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Yaşar Aydın, Yaşar, Aydın, Dr.
Yaşar Aydın © privat, bearb. MiG

Transnationale Perspektiven

Mehr Kosmopolitismus wagen!

Die größte Herausforderung für das Einwanderungsland Deutschland ist die Konstruktion einer neuen kollektiven Identität, die Vielfalt und Pluralismus und einen gesunden Patriotismus unter einem Hut bringt. Von Dr. Yaşar Aydın

Von Montag, 30.03.2015, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 31.03.2015, 17:59 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

In nahezu ganz Europa bekommen ultrarechte Parteien und populistische Politiker Zulauf. Angesichts der gesellschaftlichen Fragmentierung, Entfremdung der Minderheiten und Empörung der Einheimischen über „Integrationsprobleme“ der Migranten plädieren sie für eine Assimilationspolitik, die den Multikulturalimus ablösen soll. Dabei wird vergessen, dass im Zeitalter der Globalisierung Homogenität und Assimilation keine Alternativen sind. Vonnöten ist eine „kosmopolitische Öffnung“. Warum und wie könnte sie aussehen?

Unsere Welt ist von Globalisierungsprozessen gekennzeichnet, die gesellschaftliches Leben einem radikalen Wandel aussetzt. Die globalen Bewegungen von Kapital, Gütern und Dienstleistungen sowie die raumzeitliche Verdichtung unserer Lebenswelt durch immer engere Kommunikations- und Verkehrsnetzwerke (Globalisierung) begünstigen transnationale Orientierungen und Lebensführung, und sie beseitigen viele Mobilitätsbarrieren.

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Globalisierung und Migration: Chance und Herausforderung zugleich

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Im Zuge von Migrationsbewegungen und Massentourismus wiederum kommt es im Alltag unserer spätkapitalistischen Gesellschaften, insbesondere aber in den Städten, mehr denn je zuvor zu Begegnungen mit Fremden und mit anderen Kulturen. Während den „Fremden“ außerhalb der eigenen Gesellschaft mit Faszination begegnet wird, wird umgekehrt ihre Präsenz in der eigenen Gesellschaft als ein „pathologischer Zustand“ wahrgenommen. Migranten erzeugen nicht selten Furcht und Ressentiments bei den Einheimischen, die Einwanderung und der darauf folgende Integrationsprozess sind häufig durch Spannungen, Konflikte und Dispute über Fragen des Lebensstils oder der kulturellen Werte geprägt. Außerdem stellen sie eine Herausforderung für die Idee einer kulturellen Homogenität als Bezugsrahmen für die eigene Gesellschaft sowie für die Idee einer stabilen nationalen Identität dar.

Unsere globalisierte Welt ist hierarchisch strukturiert und unzählige Menschen sind in einem Kreislauf von Hunger, Armut, Schulden, Ausgrenzung und staatlichen Repressionen gefangen. Getrieben von Not, sind viele Menschen dazu bereit, ihre Organe zu verkaufen. Andere nehmen große Gefahren auf sich, um sich mit Hilfe von Menschenschmugglern nach Europa abzusetzen. Durch Migrationsdruck werden in europäischen Gesellschaften Ängste geschürt und die ohnehin radikalen sozialen Ungleichheiten, durch die unsere Gesellschaft gekennzeichnet ist, werden weiter verschärft.

Kosmopolitismus statt Rassismus und Nationalismus

Beide Entwicklungen – Destabilisierung unserer Identitätsentwürfe und Verschärfung der sozialen Ungleichheit – schaffen einen fruchtbaren Boden, auf dem Rassismus gedeihen kann. Rassismusforscher Christian Geulen konstatiert, dass wir an der Schwelle einer Epoche stehen, „in der eine regelrechte Renaissance des Rassismus zumindest möglich erscheint“ (Geschichte des Rassismus, 2007: 9). Im Zeitalter der Globalisierung gewinnt der Rassismus an Bedeutung und könnte in Zukunft eine viel prominentere Rolle spielen. Denn er ist eine Ideologie, die Lösung verspricht: für das Verhältnis Individuum und Gesellschaft sowie von Universalität und Partikularität, d.h. Weltgesellschaft und Nation. Und noch wichtiger: Der Rassismus verspricht, nationale Zugehörigkeit zu stabilisieren. Und darin liegt seine Attraktivität für diejenigen, die angesichts von sozialer Ungleichheit, Prekarisierung und Destabilisierung von Identität und Zugehörigkeit einen Halt suchen.

Wenn wir nicht wollen, dass in unserer Gesellschaft die Fragmentierung entlang ethnischer, kultureller und religiöser Linien voranschreitet, und wir einen Rückfall in den Nationalismus und Homogenitätswahn wie im 19. Jahrhundert ebenfalls ablehnen, dann bleibt nur die Alternative einer kosmopolitischen Öffnung unserer Nationsvorstellung und unseres Wir-Gefühls übrig.

In den letzten Jahren wurde diesbezüglich viel getan. Auch wenn es immer noch Weigerer und Uneinsichtige gibt, hat sich die Erkenntnis, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, weitgehend durchgesetzt. Die Zahl der Politiker – auf kommunaler, Landes- und Bundesebene – mit Migrationshintergrund ist deutlich angestiegen, die Optionspflicht für junge Leute wurde – wenn auch mit Einschränkungen – endlich aufgehoben. Und ganz zu schweigen von den Fortschritten der Migranten auf den Gebieten der Bildung und Arbeits- und Wohnungsmarktes. Auch wenn Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund Hautfarbe, Religionszugehörigkeit und Kultur weiterhin eine vollwertige Partizipation verhindern, stehen Verbesserungen ebenfalls außer Frage.

Ein neues Wir-Gefühl – auch für die „neuen Deutschen“

Es gibt aber auch viel zu tun: Die größte Herausforderung für das Einwanderungsland Deutschland ist die Konstruktion einer neuen kollektiven Identität, die Vielfalt und Pluralismus und einen gesunden Patriotismus unter einem Hut bringt. Eine neue kollektive Identität ist vonnöten, die nicht im Widerspruch steht zum Universalimus und zu partikularen Identitäten in der Einwanderungsgesellschaft. Letztere ist besonders wichtig, damit die neue kollektive Identität auch von „neuen Deutschen“ angenommen wird.

Vonnöten ist auch ein neues Wir-Gefühl, das ebenfalls die „neuen Deutschen“, deren Zahl aufgrund von Einbürgerungen enorm gestiegen ist, mit einschließt und miterfasst. Es gilt also, die Wir-Vorstellung so auszuweiten, dass die „neuen Deutschen“ darin ihren Platz finden und diese Wir-Vorstellung und kosmopolitische Werte sich nicht gegenseitig ausschließen.

In den 1970ern lautete der Wahlspruch: Mehr Demokratie wagen. Heute lautet er: Mehr Kosmopolitismus wagen.

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