Otmar Steinbicker, Journalist und Herausgeber des Aachener Friedensmagazins aixpaix.
Otmar Steinbicker, Journalist und Herausgeber des Aachener Friedensmagazins aixpaix.de. © Beate Knappe

Religiöser Exptremismus

Viele Probleme sind hausgemacht

Religiöser Extremismus, Pegida, Afghanistan - viele Themen stoßen derzeit aufeinander. Otmar Steinbicker, Herausgeber des Aachener Friedensmagazins aixpaix.de, erklärt im Gespräch, wie diese Themen zusammenhängen und sich gegenseitig "hochschaukeln".

Von Nasreen Ahmadi Dienstag, 03.02.2015, 8:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 13.02.2015, 13:38 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |   Drucken

Linkspolitikerin Sahra Wagenknecht hat kürzlich gesagt, ich zitiere: „Wenn eine vom Westen gesteuerte Drohne eine unschuldige arabische oder afghanische Familie auslöscht, dann ist das ein genauso verabscheuenswürdiges Verbrechen wie die Terroranschläge von Paris, und es sollte uns mit der gleichen Betroffenheit und dem gleichen Entsetzen erfüllen.“ Messen wir im Westen immer mit zweierlei Maß?

Steinbicker: Ich denke, dass wir bei solchen Themen sehr darauf achten müssen, dass nicht der Eindruck entsteht, man wolle womöglich Terroropfer gegeneinander aufrechnen. Richtig ist aus meiner Sicht, dass auch Drohneneinsätze zu Formen terroristischer Anschläge zu zählen sind. Sie sollten auch als solche international geächtet werden. Es wäre eine Aufgabe von Politik, eine solche Ächtung zu verlangen und in entsprechende Gremien einzubringen. Unzweifelhaft tragen Drohneneinsätze auch dazu bei, den Nährboden für neuen Terrorismus zu bereiten.

Sehr viele Menschen setzen in Deutschland trotz der zahlreichen bundesweiten Distanzierung und Positionierungen von Muslimen und Verbänden – die das Attentat in Paris aufs schärfste verurteilen – Terror mit dem Islam gleich. Sollte noch stärker darauf verwiesen werden, dass islamische Terrortaten vom Islam getrennt gesehen werden müssen? Und wenn ja: Wie?

Steinbicker: Unbedingt! Ein Attentat hat nichts mit einer Religion als Gesamtheit zu tun, selbst dann wenn ein Attentäter behauptet aus religiösen Motiven zu handeln. Der norwegische Massenmörder Breivik hatte vor Gericht behauptet, als Christ gehandelt zu haben. Das war absurd und daher hat auch niemand verlangt, christliche Kirchen sollten sich von Breivik distanzieren.

Ich begrüße es, dass dennoch viele Muslime und Verbände in Deutschland klar und unmissverständlich erklärt haben, dass dieser Terror nichts mit dem Islam zu tun hat. Es ist absolut nötig, hier Klarheit zu schaffen, um falsche Verdächtigungen nicht aufkommen zu lassen. Allerdings können wir diese Aufgabe nicht allein den Muslimen und ihren Verbänden überlassen. Da müssen wir alle gemeinsam, Muslime, Christen, Nichtchristen, Anhänger anderer Religionen sowie Atheisten, diese Unterstellung zurückweisen. Das geschieht ja glücklicherweise zum Teil schon. Das sollte aber noch deutlicher gemacht werden!

Wenn wir das nicht gemeinsam schaffen, dann tragen wir dazu bei, dass nicht nur Unschuldige verdächtigt werden sondern dass auch die vielfältigen Ursachen für Terrorismus, von denen ich einige stichwortartig benannt habe, im Dunkeln bleiben. Damit würden wir die weitere Ausbreitung des Terrorismus fördern statt bekämpfen.

Soweit muslimischer Einfluss auf Jugendliche vorhanden ist, sollte er natürlich genutzt werden, um ihnen Werte zu vermitteln, die sie gegen Terrorismustendenzen immun machen. Auch da liegt Verantwortung und auch da muss überlegt werden, was sich vielleicht noch verbessern lässt.

In Deutschland gewinnen die derzeitigen Pegida- Demonstrationen immer mehr an Zulauf. Sie zeigen, dass Fremdenfeindlichkeit und Ressentiments gegen Flüchtlinge offensichtlich bis weit in bürgerliche Kreise hinein verbreitet sind. Der AfD-Bundesvorsitzende Bernd Lucke nannte die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) ein „neues gesellschaftliches Phänomen“. Wie beurteilen sie die Proteste und wie soll man Ihrer Meinung nach mit diesen Protestbewegungen umgehen?

Steinbicker: Mich stört gewaltig die in Medien nicht selten benutzte Formulierung von Pegida als „islamkritischer Bewegung“. Wenn ich etwas ernsthaft kritisieren möchte, dann muss ich mich mit der jeweiligen Materie schon auseinandersetzen und Kenntnisse erwerben. Dass aber Pegida irgendwelche Kenntnisse über den Islam besitzt, hat wohl noch niemand zu behaupten versucht.

Es geht meines Erachtens den Pegida-Leuten überhaupt nicht um den Islam. Der dient ihnen allenfalls als „Sündenbock“ den man gegebenenfalls für alles Unglück dieser Welt verantwortlich machen kann. In dieser Hinsicht haben wir Deutsche leider eine schlimme Tradition! Sechs Millionen Juden wurden ermordet, weil die Nazis behaupteten, die Juden seien „unser Unglück“. Für mich stehen die Pegida-Demonstranten mit ihrer Anti-Islam-Hetze in dieser schlimmen Tradition!

Auffällig ist, dass die meisten Pegida-Demonstranten aus der Region Deutschlands kommen in der es die wenigsten Muslime gibt. Nein, den Pegida-Leuten geht es letztlich nicht um den Islam, sondern um Rassismus. Zusätzlich gibt es soziale Abstiegsängste, Unzufriedenheiten mit Regierungspolitik, Parteiensystem und Medien. Das Ganze ist eine sehr diffuse, dumpfe Mischung. Diese Mischung macht Pegida nicht ungefährlicher! Es würde also keinesfalls ausreichen, den Leuten auszureden, dass ihre Angst vor einer „Islamisierung“ grober Unfug ist.

Wie können wir Pegida-Vorurteile und die Ängste wieder aus den Köpfen der Menschen schaffen?

Steinbicker: Da ist eine Antwort nicht einfach. Zum einen erscheint mir eine unmissverständliche Absage an jede Art von Rechtsextremismus absolut notwendig. Das haben mehr als Hunderttausend in den letzten Wochen auf Anti-Pegida-Demonstrationen sehr gut gezeigt. Zum anderen ist aber auch Politik gefragt, die sozialen und politischen Themen zu bearbeiten, die vielen Menschen Ängste bereiten. Im Hinblick auf soziale Sicherheit zum Beispiel wären wirkungsvolle Maßnahmen zugleich ein Schutz vor Terrorismus und IS-Kriegstourismus wie auch vor Pegida-Zuwachs. Beide Bewegungen speisen sich zum Teil aus gleicher Quelle. Als Angehörige der Zivilgesellschaft sollten wir überlegen, welchen konstruktiven Beitrag wir mit unseren multikulturellen Erfahrungen gemeinsam in die Entwicklung einer demokratischen Kultur in Deutschland einbringen können. Durch unser sichtbares gemeinsames Agieren können wir unseren Teil gegen Ausgrenzungstendenzen beitragen.

Für Jugendliche mit Migrationshintergrund ist ein zentraler Beweggrund für den Einstieg in den Salafismus die Unzufriedenheit aufgrund von Diskriminierung und Ausgrenzung in der deutschen Gesellschaft. Verschiedene Studien bescheinigen ihnen Benachteiligungen in der Schule oder im Beruf. Im Fernsehen sehen sie jetzt die Pegida-Bilder und Demonstrationen, von denen sie die Botschaft erhalten: „Ihr seid als Muslime nicht willkommen.“ Stärkt Pegida den Salafismus?

Steinbicker: Ja, das ist so, wie Sie beschreiben. Strukturelle Benachteiligungen und Ausgrenzung bilden den Nährboden für Salafismus als Suche nach einer vermeintlich heilen Welt. Das Erleben von Rassismus und Hass gegen die eigene Religion stärkt dann diese Tendenz weiter. Zugleich sehen sich Pegida-Sympathisanten durch das Auftreten von Salafisten bestärkt. Da schaukelt sich eine gefährliche Mischung hoch, wenn wir nicht gemeinsam aufpassen und diesen Tendenzen entschlossen entgegentreten.

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