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Nuhr Islam

Da hätte LeFloid einfach mal seinen Mundt halten müssen

Die Strafanzeige gegen den Kabarettisten Dieter Nuhr wegen seinen Islam-Witzen schlägt hohe Wellen. Jetzt hat das Thema auch LeFloid erreicht, ein gefeierter Youtube-Jungstar. Benedikt Erb hat sich das angeschaut und kommt zu einem klaren Urteil.

Von Montag, 03.11.2014, 8:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 07.12.2015, 10:53 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |   Drucken

Der gefeierte Youtube-Jungstar LeFloid mit über 2 Millionen Followern laut Wikipedia erklärt uns nun schon seit einiger Zeit die Welt, wofür er auch schon diverse Auszeichnungen erhalten hat. Der ihm eigene, bewusst subjektive Collage-Stakkato-Action-News-Stil ist zweifelsohne nicht jedermenschs Sache aber es geht im folgenden auch nicht um Stilkritik, sondern um eine Auseinandersetzung mit der politischen Tiefe seiner beliebten News-Kommentare. Denn seine Einschätzung zum Thema „Anzeige gegen Dieter Nuhr wegen Beschimpfung von Bekenntnissen und Religionsgesellschaften“ in seinem Youtube-Beitrag vom 27.10. gibt mehr als zu denken. Sehen wir uns dazu einmal LeFloids Statements en détail an und reflektieren ihre Bedeutung:

„Aber wo wir gerade bei vernünftiger Message sind: Etwas themenverwandt [zum Hogesa-Aufmarsch in Köln] ist die Klage gegen Dieter Nuhr. Ja, der Mann, von dem viele von euch sagen, so würde ich in dreißig Jahren aussehen, wurde angezeigt.“ Von wem? Von einem Erhat Toka aus Osnabrück. Der ist Muslim und kann so gar nicht über den Kabarettisten lachen, wenn dieser über den Islam herzieht.“

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Erstmal fällt es schwer, eine Themenverwandtschaft zwischen offensichtlich rechtsextremen Ausschreitungen während einer offensichtlich islamfeindlichen Hooligandemo und einer Klage eines muslimischen Mitbürgers gegen die sogenannte Islamsatire von Dieter Nuhr zu erkennen. Es sei denn, mensch wollte tatsächlich – und das scheint LeFloid zu tun – der Hooligandemo eine zumindest im Kern legitime Salafismuskritik attestieren. Dass der rechte Antisalafismus eine im Grunde einfach durchschaubare islamfeindliche Rekrutierungsrhetorik rechtsextremer Kräfte ist, wurde in der Presse bereits mehrfach kommentiert, wenn es auch ganz offensichtlich noch nicht überall verstanden worden ist. Themenverwandtschaft also bestenfalls hinsichtlich der Tatsache, dass es um Islam geht. Und da kann ein LeFloid schon mal im einleitenden Satz folgendes Szenario abstecken: Vernünftige Islamkritik (Nuhr) trifft humorlosen, religiösen Konservativismus (Toka). Das ein sympathisch lächelndes Bild von Dieter Nuhr einem grimmig dreinblickenden Bild eines langbärtigen Erhat Toka gegenübergestellt wird, untermalt dieses Szenario auf visueller Ebene. LeFloid weiter über Nuhrs „über den Islam herziehen“:

„Dass er das aber als Satiriker in einer unfassbar schönen, pointierten Art und Weise macht und dass Satire nun mal Spott ist, der ganz gezielt und wie das Messer, das noch einmal in die Wunde gestichelt wird, auf gesellschaftliche Missstände hinweisen soll, das hat so ziemlich überhaupt keine Bedeutung für den Klagenden.“

Es sei LeFloid unbenommen, den Stil Nuhrs „unfassbar schön und pointiert zu finden“ – die Einschätzung, die klingt, als sei sie einer Preisverleihungslaudatio von Pro7 entnommen, muss mensch jedoch nicht teilen. Andere finden die Pointen von Nuhr einfach nuhr schlicht. Aber auch hier bieten sich jenseits von Stilkritik inhaltliche Auseinandersetzungsmöglichkeiten mit der vermeintlich aufgeklärten, vernünftigen Islamsatire Nuhrs: In diversen Youtube-Videos zu den Schlagworten „Nuhr“ und „Islam“ kann mensch Nuhr ein überaus pauschalisierendes Islambild nachweisen: Zuschreibungen wie Muslimisch-sein und Arabsich-sein werden unzulässig vermischt, ein negatives Menschenbild wird als „arabische Lösung“ deklariert. Beleg: „Hand ab bei Diebstahl hat ja was für sich!“ – Publikum lacht.

Fatwas werden reduziert auf eine Tötungsaufforderung gegenüber Islamkritikern, die zudem angeblich für alle MuslimInnen gälten. Etwas gewürzt wird das ganze mit der klassischen und in vielen „interreligiösen Gesprächen“ (oder intertheologischen Schlagabtauschen?) erprobte Argumentationstechnik des selektiven Verlesens problematischer Koranverse. Und dann noch die Reproduktion eines vormodernen, im Mittelalter steckengebliebenen und kulturell irrelevanten Orients (keine Nobelpreise, die lernen schon auch noch Humor etc.).

Das Netzwerk gegen Islamophobie und Rassismus in Leipzig verwendet Nuhr-Videos in Workshops gerne als Beispiel zur Sensibilisierung für eine unzulässige, weil nicht differenzierende Islamkritik. Unter dem Deckmantel der Satire wird einer bierernsten Wut über den Islam Ausdruck verliehen, die witzig zu finden großer Verbitterung bedarf. Es ist zumindest unschwer nachvollziehbar, dass mensch sich als Muslim (der Autor ist Nichtmuslim!) in unzulässiger Weise einem einseitig und undifferenziert negativen Islambild zugeschrieben fühlt. Nuhr reproduziert und bedient mit seinem lückenhaften Islamwissen islamfeindliche Ressentiments und fährt damit kein Programm der ehrlichen Auseinandersetzung, sondern eines der gesellschaftlichen Eskalation und Desintegration, dass der politischen Satire unwürdig ist. Dass das im Kabarett auch anders geht, zeigt zum Beispiel Hagen Rether. Betrachten wir vor diesem Hintergrund weiter, was LeFloid zu sagen hat:

„Natürlich sind Äußerungen Nuhrs zum Koran nicht ganz ohne – genau wie sie das zur Bibel nicht sind. Dieter Nuhr geht da gerne mal in die Offensive und sagt Dinge wie: ‚Die rufen Tod bis Krieg, nicht, das is‘ für mich, äh hat einen Grad von Lächerlichkeit, dem dürfen wir uns nicht anpassen und wir passen uns, äh, reihenweise da an – mich macht das wütend. Islam ist ausschließlich dann tolerant, wenn er keine Macht hat. Und da müssen wir unbedingt für sorgen, dass das bei uns so bleibt.‘ Natürlich provoziert das, aber das ist seine Aufgabe, verdammte Axt.“

Ausgerechnet das hier hineingeschnittene Nuhrzitat, das auch ausnahmsweise nicht einem seiner Shows, sondern einer eher ernsteren Interviewsituation entnommen ist, ist an dieser Stelle gerade kein Beleg für seine angeblich „unfassbar schöne, pointierte Art und Weise“, sondern vielmehr ein konkretes Beispiel für das generalisierende, pauschalisierende und abwertende Islambild eines wütenden weißen Mannes. Es greift den alten Mythos von der Demokratieunvereinbarkeit des Islam auf und stellt unhinterfragt Etabliertenvorrechte von „uns Europäern“ gegenüber „den Muslimen“ als gegeben in den Raum – in dieser Kombination ein typisch islamfeindliches, mindestens aber rassistisches Argumentationsmuster. Nuhr kann so als typisches Beispiel des in der Mitte der deutschen Gesellschaft weit verbreiteten antimuslimischen Rassismus betrachtet werden. Er artikuliert etwas, was in der neuesten Leipziger Mitte-Studie quantitativ belegt werden kann: Islamfeindschaft ist das neue Gewand des Rassismus. LeFloid, der für seinen kabarettistischen Held der Aufklärung in die Bresche springen möchte, stellt mit einem weiteren argumentativen Klassiker der sogenannten Islamkritiker fest:

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