhängigen deutschen Nation führen kann. In dieser Verfassung sollte der Tatsache, dass mittlerweile jeder 5. Bürger Deutschlands einen sogenannten Migrationshintergrund hat entsprechend, ein modernes und durch und durch humanistisch geprägtes Verständnis dafür sorgen, dass alle Staatsbürger dieses Landes auch als wirkliche Deutsche bezeichnet und angesehen werden können, damit der bereits in Artikel 3 des jetzigen Grundgesetzes manifestierte Grundsatz der Gleichheit und Gleichbehandlung aller Menschen vielmehr als gegenwärtig geschehend zu gelebter Wirklichkeit werden kann.

Außerdem könnten zum Beispiel auch zukunftsweisende, für andere Nationen vorbildhafte Gesetze verankert werden, die auch Bürgern mit anderer Staatsangehörigkeit, die ihre bürgerlichen Pflichten in Deutschland erfüllen und z.B. Steuern zahlen usw. auch weitergehende Rechte einräumen. Hier sei vor allem das Wahlrecht genannt. Es sollte eine Verfassung werden, die die Biografien und Eigenheiten von Ostdeutschen und Menschen verschiedenster Herkunft genauso berücksichtigt wie die Befindlichkeiten der westdeutschen „Urbevölkerung“ und der Bayern.

Einer der Gründe, warum Artikel 3 des jetzigen Grundgesetzes für Menschen mit Migrationshintergrund bisher häufig keine reale Gültigkeit erlangen konnte, ist meines Erachtens das Schuldgefühl, mit dem nachfolgende Generationen von Biodeutschen aufwuchsen. Viele Biodeutsche, die selbst gar keine persönliche Schuld für die Verbrechen der Nazis trugen, sich aber trotzdem schuldig fühlen mussten, trafen plötzlich auf Einwanderer und deren Nachfahren, die ein weitaus entspannteres Verhältnis zu ihren Ursprungsnationen hatten, was häufig zu Komplexen aufseiten der Biodeutschen führte und die Abneigung gegenüber „Fremden“ oft verschärfte. Die einen schwenkten ganz selbstbewusst ihre Fahnen während die anderen es oft mit einer Art Schamgefühl tun mussten. Und das in ihrem eigenen Land…

Verantwortung für vergangene Generationen zu übernehmen ist etwas sehr Lobenswertes und Anständiges und verantwortungsbewusst gegenüber nachfolgenden Generationen zu handeln, sollte sogar die Pflicht einer jeden Generation sein. Schuld jedoch kann nicht auf nachfolgende Generationen übertragen werden. Schuld ist nicht vererbbar.

Seit einigen Jahren schwenken nun sogar Menschen nichtdeutscher Herkunft gemeinsam mit Biodeutschen ganz selbstverständlich und voller stolz die deutsche Fahne. Genau dieses Grundgefühl, dass nämlich alle Bürger dieses Landes, egal welche Hautfarbe sie haben oder welcher Abstammung sie sind, gemeinsam stolz auf dieses Land mit seinen vielen positiven Errungenschaften sein können, sollte sich auch in einer neuen deutschen Verfassung widerspiegeln. Begriffe wie Biodeutsche, Russlanddeutsche oder Migrationshintergrund usw. sollten dann endlich der Vergangenheit angehören.

All denjenigen, die meinen, auf eine Nation und alles was damit verbunden ist, könne man grundsätzlich nicht stolz sein, möchte ich sagen, dass ich der festen Auffassung bin, dass eine wirkliche, von der Diktatur des Kapitalismus befreite Globalisierung der Menschheit erst dann möglich sein wird, wenn alle Nationen auf dieser Welt auch tatsächlich souveräne und freie Gebilde werden und sich mit Respekt auf Augenhöhe und ohne Angst voreinander begegnen können. In einer Welt, in der allen Nationen viel daran liegt, das es auch allen anderen Nationen und ihren Bürgern gut geht und in der nicht die ethnische Abstammung, sondern kulturelle Merkmale, allen voran natürlich die Beherrschung der Sprache, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation definieren.

Dies würde zwangsläufig auch dazu führen, dass es immer mehr Hybridmenschen gäbe, die zu mehreren Nationen gleichzeitig gehören und eine wichtige Funktion in dieser weitaus gesünderen und richtigeren Form der Globalisierung einnehmen könnten. Erst muss ein friedliches und gleichberechtigtes Zusammenleben von Menschen verschiedenster Herkunft innerhalb vorhandener Nationalstaaten möglich sein, bevor an so etwas wie eine Weltregierung oder Ähnliches gedacht werden kann. Erst müssen die Grenzen in den Köpfen verschwinden, danach die Grenzen auf der Landkarte. Dieser Prozess ist mühsam und wird sich im Idealfall sogar über viele Generationen hinziehen. Eine sehr wichtige Aufgabe hätten dabei übrigens Künstler, Musiker und Wissenschaftler inne.

Deutschland hätte als Nation ebenfalls die Chance, mit einer neuen Verfassung eine sehr bedeutende Rolle in diesem Prozess einzunehmen und wegweisend für die gesamte Menschheit zu sein. Willy Brandt’s legendärer Appell aus dem Wahlkampf von 1972 sollte daher erweitert werden, wer denn nun einE DeutscheR ist, für ein neues und stärkeres deutsches Nationalbewusstsein (nicht für einen neuen deutschen Nationalismus!): „Deutsche ALLEN URSPRUNGS, ihr könnt stolz sein auf euer Land!“

Zurück zur Startseite
UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Um diese Qualität beizubehalten und den steigenden Ansprüchen an die Themen gerecht zu werden bitten wir dich um Unterstützung: Werde jetzt Mitglied!

MiGGLIED WERDEN
MiGLETTER (mehr Informationen)

Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)