Nuhr Islam

Da hätte LeFloid einfach mal seinen Mundt halten müssen

Die Strafanzeige gegen den Kabarettisten Dieter Nuhr wegen seinen Islam-Witzen schlägt hohe Wellen. Jetzt hat das Thema auch LeFloid erreicht, ein gefeierter Youtube-Jungstar. Benedikt Erb hat sich das angeschaut und kommt zu einem klaren Urteil.

Der gefeierte Youtube-Jungstar LeFloid mit über 2 Millionen Followern laut Wikipedia erklärt uns nun schon seit einiger Zeit die Welt, wofür er auch schon diverse Auszeichnungen erhalten hat. Der ihm eigene, bewusst subjektive Collage-Stakkato-Action-News-Stil ist zweifelsohne nicht jedermenschs Sache aber es geht im folgenden auch nicht um Stilkritik, sondern um eine Auseinandersetzung mit der politischen Tiefe seiner beliebten News-Kommentare. Denn seine Einschätzung zum Thema „Anzeige gegen Dieter Nuhr wegen Beschimpfung von Bekenntnissen und Religionsgesellschaften“ in seinem Youtube-Beitrag vom 27.10. [1] gibt mehr als zu denken. Sehen wir uns dazu einmal LeFloids Statements en détail an und reflektieren ihre Bedeutung:

„Aber wo wir gerade bei vernünftiger Message sind: Etwas themenverwandt [zum Hogesa-Aufmarsch in Köln] ist die Klage gegen Dieter Nuhr. Ja, der Mann, von dem viele von euch sagen, so würde ich in dreißig Jahren aussehen, wurde angezeigt.“ Von wem? Von einem Erhat Toka aus Osnabrück. Der ist Muslim und kann so gar nicht über den Kabarettisten lachen, wenn dieser über den Islam herzieht.“

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Erstmal fällt es schwer, eine Themenverwandtschaft zwischen offensichtlich rechtsextremen Ausschreitungen während einer offensichtlich islamfeindlichen Hooligandemo und einer Klage eines muslimischen Mitbürgers gegen die sogenannte Islamsatire von Dieter Nuhr zu erkennen. Es sei denn, mensch wollte tatsächlich – und das scheint LeFloid zu tun – der Hooligandemo eine zumindest im Kern legitime Salafismuskritik attestieren. Dass der rechte Antisalafismus eine im Grunde einfach durchschaubare islamfeindliche Rekrutierungsrhetorik rechtsextremer Kräfte ist, wurde in der Presse bereits mehrfach kommentiert, wenn es auch ganz offensichtlich noch nicht überall verstanden worden ist. Themenverwandtschaft also bestenfalls hinsichtlich der Tatsache, dass es um Islam geht. Und da kann ein LeFloid schon mal im einleitenden Satz folgendes Szenario abstecken: Vernünftige Islamkritik (Nuhr) trifft humorlosen, religiösen Konservativismus (Toka). Das ein sympathisch lächelndes Bild von Dieter Nuhr einem grimmig dreinblickenden Bild eines langbärtigen Erhat Toka gegenübergestellt wird, untermalt dieses Szenario auf visueller Ebene. LeFloid weiter über Nuhrs „über den Islam herziehen“:

„Dass er das aber als Satiriker in einer unfassbar schönen, pointierten Art und Weise macht und dass Satire nun mal Spott ist, der ganz gezielt und wie das Messer, das noch einmal in die Wunde gestichelt wird, auf gesellschaftliche Missstände hinweisen soll, das hat so ziemlich überhaupt keine Bedeutung für den Klagenden.“

Es sei LeFloid unbenommen, den Stil Nuhrs „unfassbar schön und pointiert zu finden“ – die Einschätzung, die klingt, als sei sie einer Preisverleihungslaudatio von Pro7 entnommen, muss mensch jedoch nicht teilen. Andere finden [2] die Pointen von Nuhr einfach nuhr schlicht. Aber auch hier bieten sich jenseits von Stilkritik inhaltliche Auseinandersetzungsmöglichkeiten mit der vermeintlich aufgeklärten, vernünftigen Islamsatire Nuhrs: In diversen Youtube-Videos zu den Schlagworten „Nuhr“ und „Islam“ kann mensch Nuhr ein überaus pauschalisierendes Islambild nachweisen: Zuschreibungen wie Muslimisch-sein und Arabsich-sein werden unzulässig vermischt [3], ein negatives Menschenbild wird als „arabische Lösung“ deklariert. Beleg: „Hand ab bei Diebstahl hat ja was für sich!“ – Publikum lacht.

Fatwas werden reduziert auf eine Tötungsaufforderung gegenüber Islamkritikern, die zudem angeblich für alle MuslimInnen gälten. Etwas gewürzt wird das ganze mit der klassischen und in vielen „interreligiösen Gesprächen“ (oder intertheologischen Schlagabtauschen?) erprobte Argumentationstechnik des selektiven Verlesens problematischer Koranverse. Und dann noch die Reproduktion eines vormodernen, im Mittelalter steckengebliebenen und kulturell irrelevanten Orients (keine Nobelpreise, die lernen schon auch noch Humor etc.).

Das Netzwerk gegen Islamophobie und Rassismus in Leipzig verwendet Nuhr-Videos in Workshops gerne als Beispiel zur Sensibilisierung für eine unzulässige, weil nicht differenzierende Islamkritik. Unter dem Deckmantel der Satire wird einer bierernsten Wut über den Islam Ausdruck verliehen, die witzig zu finden großer Verbitterung bedarf. Es ist zumindest unschwer nachvollziehbar, dass mensch sich als Muslim (der Autor ist Nichtmuslim!) in unzulässiger Weise einem einseitig und undifferenziert negativen Islambild zugeschrieben fühlt. Nuhr reproduziert und bedient mit seinem lückenhaften Islamwissen islamfeindliche Ressentiments und fährt damit kein Programm der ehrlichen Auseinandersetzung, sondern eines der gesellschaftlichen Eskalation und Desintegration, dass der politischen Satire unwürdig ist. Dass das im Kabarett auch anders geht, zeigt zum Beispiel Hagen Rether [6]. Betrachten wir vor diesem Hintergrund weiter, was LeFloid zu sagen hat:

„Natürlich sind Äußerungen Nuhrs zum Koran nicht ganz ohne – genau wie sie das zur Bibel nicht sind. Dieter Nuhr geht da gerne mal in die Offensive und sagt Dinge wie: ‚Die rufen Tod bis Krieg, nicht, das is‘ für mich, äh hat einen Grad von Lächerlichkeit, dem dürfen wir uns nicht anpassen und wir passen uns, äh, reihenweise da an – mich macht das wütend. Islam ist ausschließlich dann tolerant, wenn er keine Macht hat. Und da müssen wir unbedingt für sorgen, dass das bei uns so bleibt.‘ Natürlich provoziert das, aber das ist seine Aufgabe, verdammte Axt.“

Ausgerechnet das hier hineingeschnittene Nuhrzitat, das auch ausnahmsweise nicht einem seiner Shows, sondern einer eher ernsteren Interviewsituation entnommen ist, ist an dieser Stelle gerade kein Beleg für seine angeblich „unfassbar schöne, pointierte Art und Weise“, sondern vielmehr ein konkretes Beispiel für das generalisierende, pauschalisierende und abwertende Islambild eines wütenden weißen Mannes. Es greift den alten Mythos von der Demokratieunvereinbarkeit des Islam auf und stellt unhinterfragt Etabliertenvorrechte von „uns Europäern“ gegenüber „den Muslimen“ als gegeben in den Raum – in dieser Kombination ein typisch islamfeindliches, mindestens aber rassistisches Argumentationsmuster. Nuhr kann so als typisches Beispiel des in der Mitte der deutschen Gesellschaft weit verbreiteten antimuslimischen Rassismus betrachtet werden. Er artikuliert etwas, was in der neuesten Leipziger Mitte-Studie quantitativ belegt werden kann: Islamfeindschaft ist das neue Gewand des Rassismus [7]. LeFloid, der für seinen kabarettistischen Held der Aufklärung in die Bresche springen möchte, stellt mit einem weiteren argumentativen Klassiker der sogenannten Islamkritiker fest:

„Jetzt wird rumgeplärrt: ‚Nuhr drohen bis zu drei Jahre Haft‘ – aber wenn wir mal ehrlich sind: Nein, drohen sie nicht. Das wäre eine Beschneidung der Meinungsfreiheit in so einem unfassbar hohen Maß, dass ich persönlich es einfach für absolut unrealistisch halte.“

Der Psychologe, Sozialpädagoge und Nichtjurist Florian Mundt alias LeFloid erklärt uns mit seinem subjektiven Rechtsempfinden, wie Rechtsprechung funktioniert: Die lax und proislamisch ausgelegte Religionsfreiheit beschneidet die Meinungsfreiheit. Ist das nicht das Szenario der sogenannten Islamkritiker und selbst ernannten politisch Inkorrekten? Und so geht es dann auch schon mit einer Variation des guten alten „ich hab nichts gegen den Islam, aber…“ mundter weiter, wobei mensch wahrscheinlich Mundt sogar tatsächlich abnehmen darf, nichts pauschal gegen den Islam zu haben – er scheint ja nich auf den Kopf gefallen zu sein:

„Das was ich jetzt sage, hat für mich überhaupt nichts mit dem Islam zu tun. Generell bin ich der Meinung, das was ganz extrem schief läuft, wenn deutsche Grundrechte mit Füßen getreten werden, Meinungs- oder Pressefreiheit beschnitten wird, nur weil eine Minderheit mal wieder Recht bekommt, nur aus dem Fakt heraus, dass sie eine Minderheit ist und die deutsche Politik da so gerne kuscht. Dann kann ich das nicht gut finden.“

Diese Feststellung LeFloids ist die eigentlich problematische Essenz seiner Situationsanalyse. Was von Nuhr zu halten ist, wird ja ohnehin nicht ernsthaft von ihm diskutiert und ist auch eigentlich eine andere Diskussion. Aber das LeFloid die Sachlage allen Ernstes mit Minderheiten- vs. Majoritätenrechten zusammenbringt, gibt zu denken. Naika Foroutan, Soziologin an der UH Berlin, sagte einmal: Die Stärke einer Demokratie kann man am Umgang mit ihren Minderheiten messen. Das Demokratieverständnis, das hingegen LeFloid artikuliert, redet der verzerrten Wirklichkeitswahrnehmung von AfD und PI das Wort: Die Minderheit bekommt mal wieder Recht und das auch noch nur weil sie Minderheit ist.

Erstmal ist der Fall Toka gegen Nuhr noch lange nicht rechtlich aufgerollt – es besteht lediglich eine Anzeige. Wer Recht bekommt und wer nicht und vor allem aus welchen Gründen, das ist erst noch Gegenstand von Verhandlungen, sofern es zu solchen überhaupt kommt. Die Rechtsprechung – und das ist ein weiterer grober Schnitzer von LeFloid – ist aber nicht Gegenstand politischer Ansichten. Es ist für das Ergebnis einer Verhandlung unerheblich, ob die deutsche Politik kuscht – einmal unabhängig der Bewertung, ob sie das denn überhaupt tut. Zumindest formal ist dies ein wesentliches Prinzip der demokratischen Gewaltenteilung, das LeFloid entweder nicht anerkennt oder dessen Wirksamkeit er in Deutschland in Frage stellt. Beides wäre problematisch und spielt fragwürdigen Kräften argumentativ in die Hände. Final kommt dann noch ein in platter Vergleich, der in bester Nuhrscher Tradition stehen könnte:

„Und nur weil es jemandem einem anderen (sic!) ans Bein pissen will, weil sie sich nicht den selben Humor teilen – meine Fresse, der Papst verklagt auch nicht reihenweise schwule Comedians, die was gegen die Kirche sagen.“

Toka mit dem Papst zu vergleichen, hinkt gewaltig – der eine ist ein Parteipolitiker und Muslim und der andere ist religiöses Oberhaupt einer ganzen Religionsgemeinschaft. Der eine spricht aus einer Minderheitenposition, die sich in Europa manifesten Diskriminierungen erwehren muss, der andere spricht in Europa aus einer etablierten Position und sähe sich in puncto Homophobie selbst einem Diskriminierungsvorwurf ausgesetzt. Abschließend streitet LeFloid dem Kläger dann eben noch Intelligenz und Humorfähigkeit ab und reduziert die Thematik erneut und höchst fragwürdig, indem er suggestiv fragt:

„Was ist eure Meinung dazu, geht jemand wie Dieter Nuhr zu weit, oder ist es völlig legitim und total in Ordnung, einfach vorauszusetzen, dass es genug intelligente Leute gibt, die verstehen, was er sagt?“ Dazu interessieren mich eure Meinungen wie die Sau, also rein damit in die Comments jetzt – das will ich unbedingt lesen!“

Dabei übernimmt sich LeFloid ausgerechnet mit dieser Aufforderung gewaltig, Klar Youtuber mit Content brauchen die Usercomments wie die Luft zum Atmen. Comments und Follower sind das soziale Kapital der Szene, mit dem die Aufmerksamkeit gemessen wird. LeFloid ist aber – das konnte gezeigt werden – eigentlich nicht in der Lage, sich qualifiziert zu der Thematik zu äußern, also ist er auch nicht in der Lage, die Diskussion unter seinem Video zu moderieren – was er wohl auch in Youtuber-Manier kaum machen wollen wird.

Fakt ist: LeFloid hat von der Thematik eigentlich nicht viel verstanden. Er redet am Thema völlig vorbei, wenn er am Ende analysiert, dass eine Minderheit wieder einmal nur Recht bekäme, weil sie eine Minderheit sei und dass die Politik wieder einmal einknicke. Welchen traurigen Demokratieverständnissen dies Vorschub leistet, zeigen die Comments – stellvertretend sei der User Tricloip zitiert: „Richtig! Endlich bringts wer auf den Punkt! Wir geben unsere Kultur für die anderer(der Minderheit) auf!“ Das ist Minderheitenchauvinismus und zeugt lediglich von Abstiegsängsten. Zur sachlichen Debatte trägt es aber in keinster Weise bei. Da hätte Florian wohl lieber seinen Mundt gehalten.