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Goethe-Institut, Porto Alegre, Sprache, Deutsch, Deutschland
Ein Goethe-Institut in Porto Alegre © Jaan-Cornelius K. @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

In einem Goethe-Institut

Sprachnachweis tatsächlich nur eine „vorgelagerte Integrationsmaßnahme“?

Der Sprachnachweis für nachziehende Ehegatten steht seit seiner Einführung 2007 in der Kritik. Trotzdem hält die Bundesregierung daran fest - als Integrationsmaßnahme. Die Realität in einem Goethe-Institut zeigt aber etwas ganz anderes: Beim Sprachnachweis geht es um Selektion von Menschen.

Von Donnerstag, 09.07.2015, 8:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 14.07.2015, 16:24 Uhr Lesedauer: 15 Minuten  |   Drucken

Eineinhalb Jahre ist es her, dass Siham* geheiratet hat. Seitdem lernt sie Deutsch – Tag für Tag. Ihren Mann, Thomas, hat sie seit dem Tag ihrer Trauung vier Mal gesehen, wenn er zu Besuch kam. Sonst kommunizieren sie über das Telefon. Thomas wohnt in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg. Siham lebt mit ihrer Familie in Casablanca, der größten Stadt Marokkos. Die 29-jährige investiert viel Zeit und Energie in das Erlernen der neuen Sprache: Vier Mal in der Woche nimmt sie ein Grand Taxi, um zu einer kleinen Privatschule in die Innenstadt zu fahren. Die Kurse dauern jeweils drei Stunden. Sobald sie zu Hause ist, wiederholt sie das Gelernte und erledigt ihre Hausaufgaben. Dazu zieht sie sich in ein Zimmer zurück, das sich im obersten Stockwerk des Familienhauses befindet. Dort ist sie ungestört.

Die Wände in diesem Raum sind mit Arbeitsblättern tapeziert. Auf einigen sind Gegenstände abgebildet, unter die Siham das jeweilige deutsche Wort geschrieben hat. Sie verwendet vor allem Großbuchstaben, die Größe der Schriftzeichen sowie Linien sind ungleichmäßig und zittrig und oft machen die Zeilen, sobald mehrere Wörter aneinandergereiht wurden, einen steilen Bogen nach unten. Die Schrift erinnert an die einer Erstklässlerin. Und tatsächlich hat Siham erst mit dem Deutschkurs begonnen, schreiben zu lernen. Davor war sie nicht alphabetisiert, weder in arabischer noch lateinischer Schrift. Als sie im schulreifen Alter war, fragte sie ihre Mutter, ob sie nicht zu Hause bleiben könne. Diese willigte ein und seitdem hilft Siham ihrer Familie im Haushalt. Sie ist nie zur Schule gegangen. Die Sprachprüfung für „nachziehende Ehegatten“, die sie beim Goethe-Institut ablegen muss, um ein Visum für Deutschland beantragen und zu ihrem Mann ziehen zu können, wird die erste in ihrem Leben sein. Seit eineinhalb Jahren denkt sie an nichts anderes, im Kopf geht sie immer wieder die vielen erlernten Wörter durch und zeichnet mit dem Finger die Buchstaben nach, um nichts zu vergessen. Oft kann sie deswegen nachts nicht schlafen.

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Integration vor Europas Außengrenzen

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2007 wurde von der rot-schwarzen Bundesregierung die Sprachnachweispflicht für „nachziehende Ehegatten“ aus „Drittstaaten“ eingeführt. Um ein Visum zur „Familienzusammenführung“ beantragen zu können, müssen AntragstellerInnen wie Siham Deutschkenntnisse auf A1-Niveau vorweisen, dem niedrigsten Niveau des Europäischen Referenzrahmens für Sprachen. Begründet wurde die Einführung dieses Sprachnachweises vor allem über das Argument der Integrationsförderung. Auf der Internetseite der Bundesregierung heißt es über die Novellierung des Zuwanderungsgesetzes: „Zudem müssen künftig einfache deutsche Sprachkenntnisse vor der Einreise nachgewiesen werden, um insbesondere den nachziehenden Frauen die Integration in Deutschland zu erleichtern.“ Die Idee hinter dem Sprachnachweis im Rahmen des „Ehegattennachzugs“ ist es also die Integration von Menschen bereits zu fördern, bevor sie überhaupt in Deutschland ankommen.

Den Auftrag, die Erbringung dieser „vorgelagerten Integrationsleistung“ für „nachziehende Ehegatten“ zu „unterstützen“ und abzuprüfen, hat das Goethe-Institut, das „weltweit tätige deutsche Kulturinstitut“, nach einigen kontroversen Debatten angenommen. Seitdem bieten Goethe-Institute in „Drittstaaten“ auf der ganzen Welt – abgesehen von den USA, Australien, Brasilien, Honduras, Israel, Japan, Kanada, Korea und Neuseeland, die „aufgrund langjähriger und enger Beziehungen“ erstaunlicherweise vom Sprachnachweis befreit sind – so genannte „Vorintegrationskurse“, sowie die Prüfung „Start Deutsch 1“ an, mit der das Sprachniveau A1 abgeprüft wird.

Im Rahmen meiner Doktorarbeit habe ich mich auf den Weg nach Marokko gemacht, um zu verstehen, welche Auswirkungen der Sprachnachweis mit sich bringt. Ich habe Menschen mit marokkanischer Staatsangehörigkeit durch das gesamte Verfahren des „Ehegattennachzugs“ – vom Sprachkurs über das Prozedere im Konsulat bis hin zur Ausreise nach Deutschland – begleitet und zum anderen in Institutionen wie dem Goethe-Institut Gespräche geführt. Schnell konnte ich feststellen: Das Thema „Integration“ ist ebenso omnipräsent wie die Angst vor der „Nicht-Integration“ der „nachziehenden Ehegatten“.

Als ich mich zum ersten Mal mit dem Leiter der Sprachabteilung des Goethe-Instituts Marokko treffe, zeigt er sich erfreut über mein Forschungsvorhaben und betont, dass das Thema doch wirklich unter den Nägeln brenne: „Wir müssen etwas ändern, sonst haben wir so etwas wie Neukölln. Kennen sie das Buch von Buschkowsky? Das müssen sie mal lesen.“ Im Goethe-Institut Marokko scheint „Neukölln ist überall“ (2012) eine Art Hiobsbotschaft geworden zu sein, ein Aufruf schon vor den Außengrenzen Europas ein ganz spezifisches Szenario, wie es der Autor des Buches im Berliner Bezirk Neukölln verortet, in deutschen Städten zu verhindern: „Familien, die seit Generationen von Hartz IV leben, Eltern, die sich nicht um ihre Kinder kümmern, Jugendliche ohne Zukunftsperspektive, Parallelgesellschaften, Gewalt und Kriminalität“ – und all das aufgrund einer gescheiterten Integrationspolitik. Das ist der Tenor des Buches des ehemaligen Bezirksbürgermeisters von Neukölln, Heinz Buschkowsky, das der Sprachabteilungsleiter immer wieder erwähnt und auch MitarbeiterInnen zur Lektüre empfiehlt.

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