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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, bearb. MiG

Gelichter

Politiker rufen zu Toleranz auf – gegenüber Neonazis

Wir leben in einem verrückten Land. Bei uns werden Antifaschismus und Rassismus in derselben Kriminalstatistik registriert, Flüchtlinge werden mit Hitlergrüßen willkommengeheißen und Halbmonde mit christlichen Nächstenliebe bombardiert.

Von Dienstag, 30.06.2015, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 02.07.2015, 2:47 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Das ist ja gerade nochmal gut gegangen. Fast wäre aus dem bösen Türken, der eine junge Heldin umgebracht hatte, eine zivilcouragierte, ja, nu, äh, auch Türkin, aber die werden ja eh am meisten drangsaliert von diesen bösen Türken, insofern sind vielleicht nicht alle Türken, aber doch zumindest alle männlichen Türken, und auch die meisten Türkinnen, aber diese eine Studentin, die war ja irgendwie auch gar keine Türkin, sondern eine deutsche Studentin mit einem komischen Namen, also die sind doch irgendwie böse, und aus diesem bösen Türken wäre ja nu fast einer geworden, der bloß einer stockbesoffenen, renitenten Zicke das verpasst hatte, was sie verdiente: eine ordentliche Maulschelle – die dann irgendwie in einen schwereren Unfall eskalierte, aber der Richter hat dann doch richtig entschieden und die deutsche Welt&Bild gerettet, welche schon am Tag der Tat das Urteil verkündet hatten. Tuğçe war also doch irgendwie ok.

Aber: Ein Zufall?

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Im Laufe der letzten Woche hatte ausgerechnet der Bayrische Rundfunk thematisch auf das muslimische Leben in Deutschland gesetzt und zum Ramadan mit verschiedenen Themensendungen um das Publikum geworben, Mit einem eingeblendeten Halbmond sollte auf die Themenblöcke hingewiesen werden.

Schon nach kurzer Zeit waren bayrische Öffentlichkeit und Politik jedoch bereits in den Pegidamodus geschaltet und bombardierten den Sender mit echauffierten Wortmeldungen. Der Bayrische Rundfunk knickte natürlich ein vor all dieser christlichen Nächstenliebe.

Nur drei Tage später platzt auf einem Industriegelände in Lyon die Bombe: ein Attentäter versucht auf dem Gelände einer französisch-amerikanischen Gasfabrik diverse Sauerstoffcontainer in eine verheerende Gasexplosion zu verwickeln, rast dazu in diese hinein. Der Anschlag ist wohl als Fehlschlag zu verbuchen angesichts dessen, was hätte passieren können.

Die politische Elite behauptet, in Angst gefangen zu sein, um so die nächsten Schweinereien durchzusetzen und so nach und nach republikanische Demokratien in christtheokratische Diktaturen zu verwandeln.

Und Europa feierte dieser Tage den Sieg der Tyrannen über Napoleon und damit über die europaweite Verbreitung des Code civil.

Nur eine Koinzidenz?

Allons enfant de la patrie…

In Freital nahe Dresden gehen Neonazis auf die Straße und protestieren mit „Sieg Heil!“ und Hitlergruß gegen eine Flüchtlingsunterkunft. Politiker rufen zu Toleranz gegenüber den Neonazis auf.

Nicht weit entfernt, in Meißen, brennt eine Flüchtlingsunterkunft, an Einzug ist so nicht mehr zu denken. Und wer will den Flüchtlingen, die daheim vor Gewalt geflohen sind, auch diese Nachbarschaft zumuten?

Gleichzeitig wird in Berlin ein Flüchtlingsheim mit Hakenkreuzen beschmiert.

Schicksalhafte Fügung in einem Land, dass seit Jahren Antifaschismus und Rassismus in dieselbe Kriminalstatistik fügt?

Oder steckt vielleicht doch jemand dahinter? War es ein Inside-Job der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung und der NSA, die heimlich die Welt, die Politik und die Lügenpresse steuern, um die europäische Öffentlichkeit zum Beispiel davon abzulenken, dass nun allein in der letzten Woche sieben verschiedene Ultimaten, bis zu denen Griechenland aber nun wirklich gerettet sein musste, weil sonst die ganze Welt den Bach herunter geht, folgenlos verstrichen sind?

Heute ist ja wieder so ein Tag.

Und täglich grüßt das Murmeltier.

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  1. Man kann sogar sagen: Durchgeknallt!
    Ich habe heute einen Strafbefehl über € 450.- erhalten, weil ich angeblich einem Neonazi währen der Nazikundgebung den Stinkefinger gezeigt hätte.
    Dies aber basiert ganz sicher auf „falscher Anschuldigung“!
    Bekannt ist, dass die Nazis dazu übergegangen sind, ihre GegnerInnen zu denunzieren und die Berliner und Brandenburger Justiz „spielt“ dabei gern mit.
    Nun wünschte ich mir, dass die Berliner Justiz mich doch endlich dafür belangt, weil ich in fast 9 Jahren 67.600 Nazisticker allein zerstört habe.
    Ich warte „sehnsüchtig“ darauf!